In meiner politischen Jugend waren Berliner*innen immer die beklopptesten Paranoiden unter allen Bundesländern (neben dem Saarland, aber das wäre ein eigenes Kapitel). Zu erklären aus ihrem Sein: eingemauert, und aussen rum lauter kleine Honeckers. Näher an diesem Berlin als an uns im Westen lag das Uni-Kaff Göttingen, in dem der kleine Jürgen Trittin zu studieren anfing, und vergeblich versuchte über den “KB-Nord” ein wichtiger Politiker zu werden. Dort entstand dann auch sein Musikgeschmack, über den sich vor lauter Begeisterung Berliner Jungs heute kaum noch einkriegen können.
Sonntagsfragen-Umfragen machen sie in dieser merkwürdigen Stadt, gut halb so gross wie das Ruhrgebiet, jeden Monat. Manfred Güllner (Forsa), ehemaliger städtischer Amtsleiter in Köln, heute Mitglied der FroGS (Friends of Gerhard Schröder), macht sie, und hatte jüngst ermittelt, dass dort CDU, SPD und Linke gleichauf (je 19) und die Grünen (18) knapp dahinter liegen. Berlin eben. Jetzt hat Infratest-dimap nachgelegt. Umfrageinstitute sind Marktforschungskonzerne, die zur Eigenwerbung Schlagzeilen in den redaktionellen Teilen der Medien liefern müssen. Die Schlagzeile von Infratest-dimap wäre: “Linke in Berlin stärkste Partei”. Das widerspricht ungefähr allen linken und rechten Theoriegebäuden. Linke erfolgreich? In einer Koalition? Das kann nicht sein …
2007 hatte ich im Freitag mit meiner Veröffentlichungsreihe “Poliitisches Prekariat” begonnen. Was ich dort beschrieben habe, ist jetzt breit in der NRW-Landesregierung angekommen. Ministerin Schulze-Föcking war komplett überfordert, Laschet hat aber keine Besseren. Wie die gescheiterte Dame ihre politische Arbeit gestaltet, das ist, was diese Art Handwerkskunst betrifft, heute die Regel. Und nicht nur in der CDU.
Wie wird es Svenja Schulze ergehen? Von NRW nach Berlin gewandert. In NRW eine Ausnahmeerscheinung: hartnäckig, ausdauernd, kämpferisch und mit einer positiven Grundeinstellung zur Lebensfreude. Und in der Personalkonkurrenz der NRW-SPD eine Durchstarterin. Wieviel davon wird in Berlin übrig bleiben?