Beueler-Extradienst

Meldungen und Meinungen aus Beuel und der Welt

Autor: Ingo Arend (Seite 1 von 7)

Im Würgegriff des Erdoğan-Regimes

Deutsche Politiker finden nur wenig kritische Worte zur Verhaftung İmamoğlus. Der Staatsstreich in der Türkei wirkt sich jedoch auch auf Europa aus.

Lauwärmer als von Olaf Scholz, Ursula von der Leyen und Annalena Baerbock ließ sich der Protest gegen die Verhaftung des Istanbuler Oberbürgermeisters Ekrem İmamoğlu kaum formulieren: „Bedrückend für die Demokratie“, „äußerst besorgniserregend“, „Rückschlag für die Türkei“.

In Sonntagsreden wird gern das moralische Projekt Europa und der alte Kontinent als Leuchtfeuer von Demokratie und Gewaltenteilung beschworen. Im Zweifelsfall siegen dann doch die nackte Interessen- und Geopolitik. Weiterlesen

Es fließt die Flut der Dinge

Die Künstlerin Yaşam Şaşmazer erforscht in der Galerie Zilberman die menschliche Form als posthumane Hülle in ständiger Metamorphose

Eine auf dem Boden kauernde Figur, die weder Mann noch Frau zu sein scheint. Auf den ersten Blick wirkt die schlanke, fleischfarbene Gestalt in der Charlottenburger Dependance der Istanbuler Galerie Zilberman wie eine klassische Skulptur. Doch warum fehlt der Kopf unter den übereinandergeschlagenen Händen? Weiterlesen

Bunte Verpackung

Dem Künstler Ahmet Güneştekin ist im Istanbuler Museum Feshane die große Werkschau „Lost Alphabet“ gewidmet

Ein großes B, ein kleines m, ein umgedrehtes X, auf einen dreieckigen Marmorsockel getürmt. Bei „Angels of Alphabet“, der großen Skulptur am Eingang des Museums Feshane in Istanbul, verstehen die Be­su­che­r:in­nen rasch, worum es geht. Ahmet Güneştekin, der Schöpfer der menschenhohen Installation aus rostigen Buchstaben in der alten Fez-Fabrik im Stadtteil Eyüp am Goldenen Horn, will damit an die Sprachen erinnern, die in der Türkei seit ihrer Gründung 1923 verboten wurden. „Lost Alphabet“ hat er seine Retrospektive deshalb genannt. Weiterlesen

Broligarchie in Venedig

Das Emirat Katar baut sich jetzt einen eigenen Biennale-Pavillon in den Giardini. Wie kommt es dazu?

„Bunduqiyyah“ – Pietrangelo Buttafuoco verstieg sich zu einer abenteuerlichen Begründung, als er vergangenen Donnerstag bekanntgab, dass das Emirat Katar in Zukunft in Venedigs Giardini, Schauplatz der internationalen Kunst- und Architektur-Biennalen, einen eigenen Pavillon erhalten werde. Der Verweis auf den alten arabischen Namen für Venedig ist kaum mehr als eine etymologische Nebelkerze des, von der Neofaschistin Giorgia Meloni auf den Stuhl des Biennale-Präsidenten gehievten, Rechtsaußen-Journalisten. Weiterlesen

Exzess all Areas

Berliner Ausstellung über Semiha Berksoy – Sie ist Kunst- und Operndiva und erste „Staatskünstlerin“ der Türkei. Im Hamburger Bahnhof in Berlin ist nun eine Retrospektive zu sehen.

„Ich bin ein Gesamtkunstwerk, eine Synthese aus allen Kunstformen.“ So ungebrochen, wie Semiha Berksoy 2003 den Kurator Hans Ulrich Obrist in einem Gespräch beschied, würde sich heute kaum ein:e Künst­le­r:in mehr mit einer Formel beschreiben, die nach Genieästhetik und Selbstüberschätzung riecht. Weiterlesen

Mächtige der internationalen Kunstwelt

Sheikha Hoor al-Qasimi – Die Sultanstochter aus einem Emirat wird 2024 von einem Londoner Magazin zur einflussreichsten Person der Kunstwelt gezählt. Hier kennt man sie kaum.

