Dass der öffentlich sichtbare Kurs der aktuellen Grünen Parteiführung bisweilen etwas – vorsichtig ausgedrückt – erratisch wirkt, haben Roland Appel und ich hier bereits mehrmals zum Ausdruck gebracht. Die alten Grünen haben scheinbar einen klareren Kompass – nunja, sie müssen jetzt weniger in Gremien rumsitzen, und haben mehr Zeit zum Denken.
Mit Jürgen Trittin und Claudia Roth bin ich persönlich so gut bekannt, dass ich weiss, dass auf sie politisch Verlass ist.
Trittin sass gestern bei Anne Will – ich habs noch gar nicht gesehen – und wird hier in meiner alten Heimatzeitung WAZ mehrmals ausdrücklich gelobt – während der FAZ-Kolumnist kritisiert, dass SPD und Grüne nicht genug für Aufrüstung ausgeben wollen, aus dieser Feder ist das ein Bonuslob.
Claudia Roth ist dafür bekannt, dass sie auch persönlich und privat die Türkei liebt und nicht aufgibt. Das hatte sie letzte Woche schon bei Illner gezeigt, und erneuert das in diesem Interview für die Funke-Mediengruppe. Das Land ist nicht Erdogans Privatbesitz. Wir müssen die vielen Millionen Menschen unterstützen, die hier und dort um die türkische Demokratie kämpfen.

Renate Künast

Bei Renate Künast hole ich etwas weiter aus. Sie habe ich Anfang der 90er persönlich kennengelernt, als sie bei Roland Appel im Landtagsabgeordnetenbüro sass. Wir besprachen einen öffentlichkeitswirksamen “Besuch” bei einer “Hauptstelle für Befragungswesen” in Düsseldorf vor. Diese Stelle war eine schlecht getarnte Niederlassung des BND, um Flüchtlinge als V-Leute zu rekrutieren. Wie sowas ausgeht, weiss die breite Öffentlichkeit spätestens seit dem Fall Amri. Künast war vor und neben ihrer Politikerinnenkarriere eine kämpferische bürgerrechtsorientierte Anwältin. Später, als Grüne Parteivorsitzende und als Bundesministerin schien mir bisweilen ihr besserwissendes Temperament mit ihr durchzugehen. Und dann noch diese Mundwinkel, herrjeh.
Als Landwirtschafts-, Ernährungs- und Verbraucherschutzministerin hat sie neben überzogenen Umerziehungsansätzen aber auch sehr tiefe, positive Spuren hinterlassen, nicht nur, weil viele hochqualifizierte Mitarbeiter*innen von ihr in dieses lobbyverseuchte (Bonner!) Ministerium geholt wurden. Ein bleibendes Verdienst von ihr war die Ermordnung des Agrarlobbymonsters “Centrale Marketingagentur der deutschen Agrarwirtschaft” (CMA).

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, an einen Grünen Bundesparteitag in Stuttgart (2001?), der die von Bundeskanzler Schröder persönlich ausgerufene und mit Künasts Ernennung beginnende “Agrarwende” zelebrieren sollte. Am Samstagabend sassen wir zum Schlemmen auf Vincent Klinks Wielandshöhe, am Nachbartisch Jürgen Trittin mit seinem (Umwelt-)Ministeriumsstab (der Mann hat Geschmack!). Vincent kam verschwörerisch zu unserem Tisch, er sollte am folgenden Vormittag ein Grusswort für Slowfood halten. “Ich will die CMA morgen als ‘kriminelle Vereinigung’ bezeichnen.” Super, sagten wir, da kriegst Du ordentlich Ärger, aber der wird Dich schmücken. So kam es. Vincent sagte es, und die FAZ berichtete. Der Ärger folgte auf dem Fusse. Vincent nahm jedoch keinen juristischen Schaden – freie Meinungsäusserung – sondern seine Meinung wurde dadurch erst so richtig bekannt. Am Ende hatte Künast die CMA rechtschaffen erwürgt – ein historisches Verdienst.

Darum überrascht es mich bei aller Kritik an ihr nicht, dass sie mit der klaren grünen politischen Positionierung zur Gentechnik kein intellektuelles und strategisches Problem hat. Sie hat die politischen Gegner einer schmackhaften, gesunden und ökologisch verträglichen Ernährung klar im Blick, weil sie die meisten schon persönlich kennengelernt hat. Darum weiss sie: es ist die Ökonomie.
Mögen die Alten noch lange leben.