Argentinien im Ausverkauf: Der Fußball, die Gringos und die Malvinen

Anfang September 2026 mündeten diverse geopolitische und innenpolitische Konflikte in ein medienwirksames Gerangel um die Islas Malvinas (auch bekannt als „Falklandinseln“), die Inselgruppe im Südatlantik, die 400 Kilometer vor Argentiniens Küste liegt und seit 1833 von Großbritannien verwaltet wird. Ein britisch-israelisches Konsortium plant Offshore-Ölbohrungen, woraufhin der argentinische Außenminister Strafanzeige gegen eine Reihe von Tochter­gesellschaften des Unternehmens gestellt und Milei mit Sanktionen gedroht hat, falls ohne Argentiniens Erlaubnis gefördert werde. Kurz zuvor hatte Milei Besitzansprüche auf die Inselgruppe geltend gemacht und die Errichtung einer Militärbasis angekündigt, wohl ermutigt durch US-Präsident Trump. Dann äußerte sich Israels Sicherheitsminister Ben-Gvir und forderte, die Inseln als Teil Argentiniens anzuerkennen und wiederum Großbritannien aufgrund seiner „Besetzung“ der Insel zu sanktionieren (offenbar eine Retourkutsche auf Großbritanniens Kritik an Israels Siedlungspolitik im Westjordanland). Es bleibt also kompliziert. Was das Ganze mit Fußball und Innenpolitik zu tun hat, erklärt ila-Autorin Alicia Rivero in diesem Beitrag.

Das Dorf Valle Hermoso liegt an den Ausläufern der Andenkordilleren in der argentinischen Provinz La Rioja. Im Jahr 2008 erwarb ein US-amerikanischer Rabbiner und Unternehmer 200 000 Hektar Land mitsamt dem ganzen Dorf, einschließlich seiner Wasserquellen. Dies löste einen Territorialkonflikt aus, der als Präzedenzfall für die Verabschiedung des Landgesetzes (Ley de Tierras) vom Jahr 2011 gilt. Bis dahin hatte es eine Rechtslücke gegeben, die dazu führte, dass eine gerichtliche Versteigerung durch die Banco Nación letztendlich zum Verkauf eben dieses Gebiets in La Rioja führte.

Viele mussten an Valle Hermoso denken, als Präsident Javier Milei eine Liberalisierung des Landverkaufs mit einem Gesetzentwurf unter dem irreführenden Titel „Gesetz über die Unverletzlichkeit des Privateigentums” durchsetzen wollte. Gezielt stellte er den Entwurf im Senat während der Fußball-WM zur Diskussion. Auch ohne Mehrheit im Parlament gingen bisher fast alle Gesetzentwürfe der Regierung durch, dank der Zustimmung der sogenannten freundlichen Opposition (ausgenommen der peronistischen Fraktion und der linken Partei FIT-U). Deshalb ging man davon aus, dass es so auch mit dem „Gesetz der Landveräußerung ans Ausland” (ley de extranjerización), wie die Leute den Gesetzentwurf umbenannt hatten, geschehe.

Das Landgesetz von 2011 sieht vor, dass bis zu 15 Prozent des Staatsgebiets in ausländische Hände übergehen können. Laut Pablo Volkind, dem Koordinator des Observatoriums für Landfragen, beträgt der Anteil ausländischen Eigentums derzeit etwa fünf Prozent des argentinischen Territoriums, was 13 Millionen Hektar entspricht (etwa 3,9-mal so groß wie NRW). Das Gesetzesprojekt werde in Regel verwandeln, was bisher Ausnahme sei. Volkind nannte den Gebirgskorridor Bariloche-El Bolsón in Patagonien, wo eine Gruppe königlicher Familien aus dem Nahen Osten und Europa zusammen mit unter anderem belgischem, britischem und italienischem Kapital eine Enklave mit eigenen Regeln, politischer Macht und privaten Armeen besitzt. Hier geht es um etwa 100 000 Hektar, die über Strohmänner, Scheinfirmen und betrügerische Treuhandgesellschaften erworben wurden und mit Verabschiedung des aktuellen Gesetzentwurfs automatisch legalisiert werden würden. Für den Journalisten Alejandro Pairone wäre eine weitere Folge des Regierungsvorhabens die Verdrängung bäuerlicher und indigener Familienbetriebe, wie er in Tiempo Argentino am 2. August schrieb. Eine Zunahme der Organisierten Kriminalität in den Grenzgebieten wäre eine weitere Begleiterscheinung dieser Reform. Der Kauf großer Landflächen könnte dank der Deregulierungen Gelder aus dem Handel mit Drogen, Menschen und Waffen, aus dem Schmuggel und anderen illegalen Aktivitäten nach Argentinien ziehen. Als ein Journalist den Außenminister Argentiniens fragte: „Wenn ein Ausländer eine Provinz kaufen möchte, darf er das?“, antwortete Außenminister Quirno ohne mit der Wimper zu zucken: „Naja, schon“. Und im gleichen Zusammenhang: „Souveränität ist ein überholtes Konzept.“

