von Bernd Gäbler (mit Vorwort von Jupp Legrand) Otto Brenner-Stiftung
Wie das Fernsehen die Unterschichten vorführt
Vorwort
Armut ist ein politisch umstrittener Begriff, der auf vielschichtige Fragen verweist, facettenreiche Inhalte zum Ausdruck bringt und auch Probleme anreißt, die immer wieder diskutiert werden müssen. Es geht um Weltbilder, Werte, Interessen und Vorstellungen von Gerechtigkeit, die nicht selten aufeinanderprallen. In demokratischen Gesellschaften ist dabei das durch Medien erzeugte Bild von Armut und sozialer Ungerechtigkeit für gesellschaftliche Aushandlungen zentral. Doch welches Bild zeichnen die Medien in Deutschland von Armut? Welches Zeugnis dieser gesellschaftlichen Realität legen sie ab? Diesen Fragen geht das vorliegende Diskussionspapier der Otto Brenner Stiftung anhand der Darstellung von Armut im Massenmedium Fernsehen nach – und lässt im doppelsinnigen Titel „Armutszeugnis“ zugleich sein Urteil erkennbar werden.
Dass es in Deutschland Armut gibt, wird zwar nur selten geleugnet, aber Konjunktur hat die Berichterstattung darüber dennoch nicht. Im Fokus stehen meist andere Themen. Gegenwärtig dominieren Klimapolitik, Globalisierung und Digitalisierung, Flucht und Integration sowie bis auf Weiteres die Corona-Pandemie die politische und mediale Agenda. Wenn aber das fundamentale Problem der sozialen Ungleichheit ins Hintertreffen medialer Aufmerksamkeit gerät, dann verrät dies eine eingeschränkte Perspektive. Denn es ist beispielsweise keineswegs gesichert, dass der anstehende ökologische Umbau auch sozial verträglich gestaltet wird und dass die fortschreitende Globalisierung soziale Gegensätze verringert. Von Armut Betroffene haben keine starke Lobby, die ihre Belange in den Diskurs einspeist und ihre Interessen durchsetzt. Darum bleibt es wichtig, dass Medien die soziale Frage immer wieder stellen, Armut konsequent im Blickfeld halten und fortlaufend über adäquate Formen der medialen Repräsentation der Betroffenen streiten. Der berufsethische Anspruch der Medien, auch „eine Stimme für die Stimmlosen zu sein“, ist hier von besonderer Relevanz.
In diesem Sinne wollen wir einen Denkanstoß geben und zu einer ergebnisoffenen Debatte über Unzulänglichkeiten der journalistischen Praxis ermutigen. Unserem Autor Bernd Gäbler, der schon mehrere interessante OBS-Studien veröffentlicht hat, geht es dabei nicht darum, einen neuen oder gar eigenständigen Beitrag zur Armutssoziologie zu liefern. Einige zentrale Fakten, präsentiert am Beginn des Papiers, sollen lediglich den Rahmen für die weitere Diskussion der medialen Armutsdarstellung liefern. Weiterhin geht es in dem Diskussionspapier nicht um eine exakt vermessende empirische Studie aller Armutsberichte in der deutschen Fernsehlandschaft. Stattdessen sollen präzise Beobachtungen einiger markanter Beispiele der medialen Thematisierung von Armut eine weitere Diskussion anregen.
Zum zehnten Geburtstag von RTL im Jahr 1994 hatte Gerhard Zeiler, der damalige Chef des Senders, in seiner Festrede betont, es sei dessen Alleinstellungsmerkmal, denjenigen einen Raum zu geben, die von anderen als „Unterschicht“ verachtet würden. Heute ist diese Affinität zu einer bestimmten Schicht, die sowohl im Programm gezeigt wie als Zuschauer anvisiert wird, zur DNA des Senders RTL II geworden. Sendungen wie Hartz und herzlich oder Armes Deutschland gehören zentral zu dessen Programmprofil.
Viel zu selten sind diese Formate jedoch Gegenstand differenzierter Programmkritik. Der Sender genießt wenig Ansehen, und deswegen finden viele Medienkritiker solche Sendungen von vornherein des Ansehens nicht wert. Dagegen ist die vorliegende Studie von der Überzeugung getragen: Weil es besonders viel zu kritisieren gibt, hilft es nicht, diese Sendungen einfach zu ignorieren. Stattdessen bedarf es scharfer Beobachtung. Darum nimmt die Darstellung und Analyse der sogenannten „Sozialreportagen“ von RTL II einen relativ breiten Raum ein.