Eine kleine Frau von zierlicher Gestalt, unauffällige Eleganz, meist mit dicker Hornbrille. Wer Hoor al-Qasimi zum ersten Mal trifft, assoziiert Macht am wenigsten mit ihr. Auch wenn die Kuratorin aus Schardscha, einem der sieben Scheichtümer der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), ihre Mutter als Kind mal mit dem Wunsch überraschte, „Chef“ werden zu wollen. Weiterlesen

Kein Change in Deutschland

Die Künstlerin Pınar Öğrenci arbeitet für das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe das Archiv des Fotografen Nuri Musluoğlu auf, der 1965 aus der Türkei nach Deutschland kam – und entdeckt viele Kontinuitäten

Ein Straßenfest gegen Ausländerfeindlichkeit in Heilbronn 1982, eine ausgelassene türkische Hochzeit ein Jahr später. Menschenketten gegen Pershing-Raketen in Stuttgart 1984. Die „Protestbilder“, die derzeit im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) zu sehen sind, schicken ihre Betrachter auf eine Zeitreise zurück in eine versunkene Epoche. Weiterlesen

Vom sozialen Ursprung der Algorithmen

Im Gegensatz zu alarmistischen Streitschriften ordnet Matteo Pasquinelli das Thema der künstlichen Intelligenz in die Sozialgeschichte ein

“Es kann sein, dass wir verdammt sind“. Nick Bostrom erging sich vergangenes Jahr in einem Interview einmal mehr in düsteren Prophezeiungen. Seit seinem Bestseller „Superintelligenz“ von 2014 wird der Oxforder Philosoph nicht müde, vor einer künstlichen Intelligenz zu warnen, die bald schlauer als der Mensch sein könnte. In der Tat überschattet die KI-Debatte die Angst vor dem technoiden Übermenschen mit humanoidem (Selbst-)Bewusstsein. Die stets freundliche Alexa im Wohnzimmer ist gleichsam sein primitiver Vorschein. Von Thesen wie „überirdischer Intelligenz“ hält Matteo Pasquinelli nichts. Wenn der Philosoph in seinem jüngsten Buch diesen Diskurs mit der These „Arbeit ist der erste Algorithmus“ konterkariert, will er einen Mythos auf seinen sozialen Urgrund zurückführen. Weiterlesen

Verletzlichkeit als eine Art Kernkompetenz

Im EMST, dem Museum für Gegenwartskunst in Athen, stellt die Kuratorin Katerina Gregos in einer Großausstellung die plakative Frage „What if Women Ruled the World?“ – und kriegt viele Antworten

300 Tote, Plünderungen, ausgebrannte Museen. Als Sheikh Hasina 1996 zum ersten Mal Premierministerin Bangladeschs wurde, zog die aus dem Exil heimgekehrte Tochter des Staatsgründers Mujibur Rahman große Hoffnungen auf sich. Doch als sie vor einigen Wochen nach einem Aufstand per Helikopter aus ihrer Heimat flüchtete, hinterließ sie nur Chaos, 2.000 politische Gefangene inklusive. Die hatte die von einer Progressiven zur Autokratin mutierte Politikerin einsperren lassen. Weiterlesen

Das Bild und das Ich

Bernd Stiegler hat eine interessante Analyse der Bildpolitiken von Porträtfotografien bis zu rechten Netzwerken vorgelegt

Als am 24. August letzten Jahres der ehemalige US-Präsident Donald Trump wegen seines Prozesses zu Vorwürfen der Wahlfälschung in einem Gefängnis in Georgia erscheinen musste, ging ein Bild um die Welt. Der obligatorische „mug-shot“ des trotzig blickenden Angeklagten, gekleidet in den Farben der amerikanischen Flagge, Gesicht und Haare von einem weißen Blitz erhellt, avancierte in Sekundenschnelle zu einer politischen Ikone. Als Identitätsmarker der „Make America Great Again“-Kampagne verbreitete es sich viral millionenfach, Trump vermarktete es sofort als T-Shirt. Weiterlesen

Kulturelle Feigenblätter

Der Kunsthistoriker Hartwig Fischer ist einer von vielen aus dem europäischen Kulturbetrieb, die nun in Saudi-Arabien hohe Museumsposten bekleiden.