Strich durch die Rechnung

Die Parlamentsdebatte über das Gesetz zur Landveräußerung wurde mehrmals verschoben. Im Vorfeld des letzten Versuchs gab es im Senat eine labile Parität, die mit der Stimme der Senatspräsidentin zugunsten der Regierung hätte entschieden werden können. Die Würfel schienen gefallen zu sein. Das Timing der Regierung war jedoch schlecht, denn die Debatte war für den 16. Juli angesetzt, also einen Tag nach dem Halbfinale zwischen Argentinien und England. In den letzten fünf Minuten regulärer Spielzeit gewann Argentinien 2:1. So unerwartet wie der Sieg machten die argentinischen Fußballspieler der Regierung einen Strich durch die Rechnung, als sie nach dem Spiel ein improvisiertes Stofftransparent mit der Parole „Las Malvinas son argentinas” (Die Falklandinseln sind argentinisch) zeigten.

Hunderttausende Argentinier feierten den Sieg auf den Straßen, als ob es das Finale gewesen wäre. Sogar in der konservativen Provinz Salta liefen Nonnen auf die Straße und riefen: „El que no salta es un inglés“, einen der bekanntesten Sprüche auf argentinischen Fußballplätzen: „Wer nicht springt, ist ein Engländer.“ Das Finale gegen Spanien schien fast gar nicht mehr wichtig. Plötzlich demonstrierten massenhaft Argentinier*innen gegen das Gesetz der Landveräußerung. „Die Malvinen sind argentinisch, Argentinien auch!“ Die Regierung musste das umstrittene Kapite l sowie ein weiteres zur Deregulierung des Schutzes vor Brandrodung herausnehmen, um den Rest des Gesetzentwurfs nicht zu gefährden.

Ein Bettlaken macht Geschichte

Das Mitbringen von Transparenten zum Malvinenkrieg im Stadion war untersagt. Die argentinische Sicherheits­ministerin Alejandra Monteoliva kündigte besondere Kontrollen an. Dem Verbot trotzend bastelte ein argentinischer Fan ein Transparent aus einem Hotelbettlaken und malte darauf: „Las Malvinas son argentinas.“ Um die Kontrollen im Stadion zu umgehen, versteckte er es zusammengefaltet zwischen den Beinen. Am Spielende positionierte er sich mit seinen Freunden hinter dem Tor, in dem Enzo Fernández und Lautaro Martínez die Tore gegen England erzielten. Als ein Sicherheitsmann versuchte, sie vom Platz zu verweisen, wickelten sie den Lappen um eine Plastikflasche und warfen ihn auf das Spielfeld, wo er von Lo Celso aufgelesen wurde. Sofort schlossen sich andere argentinische Spieler an und hielten das Transparent vor der Tribüne und den Kameras hoch. Innerhalb weniger Minuten ging das Bild um die Welt.

