Im Land der selbsternannten Supermacht: Selbst in der reichsten Mega-City Indiens sorgt der Monsun-Regen wieder für Chaos, wie in einem Land der sogenannten Dritten-Welt

Menschen trotten zu zehntausenden durch knietiefes Wasser zur Arbeit. Einige von ihnen sterben dabei, weil Stromasten vor ihnen ins Wasser knallen. Andere werden von entwurzelten Bäumen erschlagen, oder rutschen in Löcher auf dem Untergrund, die wegen der Wassermassen nicht zu sehen sind und ertrinken jämmerlich. Auch wenn ich in den letzten Tagen nur die Bilder und Nachrichten aus Mumbai und anderen Städten gesehen habe, in denen Kinder in ihren Straßen schwimmen, habe ich eine Vorstellung, wie sich das anfühlt.

Unzählige Monsunregen habe ich unter diesen Umständen im pakistanischen Lahore verbracht. Jeder abendliche Heimweg vom Freiluft-Gym  war ein kleines Abenteuer, wenn die oberirdischen Stromleitungen plötzlich Funken sprühten, oder ich nicht mehr genau wusste, wo jetzt das nächste Loch unter dem Wasser ist. Sicherheit gab einem nur die Statistik: Auch in der Millionenstadt Lahore erwischte es jeden Monsun „nur“ etwa 100 Menschen. Die Wahrscheinlichkeit damals den 8511 Meter hohen Berg K-2 zu besteigen, lag dagegen bei fünf zu eins: 278 schafften es, 66 starben.

Geopolitische Spielchen vs.Altag

So würde es auch heute niemanden überraschen, Chaos-Regen-Bilder aus Pakistan zu sehen. In Zeiten der Klimakatastrophe vielleicht auch nicht aus Indien. Aber wohl überraschend, dass die aktuellen Bilder aus Mumbai nur bedingt mit dem Klimawandel zu tun haben. Ja, auch in Indien kommt der Regen mittlerweile in kürzer Zeit und dafür in größeren Mengen. Doch die Überschwemmungen sind völlig normal und strukturell bedingt. Das passt natürlich überhaupt nicht zu dem, was sonst auch in unseren Medien immer mehr vermittelt wird. Indien stockt Budget für die Weltraumforschung auf. Selbst wenn einmal vor dem Rechtsruck in Indien gewarnt wird, wird auch der ökologische Zustand völlig ausgeblendet. Dann kommen wieder die Technikbegeisterten zu Wort, mit ihren Großprojekten in Indien, oder mit Geospielchen-Artikeln, in denen Indien angeblich eine immer größere Rolle spielt. Dabei hat es die Modi-Regierung geschafft, dass sich nahezu alle direkten Nachbarn von Nepal bis Bangladesch und Pakistan sowieso, immer mehr Peking zuwenden. 

Über die Grundrealitäten auch in Mumbai erfährt der Leser in Deutschland wenig. In Mumbai sieht die wie folgt aus. Eine schwer korrupte wie kriminelle Politik, deren konkurrierende Täter auch mal live während eines Facebookchats erschossen werden. Selbst hohe Parteiführer können in Mumbai auf offener Straße ermordet werden, weil einflussreiche Bandenführer wie Lawrence Bishnoi aus dem Gefängnis heraus dafür den Auftrag geben. Canada listet die Bishnoi-Bande übrigens als Terrororganisation und wirft der indischen Regierung vor, dass ihr Geheimdienst RAW bei der Ermordung eines kanadischen Staatsbürgers mit der Bishnoi-Bande zusammen gearbeitet habe.

Ein Grossprojekt jagt das Nächste

Für den Ablauf des täglichen Lebens ist es in Mumbai völlig egal, ob dort Modis BJP-Partei regiert, oder eine der lokalen Parteien. „Mumbai hat immer noch kein funktionierendes Abwassersystem, worauf Bürgerorganisation seit Ewigkeiten hinweisen. Und dass das Regenwasser wegen der dichten Bebauung nicht mehr in der Erde versickern kann, trägt seinen Teil bei. Mumbais Außenbezirke sind, wie ­Teile der Feuchtgebiete, gleichfalls zugebaut,“ sagte mir schon nach den Überschwemmungen im Jahr 2019 die Umweltjournalistin Nidhi Jamwal. Ein indischer Kollege fasste damals das „Wasserchaos“ mir gegenüber sogar so drastisch zusammen: „Wir bekommen was wir verdienen.“ Seitdem ist alles noch schlimmer geworden.

