Nichts ist tödlicher als Stillstand. Beim heutigen Depressionswetter, geschlossener (Olivotti) und gähnend leerer (LaLuna) Eisdiele, wird gedanklich bewusster, dass unser Stadtteil attraktiv und lebenswert ist, aber auch weiter an sich arbeiten muss. In abendlicher Dunkelheit zeigte ich letzte Woche einer Freundin aus Ehrenfeld unser Stadtteilzentrum – und sie wusste aus eigener Erfahrung, wovon ich sprach.

Wir begannen am Adenauer-Platz, Verkehrszentrum, Treffpunkt, mit der großen Anzeigetafel der Stadtwerke gut ausgestattet. Man weiss schnell wann man wohin wegkommt.
Geschlabbert haben wir die Besichtigung des Beueler Brückenforums. Die Mehrheit der Lokale im Erdgeschoss steht leer – gerechter “Lohn” durch die jahrzehntelange Vernachlässigung durch das Immobilienmanagement der Stadt. Immerhin ist Besserung absehbar. Für den ausgezogenen Kaisers zieht ein Aldi mit neuem Filialkonzept ein. In seinem Gefolge sollen auch Mietverträge für die kleineren Nachbarläden schon unterzeichnet sein – so jedenfalls berichtete es mir jüngst ein gutgelaunter Jürgen Harder, Pächter des Veranstaltungsaales im I. Stock.

Ob der Kaisers am Rathaus bleibt, weiss keiner. Wenn die Filiale im Todeskampf des Lebensmitteleinzelhandels nicht überlebt, wäre ein neuer Ankermieter, also einer, der selbst Publikum ziehen kann, erforderlich. Ob die Vermarktung bei einer schweizerischen Versicherung in guten Händen ist? Konkurrent Rewe gegenüber ist wohl sicher, aber die Konzernbosse verhalten sich, als ginge es um Leben und Tod. Dabei geht es “nur” um die Existenzen tausender schlecht bezahlter Mitarbeiter*innen.
Nach Osten folgt nun die Lauflage der Friedrich-Breuer-Strasse und ihr zentrales Problem. Das sind nicht zuwenig Parkplätze, in den Tiefgaragen im Brückenforum und unterm Rathaus gibts genug, sondern zuwenig Platz für alle andern. Ein klassischer Fall für Shared Space: alle Fahrbahnbegrenzungen und Bordsteine weg, alle Parkplätze weg, alle dürfen sich bewegen wo und wie sie wollen, mit einer einzigen Vorschrift: Rücksichtnahme! Alle Fahrzeuge, die nicht durch müssen, würden von vorneherein auf den Versuch verzichten. Die Bahnen müssten Schrittfahren; die Busse könnte man umleiten. Die Zone könnte direkt bis in die Hans-Böckler-Strasse ausgedehnt werden, die durch Aldi und Momo ebenfalls eine stark frequentierte Lauflage ist.

Es geht um Aufenthaltsqualität. Die fehlt im Beueler Zentrum am meisten. Damit der Rathausplatz sie wirklich bekommt, müsste er endlich begrünt werden – von Stadtverwaltung und Mehrheit der Bezirksvertretung bisher ignorant abgelehnt.

Im Osten schliesst sich das Problemkind Obere Wilhelmstraße an, die angeblich starb, als die Autos aus ihr verbannt wurden. Komisch nur, dass es dort Geschäftskonzepte gibt, die trotzdem funktionieren. Schon immer funktionierte dort ein türkischer Lebensmittelhandel. Schon immer brummt dort das Restaurant mit spanisch orientierter Küche “Sa Finca”, und zwar an allen Wochentagen – Reservierung ist anzuraten. Auf subventioniertes Mittagsgeschäft wird verzichtet, wenns abends sowieso immer voll ist, braucht ein Gastronom diese Quersubventionierung nicht – spanischer Fußball (“Classico”) wird dort leider auch nicht gezeigt, fürs Geschäft nicht nötig. Auch Fischhändler Bornschein geht es blendend, mit marktgerecht begrenzten Öffnungszeiten, kleiner Ladenfläche aber exzellenter Ware.
Wenn erst das Pantheon Regelbetrieb fährt, und die S13 eines Jahres in Beuel ankommt, werden die Immobilienwerte in dieser scheintoten Straße explodieren, zumal mit der S13 erstmals Lärmschutz an der Bahnstrecke in Beuel ankommt, eine große Verbesserung vor allem für die Nächte. Vermarktung und Gewerbe der Oberen Wilhelmstraße werden sich verändern (müssen).