Wie kam es dazu, dass eine Welle von Patriotismus die in jüngster Zeit gelähmte argentinische Gesellschaft erfasst hat? Der Hintergrund ist der Malvinenkrieg 1982, verbunden mit der Fußball-WM 1986: Argentinien besiegte England im Viertelfinale mit zwei Toren von Diego Maradona im Aztekenstadion. Vier Jahre nach dem verlorenen Krieg war das Duell für Argentinien und seine Mannschaft mehr als nur ein Spiel. So ist es bis heute. Verborgen, aber dennoch präsent waren die toten argentinischen Soldaten und Maradonas Großtat von 1986. Unvergessen ist auch ein bestimmtes Kriegsverbrechen der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher: Sie ordnete die Versenkung eines argentinischen Schiffes außerhalb des Konfliktgebiets an, wobei 323 argentinische Soldaten starben. Mit dem improvisierten Krieg und der argentinischen Kapitulation wurden sämtliche diplomatischen Anstren­gungen Argentiniens um Jahrzehnte zurückgeworfen. Heute sind die Inseln auch militärisch von Groß­britannien besetzt, die Ausbeutung wertvoller Ressourcen liegt in ausländischen Händen.

Bereits im Dezember 2025 erteilte die Kolonialregierung der Malvinen der israelischen Navitas Petroleum und der britischen Rockhopper Exploration die Genehmigung, das 200 Kilometer nördlich der Inseln liegende Sea-Lion-Feld zu erschließen, ohne dass die argentinische Regierung protestierte und obwohl das anfangs erwähnte Gesetz 26.659 aus dem Jahr 2011 die Exploration und Förderung von Erdöl und Erdgas auf dem argentinischen Kontinentalsockel ohne Genehmigung der Regierung verbietet sowie Sanktionen für Finanz- und Dienstleister sowie für Partnerunternehmen vorsieht.

In einer Kehrtwende um 180° in seiner Malvinenpolitik kündigte Milei nun am 3. September an, das Gesetz 26.659 zu verschärfen sowie einen Militärstützpunkt in der argentinischen Provinz Feuerland zu errichten. Ob aus Opportunismus und/oder aus Unterordnung, dieser Schritt erfolgte unmittelbar, nachdem Donald Trump das Thema Malvinas aufgegriffen hatte, um die Briten wegen ihrer Haltung im Irankrieg zu verärgern. Es ist kein Geheimnis, dass die USA Interesse an einem Militärstützpunkt im Südatlantik haben. Milei kündigte auch an, dem Verteidigungsministerium mehr Mittel zur Verfügung zu stellen, obwohl die Streitkräfte durch seine Sparmaßnahmen finanziell ausgehungert und öffentliche Bauvorhaben gestrichen wurden.

Beunruhigt über die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung und beeinflusst von der Reaktion auf das Transparent zu den Malvinen im Halbfinale wirft Milei nun Nebelkerzen, die auf einen frühen Beginn des Wahlkampfs hindeuten. Die angebliche Kehrtwende klingt für jemanden unglaubwürdig, der in seinem Präsidentenbüro ein Bild von Margaret Thatcher hat und das Territorium Argentiniens zum Verkauf freigeben wollte. Schließlich ist das Gesetz der Landveräußerung ans Ausland ein beispielloser Verzicht auf Souveränität. Ohne Einschränkungen würde global konzentriertes Kapital über ländliche Flächen, Urwälder, Seen und Flüsse verfügen und mit Gewalt Expressräumungen in städtischen und ländlichen Gebieten veranlassen können.

Nachtrag: Kein Happy End

Bereits 2023 wollte die Regierung mit einem Dring­lichkeitsdekret (DNU) das Landgesetz von 2011 außer Kraft setzen, was bislang durch eine einstweilige Verfügung des Zentrums ehemaliger Kombattanten der Malvinen (CECIM-La Plata) ausgesetzt wurde. Der Erfolg vom 16. Juli gegen den zweiten Versuch im Senat war nur von kurzer Dauer. Ein Urteil des Obersten Gerichtshofs vom 29. September 2026 hat nun die Aufhebung des Landgesetzes, die im DNU von 2023 vorgesehen war, bestätigt. Argentinien steht wieder zum Ausverkauf bereit.

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 499 Okt. 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Infomationsstelle Lateinamerika in Bonn. Ein Link wurde nachträglich eingefügt.

Über Alicia Rivero - Informationsstelle Lateinamerika:

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