DB macht Beuel wieder selbstständig

Von , am Montag, 22. April 2019, in Beuel & Umland.

Wundersame Bahn XIV
Das schöne an Bauarbeiten sind Zugumleitungen auf die richtige Rheinseite. So ist es der Sonnenseite unserer Stadt, dem schönen Beuel vergönnt, sporadisch von ICs angefahren zu werden. Es wird zwar von der DB geheimgehalten, z.B. auf den Aushangfahrplänen im Beueler Bahnhof, bzw. was von ihm noch übrig ist, aber es gibt sie wirklich.
Zuvor wollte ich mir, der Zeitpuffer war eingeplant, im Bahnhof noch eine FAS besorgen. Vom Fahrradparkplatz, es war einer frei!, betrat ich den Bahnsteig 1, um von dort ins Gebäude zu gelangen. Dä! Abgeschlossen! Aber im Zeitungsladen brannte Licht. Ums Gebäude herum, und tatsächlich, dort war eine Tür zugänglich. Im Laden gabs nur leider keine Sonntagsausgabe. Der arme Mann im Laden, wie soll der existieren? Eingesperrt und unbeliefert? Alles andere ist schon tot, Gepäckservice, Bahnsteigaufsicht und -hilfe, die Gaststätte (inkl. Toilette!) – seit Jahren. Da ist es schon eine Sensation, dass werktags noch Fahrkarten verkauft werden, von einem richtigen Menschen.
Auf bahn.de hatte ich virtuell einen IC gefunden, und gestern morgen erschien er pünktlich (!) auch analog. Er zerstreute die anfänglichen Zweifel. Denn in der computerisierten Bahnsteigansage hatte es geheissen: “hält heute nicht in Bonn”. Das konnte die Befürchtung nähren, dass er nicht anhalten würde. Vielleicht war es ein Trick der Programmierer*innen und ihrer Algorithmen, die Spannung anzuziehen und die Freude zu steigern, doch einsteigen zu dürfen.
Erstmals betrat ich als Fahrgast einen der Doppelstock-ICs. Wenn sie früheres IC-Leben gewohnt waren, löschen Sie das von Ihrer Festplatte. Den Speisewagen sowieso. Dieser Zug ab Beuel hatte sage und schreibe drei Wagen. Innen sahen sie so aus wie die Doppelstock-Regionalexpresse. Noch nicht einmal die Rückenlehnen sind verstellbar; alle Menschen sind gleich, vom Rücken war im Grundgesetz nicht die Rede. Der Unterschied von IC und RE ist also: der Preis!
Wegen der angekündigten “umfangreichen Bauarbeiten” in Köln (Hbf. und Hohenzollernbrücke) glaubte ich, dass dieser rechtsrheinisch umgeleitete Zug nach Düsseldorf zum Zwecke der Beschleunigung über Deutz fährt und den Hbf. links liegen lässt. Haha, ich Fahrgastlaie. Wir wurden auf die schönste aller Kölner Brücken geführt, die im Regelbetrieb Güterzügen vorbehaltene Südbrücke, von der wir in Köln-Süd einfädelten. Am dortigen Bahnsteig kamen wir zum Stehen. Fahrgäste erhoben sich eilig von ihren Sitzen. Ich glaubte: hmm, dann werden wir wegen der Bauarbeiten über Dormagen/Neuss umgeleitet? Haha, neenee. Das war nur ein Betriebshalt, wir bummelten von dort aus in den Hbf. Mit anderen Worten: sportliche Naturen hätten diese “IC”-Geschwindigkeit auch mit dem Fahrrad (über die gleiche schöne Brücke!) geschafft.
In Düsseldorf holte ich mir die FAS und stieg desillusioniert dann nicht in einen teuren ICE nach Essen Hbf. um, sondern nahm einen gleichzeitig abfahrenden und ähnlich schnellen RE nach Essen-Altenessen, das im Norden der Stadt näher an meinem Fahrtziel liegt.
Die FAS war eine Enttäuschung. Kostet fast 5 Euro, und im Gegenzug ist von ihrem früheren Inhalt kaum noch was übrig geblieben. Der erste interessante Text auf Seite 23 über einen tschechischen Oligarchen, der sich den Schweizer Skiort Crans Montana unter den Nagel gerissen hat. Auf Seite 24 ein Interview mit dem Initiator des Berliner Volksbegehrens zur Enteignung eines Wohnungskonzerns; und auf Seite 37 Mark Siemons mit einem Plädoyer für Fussgänger*innen – alles nicht online, darum kein Link. Für Spielberichte von den Bundesligaspielen hats schon nicht mehr gereicht, noch nicht mal für die Übernahme von dpa oder sid. Und der Medienredakteur hat auch schon wieder gewechselt – vom einst innovativen Layout ganz zu schweigen.
In Altenessen hatte ich noch ein unschönes Erlebnis, für das die DB nichts kann, sondern die Essener Verkehrs AG, die unter den Kosten ihres in den 80er Jahren gegrabenen U-Bahnnetzes ächzt. Vom Bhf. Altenessen ist noch weniger übrig als von Beuel. Da wo früher ein Bahnhof war, ist eine verpisste dunkle Unterführung und ein Haufen Glasscherben (vom Vortag oder älter? muss offenbleiben). Durch die Unterführung sah ich, der ich als Erster vom Bahnsteig runterkam, dass die oberirdische Strassenbahn, die hier eine Endstation hat, soeben losfuhr – man nennt das “Verkehrsverbund”. Ich musste in die andere Richtung zur U-Bahn. Immerhin hängen in Essen Abfahrtsanzeigen schon oberirdisch am Abgang nach unten, der in Altenessen sehr tief und weit ist. Dort stand meine Bahn “in 14 Minuten”, war also gerade eine weg, ich hatte Zeit. Eine junge Frau mit Kopftuch überholte mich eilig, ich mit meiner Gleitsichtbrille bin lieber vorsichtig. Auf der letzten Treppe bemerkte ich, wie sie in den Sprintmodus wechselte. Immerhin konnte ich noch sehen, wie die Bahn, von der ich glaubte, sie sei weg, wegfuhr. Die Freuden der Technik.
Ich will nicht jammern. Der Tag war schön, das Wetter auch, ich hatte routiniert genug Zeit eingeplant – von Tür zu Tür 3 Stunden. In NRW. Dem deutschen Industrieland.
Zurück nach Beuel lief alles wie am Schnürchen. Mein Bruder fuhr mich im Daimler zum Hbf. Dort erreichte ich übergangslos einen um 40 Minuten verspäteten ICE nach Köln. Der wiederum in Köln einen ähnlich verspäteten IC erreichte – übrigens alles in den “umfangreichen Bauarbeiten” in Köln ohne Umleitung. Wenn auf ihre Verspätungen Verlass ist, funktioniert die DB tadellos.

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