Die öffentlich-rechtlichen Sender haben einen anderen Anspruch. „Wir wollen Kitt für die Gesellschaft sein“, erklärte kürzlich der neue Vorsitzende der ARD, WDR-Intendant Tom Buhrow. Dieser Anspruch kann in seiner Vagheit auf vielfältige Weise gedeutet werden, sicher dürfte jedoch folgende Interpretation sein: Es entspricht sicherlich nicht dem öffentlichrechtlichen Auftrag, den unteren Rand der Gesellschaft zu ignorieren oder auf ihn herabzublicken. Als wenig befriedigend ist die Antwort zu werten, die neuerdings häufiger von den Verantwortlichen von ARD und ZDF vorgetragen wird: Hansi Hinterseer und Helene Fischer oder Das Traumschiff seien für das öffentlich-rechtliche Programm so wichtig, weil dessen Angebot nie elitär, sondern unbedingt populär und für jedermann konsumierbar sein müsse. Etwas mehr intellektuelle Anstrengung ist schon nötig, um herauszubekommen, welche neuen ästhetischen Darstellungsformen entwickelt und erprobt werden müssen, um Armut zeitgemäß und zugleich realistisch und würdig darzustellen.
Unser Diskussionspapier zeigt: Die gesellschaftliche Polarisierung findet ihre Fortsetzung in einer medialen Spaltung. Auch im Fernsehen gibt es fragmentierte Parallelwelten, die sich kaum berühren. Wir schlussfolgern: Es ist falsch, die „Unterschichten“ dem sogenannten „Unterschichtenfernsehen“ zu überlassen. Der „untere Rand“, so das Fazit von Autor und Stiftung, gehört in die Mitte unserer Wahrnehmung.
1. Einleitung
Im vorliegenden Diskussionspapier geht es um Medien, nicht um Soziologie. Gleichwohl wird zum besseren Verständnis des Gegenstands der Untersuchung eingangs kurz der Stand der Armutsforschung referiert (Kapitel 2), auch um darzulegen, dass dem Papier ein weiter, multidimensionaler Begriff von Armut zugrunde liegt. Außerdem werden die zentralen Begriffe „Hartz IV“ und „Unterschichtenfernsehen“ reflektiert.
In der folgenden Inhaltsanalyse wird besonderes Gewicht auf die Darstellung und Interpretation des Formats Hartz und herzlich des Senders RTL II (Kapitel 3.1) gelegt. Das hat mehrere Gründe. Zunächst muss dieses Format etwas ausführlicher beschrieben werden, weil es vielen Lesern nicht selbstverständlich geläufig ist. Obwohl in der von RTL II anvisierten Zielgruppe recht erfolgreich, spielt es in öffentlichen Diskursen über die Darstellung von Armut ebenso wie in der Medienkritik nur eine untergeordnete Rolle. Dabei stellt es die dominante Form dar, in der aktuell im privaten Fernsehen über Armut berichtet wird. Die Beschreibung ist nach einzelnen Gesichtspunkten einer kritischen Rezeption gegliedert. Somit liegt hier zum ersten Mal eine ausführliche, systematische und kritische Betrachtung dieses Formats vor. Das ist wichtig, weil die Machart von Hartz und herzlich sich in einer Vielzahl anderer RTL-II- Sendungen fortsetzt. Sie werden alle unter dem Label „Trotz dem Leben“ ausgestrahlt und tragen Titel wie Armes Deutschland – Deine Kinder oder Armutsatlas Deutschland. Sie sind so angelegt, dass sie im Prinzip nahezu endlos fortgesetzt werden können. Detaillierter untersucht wird im vorliegenden Papier weiterhin das Format Armes Deutschland – Stempeln oder abrackern? (Kapitel 3.2). Produziert wird es von einer anderen Firma und unterscheidet sich vom Mutterformat Hartz und herzlich vor allem dadurch, dass es dieses weiter radikalisiert. Das gesamte Kapitel 3 ist so umfangreich, weil darin eine exemplarische Auseinandersetzung mit einer bestimmten Art und Weise der Darstellung von Armut im Medium Fernsehen stattfindet.
Auch der größere Privatsender RTL versucht sich – allerdings bedeutend zaghafter – an diesem Thema. Mit einer Reportagereise der Moderatorin Vera IntVeen offeriert er ein Format, das sich selbst als warmherzige Alternative zu den Formaten des Senders RTL II darstellt. An diesem Anspruch wird es gemessen (Kapitel 4.1).
