Beueler Extradienst

Meldungen & Meinungen aus Beuel und der Welt

Edzard Reuter: “Wir haben den Anstand beim wirtschaftlichen Handeln verloren”

Sagt der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Daimler-Benz AG, Edzard Reuter im Bezug auf den Dieselskandal und er ist der Meinung, dass die KĂ€ufer einen Wiedergutmachungsanspruch gegenĂŒber der Automobilindustrie haben – so gestern bei “Lanz” im ZDF. Ganz anders wenige Minuten vorher im selben Sender bei Maybrit Illner der niedersĂ€chsische Wirtschaftsminister Althusmann (CDU), der die klagefĂŒhrende, gemeinnĂŒtzige Deutsche Umwelthilfe als ein “GeschĂ€ftsmodell” zu diffamieren versuchte, und sich damit selbstentlarvend eine Sprachregelung von VW zueigen machte, mit der der Konzern regelmĂ€ĂŸig versucht, die gemeinnĂŒtzige und nach dem Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz zur Verbandsklage berechtigte DUH zu diskreditieren.

In die gleiche Kerbe schlug Bernhard Mattes, der Nachfolger Mathias Wissmanns als oberstem Automobillobyisten, indem er darauf bestand, dass es sich bei den Softwaretricksereien um keinen Betrug handle, weil die Fahrzeuge ja zugelassen worden wĂ€ren. Was er – nicht zuletzt aus Furcht vor drohenden Schadenersatzklagen – hartnĂ€ckig leugnete, ist die Tatsache, dass die zugrunde liegenden Testverfahren durch genau seine Lobbyisten in der EU durchgesetzt und die SoftwarbetrĂŒgereien im Angesicht der UnfĂ€higkeit der Behörden zur physikalischen Nachmessung bewusst geschaffen wurden.

Wer glaubte, dass die Dreistigkeit der Automobilindustrie nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom vergangenen Dienstag nachgelassen hĂ€tte, sah sich angesichts dieser Diskussion getĂ€uscht. Trotz eines Reingewinns von elf Milliarden Euro allein bei Volkswagen, zusĂ€tzlicher Gewinne durch die Steuergeschenke Donald Trumps an Großkonzerne, von denen auch die deutschen Hersteller VW, BMW und Daimler in Milliardenhöhe profitieren, versucht die Autolobby, flankiert von willfĂ€hrigen Politikern wie Althusmann und Dobrindt, die sich als Handlanger der Industrie betĂ€tigen, sich weiterhin der Verantwortung fĂŒr die von ihnen selbst angerichteten Umwelt- und GesundheitsschĂ€den zu entledigen, indem sie wahrheitswidrig behaupten, eine HardwarenachrĂŒstung wĂ€re gar nicht möglich und viel zu kompliziert.

Wie bewußt falsch und irrefĂŒhrend diese Behauptung ist, habe ich inzwischen im Selbstversuch erfahren können. Als stolzer EigentĂŒmer eines Mercedes-Diesel Baujahr 2013 mit dem berĂŒhmten Motor OM 651, Euro 5, der inzwischen in etwa 4-5 Mio. Fahrzeuge eingebaut worden ist. Also hin zur Mercedes-Werkstatt und ins Ersatzteilregal geschaut – und wurde fĂŒndig!  Die geringfĂŒgig modellgepflegte Version meines Fahrzeuges ab 2017 besitzt den identischen Motor, einen Bluetech-Zusatztank in der Ersatzradmulde nebst Heizspirale, kleine Pumpe, Schlauch- und Kabelverbindungen, zwei zusĂ€tzliche Sensoren, ein Einspritzventil, einen Spezialkatalysator und einen anderen – aber passenden – AuspuffkrĂŒmmer. Alles im Ersatzteilregal vorhanden und Kosten zwischen 1.200 und 1.400 Euro – das wĂŒrde ich sogar aus eigener Tasche bezahlen.

Zwei HĂŒrden habe ich bis jetzt aber nicht ĂŒberwinden können: Mercedes weigert sich bisher standhaft, mir die notwendige Software fĂŒr den Betrieb der Hardware aufzuspielen. Das könnte ich wahrscheinlich mit UnterstĂŒtzung eines erfahrenen Software-Spezialisten ĂŒberwinden, der sich nicht hinter scheinheiligen Haftungsfragen versteckt.

Entscheidend behindert wird aber mein Vorhaben durch die Rechtslage: Wie der NachrĂŒster “Twintech” und seine Wettbewerber, die im kĂŒrzlichen ADAC-Test erfolgreich vier Fahrzeuge per Hardware-NachrĂŒstung tauglich fĂŒr niedrigste Emissionen gemacht haben, bekĂ€me ich mein Fahrzeug gar nicht zugelassen. Dazu wĂ€re nĂ€mlich – so Twintech, die als erste 2017 einen VW-Passat nachgerĂŒstet hatten – eine Änderung der Straßenverkehrs-Zulassungsordnung notwendig, die das Bundesverkehrsministerium sogar ohne das Parlament und nur mit Zustimmung des Bundesrates im Wege der Rechtsverordnung vornehmen könnte – dies aber seit Aufkommen des Dieselskandals hartnĂ€ckig verweigert. Es ist also nicht nur die Automobilindustrie, die auf der Bremse steht, es sind auch ihre ErfĂŒllungsgehilfen in der Bundesregierung und in Persona der Bundesverkehrsminister. Und der hat offensichtich jeden Anstand beim politischen Handeln verloren!

Dieser Beitrag erscheint auch bei rheinische-allgemeine.de

1 Kommentar

  1. Thomas Dyhr

    Die einzige Sprache, die diese „Manager“ verstehen, ist die amerikanisches Gangart. Manager in den Knast stecken und milliardenschwere Strafen aufbrummen. Die Kumpanei zwischen Industrie und Politik muss ein Ende haben. Politik ist dem Gemeinwohl verpflichtet und gewerbsmĂ€ĂŸiger Betrug hat mit Gemeinwohl nicht viel zu tun. Wer das als Politiker nicht begreift, gehört in die WĂŒste geschickt… oder den CSU-Slogan zitierend: wer betrĂŒgt fliegt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© 2020 Beueler Extradienst

Theme von Anders NorĂ©nHoch ↑