Ethnisierung der Kriminalität (II)

Von , am Dienstag, 26. November 2019, in Medien, Politik.

Kompliment, Herbert Reul. Deutsche Medien sind immer noch bereit, sich von Deinem Agendasetting am Nasenring durch die Arena ziehen zu lassen. So widmete die ARD gestern abend – ich habs nicht gesehen – Reuls Lieblingsthema “Clankriminalität” einen ganzen Sendeabend. Rund 3 Mio. haben ihn sich zugemutet, für die ARD knapp unterm Durchschnitt (ist der Montagabend wg. des ZDF-Spielfilms immer). Da ich nicht dabei war, will ich über die Qualität des Gebotenen nicht richten.
Autor Olaf Sundermeyer, der die Dokumentation nach der Tagesschau gemacht hat, ist kein billiger Fall, sondern hat sich in seinem turbulenten Berufsleben ein seriöses Œuvre geschaffen. Was ich von Frank Plasberg nicht in gleicher Weise behaupten wollte. Bemerkenswert zu seinem Schaffen die medienkritische Besprechung bei waz.de. Ich hoffe mal, dass Autor Felix Müller dafür nicht übermässigen Ärger in seiner Redaktion hatte. Denn die ist in der Regel eine zuverlässige Transporteurin von Reuls Kampagnen – die verbliebene Verleger*innen*familie Funke (u.a. mit Ministerkollege, Immobilienhai und Ex-Kohl-Anwalt Holthoff-Pförtner) weiss, was für die CDU wichtig ist. Vielleicht sogar besser als die Partei selbst.
Knapp daneben schiesst auf der anderen Seite die taz, und anscheinend auch der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. SAT1 mit einem TV-Marktanteil von 6%, das ist noch schwächer als die FDP, ist ein billiger Gegner, der ökonomisch schon am Boden liegt, und vielleicht bald von den marodierenden Berlusconis gefressen wird. Interessanter ist, dass der zurecht kritisierte Film aus der Produzentenwerkstatt des Spiegel stammt. Der wird von der Mehrheit der Medienszene als seriöses oder gar investigatives Haus gehalten. Doch während Aldi seine Filialen gegenwärtig bundesweit upgraded, ist der Spiegeljournalismus mit Downsizing beschäftigt. Wer denen noch was abkauft, dessen politischer Bildung ist nicht mehr zu helfen.

Ein Kommentar zu “Ethnisierung der Kriminalität (II)

  1. Roland Appel

    Ich habe die Doku gesehen. Das Problem war, dass die Botschaft rüberkam: Die kriminellen Banden sind halt vor allem Ausländer oder Deutsche mit Migrationshintergrund, die die Großfamilie über alles stellen und in Parallelgesellschaften leben. Deshalb muss der Staat endlich hart durchgreifen. Dass in der Tat tribale, gewalttätige männliche Herrschftsstrukturen in bestimmten Großfamilien dominieren, dies aber nicht nur ein Problem von Kriminalität ist, sondern auch z.B. bei Bildungsgrad, Lebenschancen und Geschlechtergerechtigkeit für Frauen oder Homosexuelle diese Clanstrukturen zerstörerisch und antidemokratisch wirken, geriet schnell in den Hintergrund. Auch die Frage nach den Ursachen, dass Flüchtlinge wie die in den 70er und 80er Jahren geduldeten Libanesen und andere nicht arbeiten durften, Kinder nicht hinreichend Schulbildung bekamen – und dass genau diese falsche Flüchtlingspolitik bis heute fortgesetzt wird, wurde nur ganz am Rande gestreift. Dafür dominierte viel oberflächliches Gerede eines Vertreters des Bund Deutscher Kriminalbeamter, dessen Kriminalitätsgewäsch eine fundierte Analyse und Benennung der politischen Ursachen und nötigen Gegenstrategien verhinderte. Reul-Fernsehen mit vielen halbherzigen Argumenten – für die AfD ein gefundenes Fressen. Es wurde über ein reales gesellschaftliches Problem nicht miteinander, sondern übereinander geredet. So wird sich nichts ändern.

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