General-Anzeiger – Verkauf aus Angst vor dem Tod

Von , am Samstag, 28. April 2018, in Beuel & Umland, Medien.

Der Bonner General-Anzeiger ist verkauft, für Branchenkundige keine Überraschung mehr. Die Rheinische Post übernimmt. In der Erbengemeinschaft der Familie Neusser, sofern sie nicht zuvor schon ausgezahlt wurden, können die Schampus-Korken knallen. Denn für sie privat ist das alles noch gerade rechtzeitig. Lieber vor dem Sterben abkassieren als umgekehrt.
In der guten alten Zeit der Pressevielfalt galten beide Blätter und Verlagshäuser als streng konservativ und CDU-orientiert. Sie erarbeiteten sich im Volksmund die Markenbezeichnung “General-Verschweiger” und “Rheinische Pest”. Im kapitalistischen Konzentrationsprozess schwammen sie und ihre Verleger lange oben. Beide eroberten sich ein Monopol in ihrem Verbreitungsgebiet. Zu ihren Opfern gehörten u.a. der Rhein-Sieg-Anzeiger, die Bonner Rundschau und die Neue Rhein Zeitung – alle hatten als tapfere Konkurrentinnen sehr engagierte Lokalredaktionen, ein hoher Wert für die Demokratie, aber keiner im Kapitalismus. Die RP beherrscht heute nicht nur Düsseldorf, sondern als Verlag auch die Großräume Aachen und Saarbrücken.
Als Monopolist waren GA und RP immerhin genötigt, sich politisch und gesellschaftlich breiter aufzustellen und ihre Berichterstattung in Bereiche zu öffnen, die sie lange verschmäht hatten. Das ist vor allem den Journalist*inn*en in ihren Redaktionen zu danken, die dafür hart gearbeitet haben. Dem GA wird im bundesweiten Zeitungssterben mit gut 30 Jahren noch eine der höchsten Restlebenserwartungen zugerechnet, was neben der Arbeit seiner Journalist*inn*en der stark bildungsbürgerlichen Bevölkerungsstruktur Bonns zu danken ist.
Lange sah es so aus, dass das Haus Neusser eines Tages vom Kölner Raubtier DuMontSchauberg gefressen wird. Doch da muss es vor einiger Zeit so schwer gekracht haben, dass sich die Neussers der RP zuwandten.
Jetzt aber sind sie hier in Bonn in Stress versetzt. Gewerkschaft und Betriebsrat müssen herausfinden, welche Konseauenzen der Verkauf für die Belegschaft hat, und dazu notfalls klare Vereinbarungen erzwingen. Das wird kein leichter Gang. Denn eine Expansion von Journalismus ist aus solchen Deals noch nie erfolgt. Die Beschäftigten sollten, sofern sie es nicht schon getan haben, lieber jetzt als später Gewerkschaftsmitglied werden.
Die Digitalisierungsstrategien der Verlage, wie sie am besten – ausgerechnet – dem Axel-Springer-Verlag gelungen ist und der RP vermutlich als Vorbild dient, haben nur noch wenig mit Presse, aber viel mit Handel zu tun. Die alten Geschäftsmodelle sterben, die neuen wurden von den meisten noch nicht gefunden.
Um die Sicherung der Meinungsvielfalt müssen wir uns als Bürger*innen verstärkt selber kümmern. Es wird sie immer weniger zu kaufen geben.

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