Elf Jahre Gefängnis. Zu dieser Strafe verurteilte ein saudisches Gericht Anfang Januar Manahel al-Otaibi. Das „Verbrechen“ der 29-jährigen Fitnesstrainerin und Aktivistin für Frauenrechte: Auf Snapchat hatte sie 2022 das saudische Männervormundschaftsgesetz und dasjenige zum Hidschab kritisiert und sich beim Shopping ohne den obligaten Schleier gezeigt. Prompt folgte eine Anklage wegen „terroristischer Straftaten“. Weiterlesen

Kunst ist kein Politikersatz

Eine Rehabilitation des Kollektivs? Die türkische Künstlerin Işıl Eğrikavuk beobachtet in ihrem Buch, wie die Gezi-Proteste 2013 in der Kunst fortleben können

Streunende Katzen, Kinder auf dem Spielplatz, Spaziergänger dösen auf Parkbänken. Nichts erinnert mehr in diesen Sommertagen daran, dass in Istanbuls Gezipark am zentralen Taksimplatz vor elf Jahren ein Aufstand tobte, der das Regime des Recep Tayyip Erdoğan um ein Haar ins Wanken gebracht hätte. Wie viele junge Tür­k:in­nen war auch Işıl Eğrikavuk fasziniert davon, wie damals im Gezipark für eine kurze Zeit eine andere türkische Republik zum Vorschein kam, welch kreativen Ausdruck die Proteste in Istanbul ebenso hervorbrachten wie die fast gleichzeitigen Aufstände der Schirm-Revolution in Hongkong, Occupy Wall Street in New York oder der Arabischen Revolution. Weiterlesen

Exotisches Spektakel, wenig Kontext

Kunstbiennale Mardin in der Türkei – Die Kunstbiennale in der 3.000 Jahre alten südostanatolischen Stadt Mardin hat ihre kritischen Anfänge hinter sich gelassen. Es ist die 6. Ausgabe.

Brennende Wälder, rot verfärbte Flüsse, Polareis an der Arktis, das durch Flammensäulen aufzubrechen beginnt. In Laurent Grassos Film „Artificialis“ verschwimmen die Grenzen zwischen der realen und der fiktiven Welt, zwischen zerstörter und imaginierter Landschaft. Wahrscheinlich könnte es keinen besseren Platz geben, um das berückend-bedrückende Szenario einer postanthropozänen Welt aufzurufen als die verwitterte Ruine des alten Kameldepots Develihan im 3.000 Jahre alten südostanatolischen Mardin. Der kommende Verfall wird hier gleichsam sinnfällig. Weiterlesen

Es boomt die Kunst

Die Kulturpolitik von Ekrem İmamoğlu: Es boomt die Kunst am Bosporus – Istanbuls kürzlich im Amt bestätigter Oberbürgermeister Ekrem İmamoğlu von der oppositionellen CHP tritt gegen eine Islamisierung an – mit Kultur.

Ekrem İmamoğlu strahlte. Wahlkampf-Kalkül war dabei, als Istanbuls Bürgermeister sich Anfang März, kurz vor der Kommunalwahl, in einer historischen Schiffswerft vor Gentile Bellinis Porträt von Sultan Mehmed aus dem Jahr 1480 ablichten ließ, dem Mann, der 1453 Konstantinopel eroberte. „Ich kann auch Sultan“ war das symbolpolitische Signal, das İmamoğlu mit dem Foto aussandte. Doch der Termin hatte auch kulturhistorische Bedeutung. Weiterlesen

Die Frau ergreift das Wort

In Istanbul wird die Künstlerin Melek Celâl in einer Schau wiederentdeckt. Ein Werk im Zeichen der Emanzipation, wie sie die türkische Republik versprach.

Eine sanft blickende Frau in weißer Bluse, den Kopf leicht zur Seite geneigt, auf dem Kopf ein kokettes Hütchen in Schwarz. Auf den ersten Blick wirken weder die Person des kleinen Selbstporträts, auf das die Be­su­che­r:in­nen im Istanbuler Sabancı-Museum zulaufen, besonders revolutionär, noch seine Malweise. Weiterlesen

Feministisch dekonstruiert

Charlotte Mullins’ beeindruckend leicht erzählte Geschichte der Kunst räumt auf mit der Männerzentriertheit der Kunst

