Seit einigen Monaten beobachte ich ein interessantes Phänomen. Die politischen Gewalttaten steigen an, gewalttätige Auseinandersetzungen am Wochenende, in Fußballstadien und drumherum, Aggressionen auf Partymeilen und bei Großveranstaltungen nehmen zu. Und natürlich steigt die AfD in den Umfragen. Gleichzeitig wird die Welt um mich herum immer langweiliger, trister, grauer und farbloser. Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang? Sei er symptomatisch, beispielhaft oder gar ursächlich? Wie komme ich drauf?

Wand ohne Farbe

Ich bin derzeit dabei, meine Wohnung zu renovieren, in die ich vor 12 Jahren eingezogen bin. Damals habe ich drei schöne Farben von “A….color” an die Wände gebracht: Ozeanic, ein leuchtendes Türkisblau, “Frisch gepresst” ein wildes orange/gelb und Purpurviolett. Sternekoch Tim Mälzer war damals Werbeträger für diese Farbrezepte. Am Wochenende versuchte ich, diese – oder ähnlich schöne – Farben wieder im Baumarkt zu finden – Fehlanzeige. Meine Frage nach “A….color” führte zu einer langweiligen, allseitig abgetönten Farbpalette: Türkisgrau, Rubingrau, Atlantikgrau, Gelbgrau, Graugrau, Schwarzgrau, blaugrau – sogar rosagrau.

Möbellangeweile

Ich bin ja (noch) Abonnent des “Kölner Stadtanzeiger”, der natürlich fast täglich Werbebeilagen von Möbelhäusern und Baumärkten enthält. Ob Polster Tr,  P…a, I…a, XXL-Schachtelunternehmen, usw. alle angebotenen Möbel sind grau, wenige Beige. Wo vor zehn Jahren noch rote, blaue, gelbe, grüne Küchen angeboten wurden, dominieren Grau, Schwarz und Weiss, selten mal Cremefarbe oder ein leichtes Blassgrün. Allein ein paar Küchenmaschinen gibt es noch in rot, farbige Kühlschränke, noch vor 10 Jahren der Renner, finden sich praktisch nirgends mehr. Und die Farbe der Kommentare nähert sich ebenso den 50er Jahren an, wie die politische Farbe der journalistischen Kommentare, die  fast ausnahmslos dem konservativen Mainstream und Klassenkampf von oben “Wir müssen alle mehr arbeiten und den Gürtel engerschnallen!” repräsentieren. Wie soll Wohnen da noch spaß machen? Angesichts der heutigen Mieten geht das sowieso nicht.

Langweilige Klamottenfarben

Wenn ich T-Shirts kaufe, natürlich bei Trigema Made in Germany, fehlen inzwischen wichtige Farben – ein fettes, leuchtende Lila, ein knalliges Grün, ein elegantes Türkis, das mutige Gelb.  2018 gabs die noch. Ich helfe mir, indem ich mir weisse T-Shirts kaufe und sie mit Wäschefarbe in der Waschmaschine färbe. Aber auch da gibt es inzwischen ein Problem. Im DM-Markt gibt es nur noch Schwarz und Jeansblau. Bei Rossmann kommen noch blaulila, einfachrot und orange dazu. Aber die Farben, die ich haben möchte, kann ich mir auch in diesen Läden nur übers Internet bestellen. Ich scheine also einen exotischen Geschmack zu haben. Aber ich bin ja auch liberal und grün, denke ich – kann ich ja nicht von jeder/m verlangen. So war ich vorgestern im besagten Outlet in Köln-Marsdorf. Als ich meine Auswahl und vier weisse T-Shirts an der Kasse vorlegte, wurde ich mit wrmen, fast zärtlichen Worten ob meiner lila Haare gefeiert. Na, das seien ja die richtigen T-Shirts zum Mann und zum Auto – freundliche Freude breitete sich im ganzen Verkaufsraum aus.

Langeweile auf vier Rädern?

Dass die Straßen immer eintöniger Schwarz-Grau-Silber werden, haben wir hier schon öfter diskutiert.  Ich fahre deshalb notgedrungen inzwischen oldtimerfähige Autos, Baujahr 2001 ff. weil ich an Farbe hänge. In meinem Fall “designo purpur” und “designo Lila”. Ich überlege schon, sie zu Elektrofahrzeugen umzubauen, was gar nicht so abwegig ist, weil ich mich  auf allen Portalen, ob Mobile.de oder Autoscout24 als absoluter Exot wiederfinde. Nur Schwarz, Silber, Weiß, ganz selten Rot. Nix  ist mit Mercedes-Tansanitblau oder British Racing Green, Lamborghini-Gelb oder Opels legendärem Monzablau metallic!  Auch die Minis, früher knallrot oder knallgrün, gibt es in allen Schattierungen von Silbergrau Matt und Schwarz Matt sowie mindestens  26 Grautönen in glänzend und matt. Alle VWs, vor allem den Elektromodellen, denen ich im Straßenverkahr begegne, von iQ3 bis iQ7 stehen ihre weiteren 36 Silber/Grau/Schwarztöne überhaupt nicht, weil sie verquaste Designs hässlicher Knicke und Sicken mit überflüssigen schwarzen Eintritts- und Auslassöffnungen und Spoilern kombinieren, aus denen nichts ein- oder austritt.  Wo sind sie, die Pininfarinas, Giugiaros, Luigi Colanis, Béla Bartolis, Carrol Shelbys, F.A.Porsches  dieser Welt geblieben?

Was Farbe bewirken kann

Seit ich bunt lebe, eigentlich seit den 80er Jahren, aber bewusst in diesem Jahrhundert mit vielen Lila/Rosatönen, habe ich als Hetero-Mann viele interessante Erfahrungen gemacht. Die Mercedes-Community MBSLK lud mich im Februar ein, neben zwei silbernen Oldtimern der Roadsterreihe mein lila Cabrio auf der “Retro Classics” in Stuttgart auszustellen. Neben Sympathie- und Kaufangeboten fand ich interessant, wie Männer ihr Verhältnis – unterdrückte Homophobie? – zur Farbe Lila äußern. Mindestens drei türkische Männer bestaunten mein Auto,  gratulierten oder stellten Fragen, wie ich das gemacht habe, gaben vor, “dass die Farbe ihrer Frau bzw. Freundin  besonders gefalle”. Die standen aber gleichzeitig an einem ganz anderen Stand in Sichtweite. Andere fragten, ob das Auto zu verkaufen sei.

Warum, frage ich mich, konnten die nicht sagen, dass ihnen in Wirklichkeit die Farbe gefällt? 2021:  Ich fahre mit meinem Diesel-SLK durch Berlin – vor dem Friedrichstadtpalast an der Ampel knipsen Touristen wie doof mein Auto in Purpur. “Terrific Colour” tönt es und hat offensichtlich Freude bereitet.

Über Roland Appel:

Avatar-FotoRoland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @rolandappel@extradienst.net