Versicherungen verunsichern

Von , am Donnerstag, 13. September 2018, in Politik.

In der guten alten Marktwirtschaft von Ludwig Erhard, die heute selbst von Sahra Wagenknecht verehrt wird, waren Lebensversicherungen das Sicherste, was der Sozialstaat zu bieten hatte. Sie haben Zukunft und Erbschaft der Nachkommen gesichert, nicht selten waren sie ein Mordmotiv. Linksliberale Boheme hat sich mit satirischer Begeisterung darüber amüsiert. Aber als wir in einer der letzten Unterhaltungsinnovationen des deutschen Fernsehens, in “Stromberg” den Versicherungen bei der Arbeit zusehen durften, da lag ihr Geschäftsmodell schon im Sterben.
Was heute davon übrig geblieben ist, ist der übliche, emapthiefreie, rendite- und spekulationsgesteuerte Digitalkapitalismus, in dem Menschen als Kostenfaktor ausserordentlich stören. Das Blöde ist nur, dass immer noch Millionen Menschen so einen Versicherungsvertrag haben – die wurden ja mit gleichsam lebenslangen Fristen abgeschlossen.
Ich habe auch so einen. Er bekam bei Abschluss Ende der 90er eine flexible 20-25-jährige Ablaufzeit, mit 4% Garantieverzinsung. Die Nervenprobe einer Insolvenz meiner Versicherung habe ich dann zügig absolviert, 2002/03. Mit 300.000 anderen landete ich bei Protektor, die von der Versicherungswirtschaft gemeinschaftlich gegründet wurde, um solche Fälle aufzufangen – und sowas altmodisches wie Vertrauen in die Branche aufrechtzuerhalten. Die Protektor hat uns im letzten Jahr mitgeteilt, dass sie uns verkauft hat. Es seien “nur” noch 100.000 Verträge übrig, das lohne den Aufwand nicht mehr. Neubesitzer unserer Verträge ist die “Run-off”-Firma Viridium. Die macht zwar aufwendige PR. Bei mir als Kunden hat sie dagegen noch kein Lebenszeichen hinterlassen – das würde ja meine gewinnversprechende Nervosität untergraben.
Zu diesen Vorgängen gab es wenige Medienberichte, ich habe u.a. “Monitor” wahrgenommen, als auch dieses Feature bei DLF-Kultur.
In beiden bleibt unterbelichtet, was das Geschäftsmodell einer “Run-off”-Gesellschaft ist. Es baut auf das Gegenteil von Vertrauen: auf Angst. Viridium und seine Investoren macht ein umso besseres Geschäft, je mehr Kund*inn*en wie im Monitor-Beitrag nervös werden und ihren garantieverzinsten Vertrag vorzeitig kündigen. Gut erfasst hat das Problem vor ein paar Monaten Sp-on-Kolumnist Hermann-Josef Tenhagen, den ich in seiner Jugend über Tutorium und Fachschaftsarbeit ins Studium der Politischen Wissenschaften in Bonn eingeführt habe. (Zu meinem Bedauern schloss er sich hochschulpolitisch der Liste “Wehrt Euch”, einer Nachfolgegruppe des MSB Spartakus an; in Berlin wurde er taz-Redakteur für Ökonomie und Ökologie, aber danach ist ja doch noch was aus ihm geworden.)
Der neue Kapitalismus basiert nicht auf Versicherung und Vertrauen, und wenn sie so wollen: Einseifen, sondern auf Angstmachen, Einschüchtern, Ausquetschen. Das, was wir früher unter der Bezeichnung Versicherungen kannten, hat sich längst darauf eingestellt.

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