Dieter Anschlag/Medienkorrespondenz warf sich fĂŒr die Lindenstrasse ins letzte, vergebliche Gefecht. Seine Erregung kann ich nicht mehr nachempfinden, obwohl ich bis in die Nullerjahre zum Stammpublikum gehört habe, mehr aus liebgewonnener Gewohnheit, als aus Fan-Engagement (das investiere ich woanders). Ich weiss darum auch gar nicht mehr, wann es aufgehört hat. Von diesem abgesehen, hat Anschlag in allen anderen Punkten aber mehr Recht, als es fĂŒr unsere Medienlandschaft und Demokratie gut ist.
Die grösste Gefahr, die unsere öffentlich-rechtlichen Medien fĂŒr sich selbst herbeiprovozieren, ist die GleichgĂŒltigkeit. Seit der Umstellung auf DVB-T2 und der Umwandlung der Privatsender auf Pay-TV (5 €/Monat) empfange ich zuhause nur noch öffentlich-rechtlich. Das ist nicht nur ausreichend, es fehlt einem nichts. Ich pflege weiterhin streng auszuwĂ€hlen, mit was ich ĂŒberhaupt meine Zeit verschwende. Bei der werbeunterbrochenen Samstags-Sportschau habe ich mir sogar Ablenkungsrituale angewöhnt, um die Werbepausen zu ĂŒberbrĂŒcken. Das funktioniert bei einem Gesamtzeitrahmen von zwei Stunden. Ist aber gleichzeitig ein Beispiel des ewigen Widersinns: Werbepausen in öffentlich-rechtlichen Medien.
Welche zeitgerechten Innovationen gelingen öffentlich-rechtlichen Medien noch? Mir fĂ€llt es schwer, welche aufzuzĂ€hlen. In diesem Blog versuche ich kein Beispiel auszulassen. Das ZDF hat einen klaren Vorsprung vor der ARD: bei der Entwicklung von Krimi-Formaten, durch seinen Deal mit der bildundtonfabrik mit ihrer Frontfigur Böhmermann. Beide zusammen haben funk. Die ARD? Sport inside wird von seinem eigenen Sender verachtet, Zeigler …. mmh, bestimmt habe ich was vergessen. Warum fĂ€llt mir nichts mehr ein?
Heute wird der Tod von Bernardo Bertolucci gemeldet. Einerseits denke ich: was wĂ€re er fĂŒr eine Alternative zu der Figur Berlusconi gewesen? Andererseits: er hatte auch eine dunkle Seite, die in den höflichen Nachrufen ausgeblendet wird. In unserer Zeit des #metoo-Diskurses hĂ€tte er von dem alten Geniekult nicht mehr profitieren können. Die selige Maria Schneider hĂ€tte ihm – beruflich – das Genick brechen können. Sein grösster Wurf war in meinen Augen nicht “Der letzte Tango von Paris” – toller Skandalwind, aber als Film eher langweilig – und auch nicht der oscarĂŒberhĂ€ufte “Der letzte Kaiser”, sondern “1900” – Depardieu war nie wieder so gigantisch wie hier. Davon habe ich beide Teile an einem StĂŒck im damaligen Bonner Programmkino Atlantis gesehen. Es war nicht bequem zu sitzen, es war 5 Stunden lang – und es war wahnsinnig spannend und politisch (!) erregend. (Update 27.11.: lesenswerte Bertolucci-Nachrufe von Daniel Kothenschulte/FR und Verena Lueken/FAZ).
Das war ein Beispiel aus dem Jahr 1976, wie öffentlich-rechtliche Medien heute den öffentlichen Diskurs erregen und ihre Notwendigkeit erkÀmpfen könnten. Keine Kopie, nicht noch so ein Film. Aber ein Produktionsprojekt, das MilliardÀrsadvokaten in den Medien auf die BÀume treibt. Es gibt bei ihnen niemanden mehr, die*der das kann. Das ist die Dramatik, die Dieter Anschlag und mich gleichermassen entsetzt.