Statt “Vierte Gewalt”: Informationskrieg?

Von , am Freitag, 29. März 2019, in Medien, Politik.

Diese Woche meldete sich WDR-Ruheständler Eberhard Rondholz bei mir, um sich für seine Würdigung meinerseits zu bedanken. Mich hat es sehr, sehr gefreut und mir den Tag verschönert. Damals sprach der WDR-Betriebsjargon vom “das versendet sich”, die Macher*innen hätten die Folgen, so Rondholz gerührt, die ich für mich beschrieben habe, nicht geahnt. In diesem Text habe ich kurz erwähnt, dass auch ich selbst der journalistischen Sache damals nicht diese Bedeutung gegeben habe, die ich erst heute erkenne. Jetzt wo das weg ist, merke ich, was es wert war. Einen Tag zuvor traf ich einen weiteren Ruheständler, der für die gleiche Welle WDR3 als “Freier” im Kulturbereich gearbeitet hat. Wir mochten aus Ärger über die Gegenwart über diese alten Zeiten beide gar nicht mehr reden.

Vom Journalismus zum Informationskrieg

An diesen Tagen mit den beiden Zusammentreffen mit Erster-Klasse-Journalisten berichtete das NDR-Medienmagazin Zapp über den Journalismus der Gegenwart. Das beschönigende Geschwätz von der “Vierten Gewalt” – vom Grundgesetz nicht vorgesehen, aber immerhin grundrechtlich durch Art. 5 geschützt – ist faktisch erledigt. Es geht nicht mehr um Journalismus. Es gibt eine Umformung zum Informationskrieg.
Die Brit*inn*en, von denen die BRD nach dem 2. Weltkrieg ihr öffentliches Mediensystem geschenkt bekam, rüsten bereits auf, und bauen schwere Unfälle; die “Integrity Initiative” hatten wir bereits erwähnt. In der Ukraine wird auf die Spitze getrieben, was Berlusconi in den 90ern in Italien bereits eingeübt hat: die Abgrenzung zwischen politischer Macht und unabhängigen Medien wird abgerissen, und zwar radikal bis zur beabsichtigten Verwechselbarkeit, die Verbindung von “Lügenpresse” mit “Merkel muss weg”. Diesem Bild scheint die britische Regierung Folge leisten zu wollen. Und auch hierzulande sind viele auf dem Weg dorthin. Unabhängige und kostspielige Auslandsberichterstattung findet kaum noch statt; stattdessen wird dem Agendasetting deutscher Aussenpolitik gefolgt.

Wer bestimmt die Richtung des ARD-Treckers?

In der ARD findet derzeit eine taktische Auseinandersetzung statt, die zeigt, wie sehr Elisabeth Wehlings “Framing Manual” ins Schwarze getroffen hat. An welcher Wegegabelung soll es in welche Richtung gehen? Sollen sie sich aus kurzfristiger politischer Realo-Sicht mit den untergehenden Zeitungsverlegern verbinden und verbünden, wie es ARD-Chef und Ex-Regierungssprecher Ulrich Wilhelm (CSU) will? Mit dem Ziel, gemeinsam ein “europäisches Youtube” aufzubauen? Oder ist es nicht eher ratsam, um selbst zu überleben, sich lieber nicht mit untergehenden Geschäftsmodellen zu verbinden? Die Mehrheit im EU-Parlament hat sich beim Urheberrecht soeben für Wilhelms Taktik entschieden, und die Minderheit der Jungen für lange Zeit gegen sich aufgebracht. Alternativen waren möglich, aber überforderten den intellektuellen Horizont der meisten Beteiligten.
Die Geschäftsführung der von Wilhelm gerüffelten ARD-Werbetochter sind da schon eher auf gesellschaftlicher Ballhöhe. Private Zeitungen und Sender sind für sie Konkurrenz. Was sonst? Und wenn sie aggressiv (und schlecht!) sind, ist Gegenwehr erforderlich.

Neue Bestimmer*innen der Empörung

Was gesellschaftlich aktuell passiert, und zum Glück scheinbar ohne deutschen Sonderweg, hat Albrecht von Lucke/Blätter mal wieder mit scharfem Blick erfasst. Zu den von ihm benannten jungen Frauen, die die neuen Empörungsbewegungen medial repräsentieren und Berliner Profis vor laufenden Live-Kameras rhetorisch hochprofessionell erledigen und nachhause schicken, möchte ich verstärkend hervorheben, dass diese Jugendlichen mit rasender Geschwindigkeit erfasst haben, wie heutige Medienmachtkämpfe funktionieren. In weniger als einem halben Jahr haben sie sich von ahnungslosen Objekten der Russen (Merkel in Davos) zu Agendabestimmer*inne*n des öffentlichen politischen Diskurses verwandelt. Tschüs Pegida!
Das hat vor ihnen noch keine Bewegung so schnell geschafft. Denkbar, dass sie auch schneller wieder verglüht, wie es manche Berliner Parteizentralen mglw. erhoffen. Eine Fehlkalkulation. Denn wie mich seinerzeit das “versendete”Kritische Tagebuch des WDR fürs Leben prägte, so sind die Erfahrungen, die streikende Schüler*innen jetzt sammeln, prägend für kommende Jahrzehnte.
Journalist*inn*en, die herausfinden wollen, wie es mit ihnen selbst und ihrem Beruf weitergehen kann, sollten sich unter die Demonstrant*inn*en mischen, so lange die öffentlich herumlaufen, fragen, zuhören und lernen, lernen, lernen.

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