Elend der TV-Talkshows wäre zu beheben

Von , am Donnerstag, 29. März 2018, in Medien, Politik.

Vor einigen Tagen liess Roland Appel hier seiner Empörung über eine Maischberger-Produktion für die ARD freien Lauf. Zur Beurteilung des Missstandes und beim Nachdenken über Abhilfe müssen Sie wissen: die Gastgeber*innen solcher Produktionen sind keine (gutbezahlten) Angestellten ihres Senders, sondern (noch viel besser bezahlte) Geschäftspartner*innen. Sie betreiben eigene Produktionsunternehmen, machen alles selbst, auch die Technik, und lassen sich das pauschal als Gesamtpaket für soundsoviele Jahre von unseren Gebühren teuer bezahlen. So ein Produktionsvertrag ist kompliziert und umfangreich, unterliegt mannigfaltigen “Geschäftsgeheimnissen” und ist für Sie und mich auf keinen Fall öffentlich einsehbar. Das heisst nur “öffentlich-rechtlich”, ist es aber nicht. In dem Vertrag ist fast alles geregelt. Und wenn das mal spontan verändert wird, wäre das eine Vertragsverletzung – praktisch also nur möglich im gegenseitigen Einvernehmen.

Darum ist meine Idee zur Abhilfe zwar gut, aber juristisch und geschäftlich vermutlich unmöglich. Ich habe mir die Roland Appel so verärgernde Sendung nachträglich auch angesehen. Über die Hälfte der Teilnehmer*innen war für Erkenntnisgewinn unnötig, sondern diente dem Einfangen von politischen Fangemeinden unter den potenziellen Zuschauer*innen und dem Absichern von ausreichend Tohuwabohu in der Diskussion. Auch Frau Maischberger als Diskussions”leiterin” ist regelmässig überfordert, und zwar Chefin ihrer Firma, aber für die Sendung überflüssig.

Genügt hätte ein moderationsfreies Zwiegespräch zwischen Moskau-Korrespondent Lilischkies und Ex-Moskaukorrespondentin Krone-Schmalz. Ohne Moderation hätten sie sich trotz Meinungsgegensätzen selbst disziplinieren – dafür sind beide Profis genug, selbst wenn sie sich, was ich nicht weiß, aber möglich ist, nicht ausstehen können – und tatsächlich ein Gespräch statt eines Positionsaustausches führen müssen, nicht nur über ihre politischen Positionen, sondern auch über ihr Selbstverständnis ihres Berufes, einst und jetzt. Und wenn die beiden dem Sender nicht prominent genug wären, hätte er ihnen noch ihren 80-jährigen Ex-Chef Fritz Pleitgen, der seinerzeit für Krone-Schmalz‘ früheren und Lilischkies‘ heutigen Job die Massstäbe gesetzt hat, dazu gesetzt. Das wäre in der Summe um einige Zehntausend Euro billiger gewesen, hätte inhaltlich aber sicherlich auch zwei statt einer Stunde getragen – ganz ohne aufwendige aber inhaltlich billige Einspielfilmchen.

Auch die Älteren unter uns würden dafür länger aufbleiben.

Und wenn die Herren Herres und Schönenborn meinen, dass sowas quotenschädlich ist, dann sparen Sie sich die teure Fernsehproduktion und übertragen das als Livestream im Internet. Die Enkelkinder zeigen den TV-Zuschauer*inne*n von ARD und WDR bestimmt gerne, wie das eingeschaltet wird.

Aktuelle Ergänzungen zum Streit um die Russland-Politik
Zum Weiterlesen bei den telepolis-Kollegen
Florian Rötzer stellt uns das britische Dossier vor, das als Beratungsgrundlage der EU-Politik u.a. von Günter Verheugen so vehement wie berechtigt kritisiert wurde.
Christoph Duwe versucht zu erklären, warum Russland-Politik in Deutschland immer mehr zu einem Konflikt von Generationen – bei Politiker*innen wie bei Bürger*innen – geworden ist.

Die Einen haben Geschichte noch erlebt, die Anderen offensichtlich zuwenig darüber erfahren. Im Selbstoptimierungsstress – Politiker*innen sind von dem besonders geplagt – geht die Empathiefähigkeit, das Erkennen, Verstehen von und adäquate Reagieren auf die Interessen der Gegenseite verloren, zugunsten einer binären Schwarz/Weiss- Gut-und-Böse-Politik (“Wer nicht für uns ist, ist gegen uns”) – darum fühlen sich viele Ex-Maoist*inn*en mit ihrem erlernten Missionarismus dabei heute noch so wohl. Es ist so ähnlich wie schlechter Sex – mechanisches dezisionistisches (bis hin zum apokalyptischen!) Ja/Nein- Rein/Raus- statt Kommunikation, Austausch und Befriedigung diverser und komplexer Bedürfnisse. Selbstverständlich hat das viel mit den heutigen Mediengewohnheiten zu tun.

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