Eine Kunstschule für Frauen. Weil es in ihrer Heimat keine Ausbildung für Künstlerinnen gab, griff Elisabetta Sirani 1660 in Bologna zur Selbsthilfe. Die Malerin, 1638 geboren, starb mit 27 Jahren und hinterließ über 200 Gemälde. In kunsthistorischen Lehrbüchern muss man lange nach der Künstlerin suchen, die gern weibliche Helden aus Antike und Bibel als Motiv wählte. Im 17. Jahrhundert überstrahlt das Licht Guido Reni alles und alle. Bezeichnenderweise liegt Sirani heute in dem Grab ihres Bologneser Zeitgenossen. Weiterlesen

Absichtslos Sensibilität für die Natur schaffen

Robert Fleck denkt über Kunst und Ökologie nach. Sein überzeugend geschriebenes Buch ist Pflichtlektüre für den Kunstbetrieb und ein Augenöffner für interessierte Laien

Tomatensuppe auf Vincent van Goghs Sonnenblumen. Beim Thema Kunst und Ökologie schnellen im kollektiven Bewusstsein zumeist Bilder wie die der zwei Frauen auf, die im Oktober 2022 zwei Dosen „Heinz“-Tomatensuppe auf den Publikumsmagneten von Londons National Gallery warfen. Die Kli­ma­ak­ti­vis­t:in­nen kommen in Robert Flecks jüngstem Buch mit dem sachlichen Titel „Kunst und Ökologie“ nur am Rande vor. Darin zeigt der Professor für Kunst und Öffentlichkeit an der Kunstakademie Düsseldorf, dass der Diskurs über die beiden Bereiche der Kunst und der Ökologie und ihr Verhältnis zueinander eine längere Geschichte hat, als es der Londoner Kamikaze-Populismus suggeriert. Weiterlesen

Von der Wüste geblendet

Aufträge und Aufmerksamkeit verspricht die Kulturpolitik Saudi-Arabiens. Dabei fehlt oft der Blick auf die Menschenrechte im autoritären Regime.

“Shame on the Sacklers – Schande über die Sacklers“: Der Slogan, unter dem es der Kampagne der Fotografin Nan Goldin gelang, die Pharma­dynastie Sackler als Sponsoren aus US-Museen zu vertreiben, gilt als epochaler Erfolg bei dem Ringen um einen ethisch verantwortlichen Kunstbetrieb. Es schmälert den Erfolg, wenn diese erkämpften Standards nur selektiv gelten. Nehmen wir den Fall von Ute Meta Bauer. Weiterlesen

Der Platz im Alltäglichen

Das Kölner Museum Ludwig richtet der 85-jährigen Füsun Onur eine Retrospektive aus. Sie ist eine ganz Große für die zeitgenössischen Kunst der Türkei

Abgesessene Möbel, Blechdosen auf Regalen, vergilbte Familienfotos an der Wand. In der altertümlichen Istanbuler Wohnung scheint die Zeit stillzustehen. Lautlos schreitet eine Katze durch ein leeres Wohnzimmer, vor dem Fenster glitzert die ewig bewegte Oberfläche des Bosporus. Der Eindruck von Nostalgie, den der türkische Videokünstler Ali Kazma in seinem Film „Home“ von 2014 eingefangen hat, täuscht. Denn das scheinbar verstaubte Kuriositäten-Kabinett im Stadtteil Kuzguncuk auf der asiatischen Seite der 15-Millionen-Metropole ist seit über 57 Jahren das Zuhause einer der großen Avantgarde-Künstlerinnen der Türkei. Weiterlesen

Das Treffen der Engel

Orhan-Pamuk-Ausstellung in Dresden: Bildlichkeiten dies- und jenseits des Bosporus: Autor Orhan Pamuk rekonstruiert sein „Museum der Unschuld“ in Istanbul für die Dresdner Sammlungen.

Eine geborstene weiße Keramik, geformt wie ein Herz, aus der ein roter Samtfaden wie ein Blutstrom quillt. Es sind skurrile Objekte wie dieses, denen das Istanbuler Museum of Innocence seinen Ruf als Touristenattraktion verdankt.

In dem kleinen, fensterlosen, rot gestrichenen Bau in einer versteckten Seitenstraße des Design- und Trödelviertels Çukurcuma hat der Schriftsteller Orhan Pamuk die 83 Kapitel seines 2000 erschienenen Romans „Das Museum der Unschuld“ mit Hunderten Objekten nachgestellt. Weiterlesen

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