Wackelkandidaten

Von , am Sonntag, 3. November 2019, in Politik.

von Günter Bannas
Was wird aus AKK? Was aus thüringen? Was aus Olaf Scholz? Was aus der großen Koalition? Und wo eigentlich ist Angela Merkel? Den Berliner Journalisten geht es zurzeit wie den Pilzfreunden: Sie müssen nicht lange nach „Themen“ suchen. Sie brauchen nur zu sammeln – Steinpilze, wohin das Auge blickt. Nie war im Gefüge der Parteien so viel Bewegung wie in diesen Tagen. Und wie mit dem unterirdischen Pilzgeflecht ist es auch in der Politik: Alles ist miteinander verwoben. Undurchschaubar, bis – überraschend, überraschend – ein Steinpilz auftaucht. Oder eben ein Hexenröhrling, roh ungenießbar, gekocht hervorragend.
Vizekanzler Scholz musste sich mit seiner Kombattantin Klara Geywitz („erleichtert und froh“) freuen, beim ersten Durchgang des SPD-Mitgliederentscheids auf Platz eins gelegen zu haben – mit nicht einmal 23 Prozent und nur knapp vor dem früheren NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans und der SPD-Digitalexpertin Saskia Esken. Ob das Acht-Prozent-Ergebnis der SPD in Thüringen dem Finanzminister beim Stichentscheid schadet, weil die Basis endgültig genug von der Groko hat, oder ob es ihm hilft, weil in Krisen auf das Bewährte gesetzt wird – ungewiss.
Dass Außenminister Heiko Maas (SPD) den Vorstoß der CDU-Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer zur Syrienpolitik („theoretischer Charakter“) im Ausland kritisierte, war dem Brauch nach ungehörig. Ein Akt der Selbstbehauptung, weil er nicht eingeweiht war?
Die intern unter Druck stehende CDU-Chefin hatte damit Führungskraft beweisen wollen. Es wurde ihr nicht gedankt. Ihre „Parteifreunde“ ließen nicht locker – NRW-Ministerpräsident Armin Laschet („So etwas kann man besser abstimmen“) zum Beispiel. Den Absturz seiner Partei auf 22 Prozent in Thüringen wiederum erklärte der CDU-Kandidat Mike Mohring auch mit derlei Vorkommnissen in Berlin. Die Versicherung der CDU („kein Bündnis mit der Linkspartei“) wackelt.
AKK aber stellte die Machtfrage. Kanzlerkandidatur inbegriffen? Die Unruhe in der CDU beweise, dass Vorsitz und Kanzlerschaft in eine Hand gehörten, sagte sie – Merkel im Visier?
Was machte die Kanzlerin ohne Scholz? Was würde aus den beiden CDU-Frauen, wenn ihr schärfster „Parteifreund“ Friedrich Merz sich Ende November auf dem Parteitag zum stellvertretenden CDU-Vorsitzenden wählen ließe? Ein Platz ist frei. Die Kanzlerin ist derzeit innenpolitisch wie abgetaucht.

Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion.
Hören Sie zum gleichen Thema auch das heutige DLF-Interview mit Albrecht von Lucke.

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