Die verpasste Chance, Berlusconi zu erklären

Mit grosser Erwartung las ich das: Ambros Waibel/taz: Buch ‘Berlusconi confidential’: Wie wird man einen Auto­kraten los? – Ein Journalist hat ein Buch über Berlusconi geschrieben. Warum das interessant ist? Weil es einiges über die moderne politische Kommunikation aussagt.” Gibt es ein wichtigeres Thema?

Bei diesem Autor hatte ich, anders als beim taz-Gesamtbild, eine hohe Kompetenzerwartung. Vielleicht liegt es am besprochenen Buch? Denn die im Teaser angesprochenen Fragen bleiben komplett unbeantwortet. Was nicht übelzunehmen wäre, weil sie schwierig sind. Aber sie werden gar nicht bearbeitet – das ist Gedankenfaulheit.

Ich weiss, dass Waibel mehr darüber weiss als ich. Warum schreibt er es nicht?

Berlusconis Relevanz

25 Jahre vor Trump, Farage, Meloni, Le Pen, Weidel, Orban, Kaczyński und all ihren Geschwistern im Geiste machte der Mafia-Gesandte Berlusconi vor, wie eine morsche Demokratie mit morschen Massenmedien gekapert wird. Demokrat*inn*en bereiteten seinen Weg, auch Edle darunter. Anti-Korruptionsprozesse wurden in Italien im TV übertragen wie Fussball-Länderspiele. Und genauso gebannt geguckt. Auch von mir. Antonio Di Pietro konnte es als TV-Star mit den Fussballstars aufnehmen. Vorübergehend.

Mit den Mafia-Millionen (und -Netzwerken!) im Rücken machte sich Berlusconi auf, erst den AC Milan, dann die Massenmedien, und dann die Staatsmacht zu erobern. Mehrmals gelang danach sogar seine demokratische Abwahl durch eine kluge Bündnispolitik der italienischen Linken und Liberalen. An der Regierungsmacht wurden sie von der von den Deutschen diktierten EU-Austeritätspolitik ökonomisch ausgebremst, nach der Regierungsmacht eine demokratische Wiederwahl folgen zu lassen. Kohl, Merkel und Schäuble waren es, die Berlusconi unsterblich machten. Die “Staatsschulden” waren schuld. Sie schenken der Kapitalmafia das Erpressungspotenzial.

Dieser Schwerkriminelle durchschaute, wie er an demokratischen Medien und Institutionen vorbei “direkt”, d.h. vor allem demagogisch und hetzerisch, mit seinem “Volk” kommunizieren musste. Fast alle Faschist*inn*en dieser Welt kopieren ihn. Und die Demokrat*inn*en sind strategisch so arm, dass sie beten müssen, dass die dümmer sind als Silvio, Donald und ihre Mafia-Steuermänner.

Das kann nicht gutgehen.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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