Fussballzukunft – ansehnlich oder hässlich?

Von , am Montag, 9. Juli 2018, in Fußball, Politik.

Derzeit ist gut zu beobachten, wie die EU politisch und ökonomisch zerfällt. Die Mächtigen betrachten und umkreisen sie, und prüfen mit kritischem Blick die attraktivsten Filetstückchen. Danke Merkel, danke Schäuble, danke Seehofer – Ihr ward 1a-Servierpersonal.
Dieses Bild enthält bereits die Tatsache, dass Europa ein attraktiver Marktplatz für die globale Ökonomie bleibt. Es lässt sich hier besser als woanders leben. Und der Fussball ist eine der Entertainment- und Technologiebranchen, in denen Europa sogar eine Marktführerschaft behauptet. Allerdings, das dokumentierten die drei Supergangster von der Ehrentribüne bereits bildlich (es fehlt: Xi Jinping): auch diese Branche wird von den gefrässigen Profitgeiern umkreist.
Wenn es nach ihnen geht, wird das Schöne, das Spielerische, das Ästhetische, das Unberechenbare am Fussball untergehen. Dafür gab es bereits bei der WM 2014 in Brasilien Anzeichen, die sich derzeit in Russland verstärken.
Es ist die Ideologie vom “Männerfussball”, die ich auf dem Rasen als Entwicklung zum Gladiatorenfussball sehe. Der Druck und die Pflicht zum “Gewinnen” lässt alles andere zurücktreten. Im Menschenbild der Drei von Ehrentribüne gibt es keine anderen Kriterien als Machteroberung und -ausübung. Das sollen ihre Gladiatoren auf dem Feld theatralisch nachspielen. Es ist exakt das, was Luis César Menotti als rechten Fußball charakterisiert.
Darum verteidigt die Fifa bereits ihr Dopingsystem mit Zähnen und Klauen gegen unabhängige globale Kontrolle und Überwachung durch die Weltdopingagentur Wada. In der neuen Welt der Drei von der Ehrentribüne wird sich Doping im Leistungssport durchsetzen. Es wird dann “wissenschaftlicher Fortschritt” genannt werden.
Im Männerfussball werden Verletzungen und Todesfälle zunehmen, Kollateralschäden. Bereits jetzt ist zu beobachten: Ellenbogen-KO-Schläge werden kaum noch sanktioniert. Brutale Ringereinlagen a la Sergio Ramos werden als Steigerung der Attraktivität des Männersports betrachtet. Ebenso regelwidrige unsportliche Vorteilsverschaffung bei Standardsituationen (Elfmeter, Freistösse, Ecken). Wenn keiner verletzt liegenbleibt, wird kaum noch gepfiffen – einzige Ausnahme: Unterbindung von Umschaltspiel. Das Rollenbild von Neymar wird dadurch geradezu provoziert, verschafft ihm keinen Vorteil, sondern zusätzliche Nachteile. Es gehört zum erwünschten Bestandteil des Inszenierung, über die sich die Medien beschäftigen und das Maul zerreissen, damit sie nicht zu nah an den Kern des Geschäftssystems vordringen.
Die grossen Fussballspieler werden selbst zu Opfern des Systems – freilich mit reichlich Schmerzensgeld überhäuft. Ihre Unberechenbarkeit wird von uns geliebt, als Zirkuspferdchen auch von den Investoren. Sie ist aber grundsätzlich systemwidrig. Darum scheitern sie auch immer mehr als Bestandteil ihrer Mannschaft. So lange sie in der Hierarchie unten sind, müssen sie sich mit künstlerischer Innovation hocharbeiten. Wenn sie dann oben sind, etablieren sie selbst ein dysfunktionales Feudalsystem im Team, das scheitern muss. Messi, Neymar, Ibrahimovic, Suarez, James Rodriguez, Eto, Drogba – Leroy Sane wurde vorsorglich gar nicht nominiert.
Für die Älteren: erinnern Sie sich an die Biografien von Rahn, Libuda, Garrincha, Socrates. Tote Widersprecher (ausser Socrates: nicht im Kopf, aber im praktischen Leben) gegen den real existierenden Kapitalismus ihrer Zeit. Weisweiler war politisch ein Reaktionär – wenn er das heute im Himmel sieht, wäre er fussballerisch ein Kandidat für Schwarz-Grün; zu Lebzeiten begründete er persönlich den im Menottischen Sinne linken Fußball von Borussia Mönchengladbach – eine Riesenprojektionsfläche für alle Fußballfans jener Zeit. Sein Schüler war Jupp Heynckes, der sehr gute Gründe für den Ruhestand hat.
Immerhin: der linke Menotti lebt, raucht und redet immer noch.

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