 Ein Großprojekt jagt auch in Mumbai das nächste, selbst wenn dabei auch noch die Mangrovenwälder zerstört werden, die die Metropole eigentlich vor zukünftigen Stürmen und dem Eindringen von Meereswasser schützen sollen .

Hauptnutznießer solcher Entscheidungen in Mumbai ist auch der Milliardär Gautam Adani – ein Freund von Premierminister Modi. Insgesamt 9 Großprojekte hat die Adani-Gruppe in Mumbai am laufen  – vorwiegend Luxuswohnungen und Straßenbauprojekte in einer Metropole, die schon jetzt so versiegelt ist, dass es eben bei jedem Monsunregen zu Überschwemmungen kommt.

Übrigens hat die Trump-Regierung gerade eine Korruptions-Anklage gegen Adani fallen lassen – dafür investiert der indische Milliardär jetzt 10 seiner 120 Milliarden US-Dollar in den USA . Und da regt sich auch Deutschland gerade wegen einer zurückgenommenen roten Karte auf. Das Mindeste, was jeder tun kann, ist nicht anzuschalten, aber das taten gegen Paraguay mal wieder 17 (von 84) Millionen Menschen bei uns.

Wassermangel oder Überschwemmung

In nahezu allen indischen Metropolen herrscht das gleiche Prinzip, so auch im südindischen Chennai: Die 11 Millionen Einwohnerstadt hat seit mehr als zwei Jahrzehnten entweder schweren Wassermangel, weil die Metropole so versiegelt ist, dass sich die Grundwasserstöcke nicht mehr auffüllen können, oder sie ist nach jedem Regen überschwemmt, weil die Feuchtgebiete zugebaut worden sind und das Regenwasser nicht mehr dorthin ablaufen kann.

Ich habe auch hier im Extradienst schon einige Male erwähnt, dass der Rest der Welt (inklusive unserer konservativen Wirtschaftsexperten) noch böse überrascht werden wird über die Ausmaße der ökologischen Katastrophe in Indien. Passend dazu wieder ein aktueller Telepolis-Indien Artikel: Großprojekte werden bejubelt, wie auch ein weiterer Schnellzug in Mumbai, ohne das der Autor einen Schimmer hat, dass es in Mumbai seit vier Tagen zu schwersten Überschwemmungen kommt. Was Mumbai braucht ist eine funktionierende Infrastruktur und keine Superschnellzüge mit dem im Ausland angegeben werden kann.

Nachdem schon Tunnel und Straßen der indischen Modi-Regierung für immer mehr Erdrutsche im indischen Himalaya sorgen, plant sie nun auch noch Eisenbahnlinien mit kilometerlangen Tunneln.

 Dabei sinken schon jetzt Dörfer und ganze Städte im Bergbundesstaat Uttarakhand ab, genau wegen solcher Großprojekte. Die Wissenschaft warnt davor schon seit knapp 15 Jahren, und sagte sogar das „Unglück“ in der sinkenden Stadt Joshimath voraus.

Es regnet seit 48 Stunden ununterbrochen

Aktuell regnet es im Bergbundestaat Uttarakhand seit mehr als 48 Stunden ununterbrochen. Die ersten Flüsse haben Hochwasser, die nächsten Überschwemmungen und Erdrutsche sind nur eine Frage von Tagen. So kam es auch im letzten Jahr in Uttarakhand zu mehreren Katastrophen, bei denen vor laufender Kamera eine Schlammlawine eine Stadt und ihre wegrennenden Menschen begrub. Auch im Nordosten Indiens, in Sikkim, werden Städte und Menschen regelmässig durch Fluten und Schlammlawinen begraben – auch dort warnte die Wissenschaft Jahre vor den Unglücken.