Damit sind wir an der Schlüsselstelle: der Bahnlinie und ihrer Überwindung. Bisher hat sich die Beueler Gewerbegemeinschaft zu Recht gegen zentrenschädliche Ansiedlungen jenseits der Bahn gewehrt. Jetzt wird diese Strategie geändert werden müssen. Dabei dürfen Stadt und Kommunalpolitik der DB die Gestaltung des Bahnhofes und seiner Über- und Unterquerung keinesfalls allein überlassen. Die DB ist als Besitzerin und Planerin eine Lebensgefahr für jede ihr überantwortete Baumaßnahme und Immobilienbewirtschaftung. Je mehr Akteur*inn*e*n sie durch Reinquatschen belästigen und damit letztendlich Öffentlichkeit für einen allgemein zugänglichen Diskurs schaffen, umso besser.

Hinter/östlich der Bahn gibt es ein weiteres Verkehrsproblem: das Autodreieck aus Königswinterer und Siegburger Straße ist ein Hindernis jeder attraktiven Gestaltung. Wenn es nicht so teuer wäre: die ganze Kreuzung und die Autos in den Untergrund, auf dass oben eine attraktive Piazza für die Fußgänger*innen und Radfahrer*innen zum künftigen Studentenwohnheim in der heutigen Hochhausruine und zum Pantheon eingerichtet werden kann.
Das alte Degussa-Grundstück steht schon leer und bebaubar rum, eine potenzielle Goldmine für Investoren, denen die Politik im Gegenzug einiges abverlangen könnte.

Im weiteren Verlauf der Siegburger Straße und ihrer Seitenstrassen Richtung Kessko stellt sich die Frage, ob nicht etliche dieser architektonischen Zeugnisse aus der kleinindustriellen Vergangenheit Beuels saniert und erhalten werden sollten. Sie könnten für einen besonderes Flair dieses Viertels sorgen, wenn man sie nicht vergammeln lässt. Auch die heutigen Reste an Kleingewerbe müssen nicht lästig sein, sondern können sich als Schatz erweisen. Mit dem Leuchtturm Pantheon am Ende des Streifzuges.

Durch Baumaßnahmen wie das schon erwähnte Studentenwohnheim am Platanenweg, die über 200 Wohnungen an der Ecke Niederkasseler/St.Augustiner, das eben fertiggestellte Studentenwohnheim am Bahnhofsvorplatz wird unser Stadtteil größer, vielfältiger und kaufkräftiger. Das stellt neue Gestaltungsaufgaben, die die BürgerInnen den schwächlichen Parteien und der konservativen Stadtverwaltung nicht alleine überlassen sollten.

Ein letztes leider sehr bedeutendes Problem bleibt aufzuklären: wie verhält es sich mit der heutigen Cadmium-Belastung in Beuel? Vielleicht die heutige Mehrheit der Beueler*inne ist erst nach den 80er Jahren hierher gezogen. Ich habe seinerzeit im Beueler Süden gewohnt, hart an der Grenze eines Gebietes für das die Stadt Bonn seinerzeit riet, auf den Verzehr von Gemüse aus dem eigenen Garten zu verzichten, weil die Cadmium-Belastung durch das Degussa-Marquard-Werk an der Stelle des heute planierten Grundstückes zu groß war. Zuvor – bis 1976 – habe ich im Essener Stadtteil Karnap gelebt, wo im Moment exakt das gleiche Problem existiert, mit einer Cadmium-Belastung aus der gleichen Zeit (80er). Das Zeug braucht ein paar Dutzend Menschengenerationen zum Verschwinden. Grundstückserwerber*innen bei uns in Beuel sollten darum auf keinen Fall an einer Altlastenprüfung sparen – wenn ihnen ihre Gesundheit nicht gleichgültig ist.