Das Land hat es nach langer Zeit mal wieder in die Tagesschau geschafft. Seine Verwüstungen durch Kriege und Bürgerkriege liegen weit kürzer zurück als hierzulande. Die Traumatisierungen sind alle noch da. Aber die Demografie unterscheidet sich stark zu uns, und die Ökonomie auch. Das heisst: der “Babyboom” ist hier vorbei, und dort aktuell. Was wir hier Wirtschaftskrise nennen, würden sie sich dort wünschen.
Thomas Pany/telepolis war der Erste, der auf die Turbulenz des politischen Geschehens aufmerksam gemacht hat. In seinem zweiten Bericht korrigierte er sich schon ein bisschen selbst, verdeutlichte damit die hohe Geschwindigkeit, mit der sich in Algerien die politischen Kräfteverhältnisse ändern. Den historischen Hintergrund, der in der aktuellen Berichterstattung meistens untergeht oder grob verunstaltet wird, erklärt Bernhard Schmid/Jungle World mit bei ihm gewohntem seriös informierendem Niveau.
Ich war noch nie dort, aber in meinem eigenen politischen Leben hat Algerien eine wichtige Rolle gespielt. Zur Zeit des Präsidenten Boumedienne war Mohamed Sahnoun Botschafter in Bonn. Später sollte er noch eine engagierte Rolle bei Friedensbemühungen in Somalia spielen. Ich habe als sein Gast einen Sherry mit ihm trinken dürfen. Sahnoun war eine respektierte Führungskraft in der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU, heute: AU), die 1978 eine wichtige Unterstützerin unseres Kongresses gegen die militärisch-atomare Zusammenarbeit BRD-Südafrika war. Sahnoun hatte eine sehr attraktive Pressesprecherin, hinter deren Rockzipfel einer meiner WG-Mitbewohner, an den Namen kann ich mich irgendwie nicht mehr erinnern, engagiert hinterherjagte. Es war erst über 10 Jahre später, dass islamistische Mörderbanden und das algerische Militär den Bürgerkrieg mit über 100.000 Opfern lostraten.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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