Doch auch in Sikkim plant die indische Regierung eine Eisenbahnlinie bis tief ins sensible Himalaya, das zu den jungen Gebirgen zählt und immer noch wächst, also ständig in Bewegung ist. 

Über das und andere ökologischen wie sozialen Zeitbomben in Indien habe ich in mehr als 100 Artikeln und Reportagen dank Florian Rötzer und Thomas Pany auf Telepolis berichten dürfen. Meine Reportagen wurden auch von Wirtschaftsmagazinen übernommen, denen schon vor 6 Jahren die Lichter aufgingen, dass die Erde vor schweren Wasserproblemen steht.

Passagen meiner Umweltreportagen wurden in Schulbücher für die gymnasiale Oberschule übernommen, oder von einer großen polnischen Tageszeitung und fanden in Übersetzungen sogar ihren Weg zurück nach Indien.

Heute findet der Leser all diese Artikel nur noch schwer, so geht es auch anderen ehemaligen Telepolis-Schreibern, seit der Heise-Verlag Telepolis „reformiert“ hat. Doch für so etwas nur Heise oder einen Chefredakteur Neubert verantwortlich zu machen, der diese „Reformen“ umsetzte, ist billig. Es ist ein systemisches Problem, dass auch Journalismus profitabel sein muß. Natürlich trifft auch die Schreiberlinge ein wenig Schuld, weil sie da jeden Tag mitmachen. Aber sie gehören nicht einzeln an den Pranger, weil auch viele darunter sind, die einfach das Geld zum täglichen Überleben brauchen. Da es bei anderen Zeitungen und Medien nicht anders aussieht, ist es müßig sich andauernd daran abzuarbeiten. So bin ich Martin dankbar, dass er aus dem ganzen Schwund die Leseempfehlungen aus den alten Medien heraussucht. 

Der Anteil der aufgeklärteren Menschen

In Indien, Deutschland und selbst in Pakistan wachsen neue Generationen heran, unter denen der Anteil der aufgeklärteren Menschen immer größer wird: Doch auch sie sind in ihren Generationen nicht die Mehrheit, so verdienen sie unsere Unterstützung. Youtuber dieser jüngeren Generationen wie Alexander Prinz, alias der dunkle Parabellritter, haben es geschafft, das nicht mal mehr die alten Medien an ihnen vorbeikommen. Der Wirtschaftsexperte und Youtuber Maurice Höffgen hat mittlerweile eine Kolumne bei der Taz.

Genau deswegen bin ich auch hier beim Extradienst. Der Ist-Zustand wird nicht geleugnet, aber die Hoffnung wird nicht alleine auf die Technik und immer mehr Großprojekte gesetzt, sondern dass der Mensch doch noch vermehrt lernt. 

Zudem haben „wir“ mit Küppersbusch auch ein heißes und innerlich junges Eisen auf Youtube, dem ebenfalls die Gutartigen unter den Youtubern bekannt sind! 

Erst letzte Woche zeigte ich einen Küppersbusch-Clip einem jungen und sehr freundlichen Bekannten. Der sagte anschließend: „Ich habe zwar nur einzelne Worte verstanden, aber die Musik am Ende, war klasse.“ Nachdem Lesen meiner Artikel, sagt er immer nur: „Interessant“. Na geht doch, ist doch schon einmal ein Anfang! 

Übrigens: Auf wen stützen eigentlich auch Youtuber wie Alexander Prinz ihre Beiträge vorwiegend? Auf die Arbeit der vielen, tollen Journalisten und Journalistinnen, die es immer noch gibt. Prinz und Co. verhelfen ihnen dann zumindest zu Reichweite. Selbstverständlich haben Prinz, Rezo und Co. dass schon selbst etliche Male ihren Followern gesagt.

Über Gilbert Kolonko:

Avatar-FotoGilbert Kolonko reist seit über 25 Jahren durch Indien, Pakistan, Nepal und Bangladesch. Er hat ein Buch über den Bürgerkrieg in Nepal geschrieben und eines über Pakistan. Dazu Artikel und Reportagen über den Subkontinent für deutsch- und englischsprachige Medien.