Zumeist in den Nachmittagsprogrammen der Privatsender werden sogenannte „Scripted-Reality“-Formate gesendet. Diese sind angelegt wie klassische Soaps, sollen aber mehr Authentizität vermitteln, weil hier Laiendarsteller die vom Drehbuch vorgeschriebenen Konflikte dramatisch in Szene setzen. Zu diesem Genre gehören RTLII-Formate wie Berlin – Tag und Nacht oder Köln 50667. Weil die Medienwirkungsforschung festgestellt hat, dass insbesondere viele jugendliche Zuschauer diese Inszenierungen in der Regel nicht als solche durchschauen, haben sich Sender und Medienaufsicht im Jahr 2014 darauf geeinigt, dass diese Formate zumindest im Abspann als „frei erfunden“ gekennzeichnet werden müssen. Diese Sendungen sind oft in einem ähnlichen sozialen Milieu angesiedelt wie die Armutsberichterstattung. Obgleich Hartz und herzlich mit ähnlichen Handlungssträngen und Konfliktmustern arbeitet, wie sie in „ScriptedReality“-Formaten üblich sind, gehört es nicht zu diesem Genre. RTL II nennt seine Armes-Deutschland-Formate „Sozialreportagen“. Wir werden untersuchen, inwiefern sie dem Anspruch, der an eine Reportage zu stellen ist, gerecht werden.
Die journalistische Reportage ist nach wie vor eine der geeignetsten Formen, die Wirklichkeit für Leser oder Zuschauer zu erforschen. Der Fernsehreporter geht hinaus in die Welt und lässt seine Zuschauer am Geschehen teilhaben. Im Informationsprogramm aller Sender spielt die Reportage noch immer eine große Rolle. Es handelt sich um eine recht offene Form mit fließenden Grenzen zwischen Handwerk und Kunst. Dieses Genre lässt sich schlecht in ein paar definierende Sätze pressen, doch es gibt einige grundlegende Regeln. Bereits im Jahr 2010 hat der schreibende Reporter Johannes Schweikle einige kurze, aber sehr präzise Thesen dazu verfasst, die immer noch zutreffen (Schweikle 2010). Eine Reportage muss plastisch sein und soll möglichst eine Geschichte erzählen. Der Reporter will den Rezipienten mit allen Sinnen an seinen Erfahrungen teilnehmen lassen. Er hat den Ehrgeiz, die Wirklichkeit zu erfassen und „ein kleines Stück dieser Welt genauer zu erklären“ (ebd.). Laut Schweikle muss eine Reportage nicht unbedingt einen „Überblick über ein Großthema wie Bildungspolitik geben“, aber sie könne genau zeigen, „wie es in der neunten Klasse einer Hauptschule in HamburgMümmelmannsberg zugeht“ (ebd.). Dabei geht es nie ohne Recherche. Die Reportage will tiefer schürfen und nicht nur eine Oberfläche wiedergeben. „Wer nicht mehr staunen kann,“ schreibt Schweikle, „soll am Schreibtisch bleiben.“ Wer also nur berichtet, was er ohnehin schon im Kopf hat, verfehlt die Absicht der Reportage. Deren Sinn besteht nicht darin, Klischees zu reproduzieren. Eine Reportage kann und darf subjektiv sein, aber es wäre ein fundamentales Missverständnis von Subjektivität, daraus abzuleiten, der Reporter dürfe Fakten erfinden, unterschlagen oder verfälschen, damit seine Erzählung stimmiger oder interessanter wird. Im Print-Journalismus ist die Reportage durch die Fälschungen des SpiegelReporters Claas Relotius (vgl. Moreno 2019) in Misskredit geraten. Es wurde geargwöhnt, die der Reportage immanente Tendenz zum „Storytelling“ verführe geradezu zum Fälschen, was allerdings auf mildernde Umstände für den Fälscher hinausliefe. Das Gegenteil ist richtig: Nicht die Form der Berichterstattung ist letztlich entscheidend für deren Wahrhaftigkeit, sondern das Format des Journalisten.
Das gilt auch für das Fernsehen. Der große Privatsender RTL versteht sich vor allem als Unterhaltungssender. Definiert man „Unterhaltung“ als Gegenteil von Langeweile, so gilt dieser Anspruch natürlich für jedes Fernsehen. Viele Menschen schalten den Fernseher ein, um abzuschalten. Im engeren Sinne aber zählen zur Fernsehunterhaltung spezielle Formate wie Quiz und Show. Alle Formen von Casting, Dating, Rollentausch oder Coaching-Shows sind dabei insbesondere im Programm der Privatsender zu Hause. Das Fernsehen ist ein Medium der Passivität. Unterhaltung gilt dann als gut, wenn sie beim Zuschauer das Gefühl erzeugt, er werde gut unterhalten. Zugleich ist das Programm von sozialtherapeutischer Bedeutung.
Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz sieht in der Unterhaltung, die immer mit Stereotypen arbeite, die Helden und Versager präsentiere und so Normen setze, sogar ein „moralisches Training“ (Bolz 2007b, S. 95), ja eine „Schule der sozialen Intelligenz“ (ebd., S. 93). Protagonisten aus den Unterschichten haben in der RTL-Unterhaltung schon früher eine Rolle gespielt. Von 2004 bis 2011 brachte die Pädagogin Katharina Saalfrank als Super Nanny Familien bei, wie sie die Erziehung ihrer Kinder bewältigen könnten. In Erinnerung geblieben ist die „Schweigetreppe“, auf die schwer zu bändigende Kleine zu verbannen waren. Von 2007 bis 2015 half der mal strenge, mal nachsichtige Schuldnerberater Peter Zwegat hoch verschuldeten Familien Raus aus den Schulden. Er popularisierte die Möglichkeit einer „Privatinsolvenz“. Heute lebt er fort als Werbefigur für einen Lebensmitteldiscounter.
Weil es sich nicht ziemt, mit Armut zu spielen, ist es von vornherein heikel, zu diesem Thema eine Unterhaltungssendung zu konzipieren. RTL hat es dennoch versucht mit Ilka Bessin, die als Comedy-Figur „Cindy aus Marzahn“ erfolgreich war, und dem ehemaligen Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, der sich als Milieukenner und Mann, der Klartext redet, profiliert hat. Zahltag! Ein Koffer voller Chancen, heißt dieses als „Sozialexperiment“ titulierte Format. In Kapitel 4.2 wird es gründlich untersucht.
Die Ergebnisse zu den maßgeblich mit Armut befassten Formaten der Sender RTL II und RTL werden anschließend (Kapitel 5) zusammenfassend bewertet.
„Das Fernsehen“ ist facettenreich un vielschichtig. Ebenso der Wahrhaftigkeit verpflichtet wie die journalistische Reportage ist der Dokumentarfilm. Gegenüber der Reportage ist er meist länger und noch stärker ein gestaltetes Kunstwerk. Es gibt eine eigene, lange Tradition der dokumentarischen Filmkunst. Im Fernsehen haben sich insbesondere die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF um die Entwicklung dieses Genres verdient gemacht. Ein Dokumentarfilm will die Wirklichkeit in allen Facetten erfassen. Das geht nicht, indem man einfach die Kamera auf den Gegenstand der Berichterstattung hält. Die Oberfläche soll durchdrungen werden. Recherche ist notwendig. Ein Dokumentarfilm verlangt nach ästhetischer Gestaltung, nach Formbewusstsein, nach Dramaturgie. Die immer noch beste Einführung in die Dramaturgie des Dokumentarfilms gibt Thomas Schadts Bändchen Das Gefühl des Augenblicks (2002). „Offenheit, Neugierde, Respekt, ehrliches Interesse sowie Mitgefühl und Geduld gegenüber den Menschen und ihren Situationen vor der Kamera sind unbedingte Voraussetzungen“ (ebd., S. 55), schreibt Thomas Schadt, der ein bedeutender Dokumentarfilmer ist und seit dem Jahr 2005 als Direktor die Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg leitet. Nicht alles sei zeigbar. Deswegen könne „[e]twas weg oder auszulassen […] authentischer und damit aussagekräftiger sein, als etwas bewusst nachzustellen oder gar zu fälschen“ (ebd., S. 25). Sehr ausführlich reflektiert er das Verhältnis von Nähe und Distanz des Dokumentarfilmers zu den Protagonisten. Immer sei dies eine „Begegnung auf Zeit“ (ebd., S. 63), deren Kern die „Vertrauensarbeit“ sei. „Aber Vertrauen braucht Zeit, Zeit jedoch verursacht Kosten“ (ebd., S. 137). Und immer müsse dem Dokumentarfilmer bewusst bleiben, dass die Kamera ein Machtinstrument sei. „Sie ist in der Lage, Menschen zu denunzieren, bloßzustellen“ (ebd., S. 49). Thomas Schadt hat so einen brauchbaren Maßstab entwickelt, an dem alle TV-Formate zu messen sind, die dokumentarisch sein wollen.
Solche finden sich vor allem im Programm der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF. „Das Fernsehen“, schrieb Thomas Schadt schon vor 18 Jahren, „ist der größte Auftraggeber und der größte Verhinderer von Dokumentarfilmen in einem“ (ebd., S. 37). Heute fällt die Analyse nicht anders aus. Im vorliegenden Diskussionspapier spielen Dokumentarfilme zum Thema Armut naturgemäß insbesondere in dem Kapitel über ARD und ZDF (Kapitel 6) eine Rolle. Solche Filme werden zwar gezeigt, aber dennoch entsteht nie der Eindruck, dass hier eine entschlossene Programmplanung existiert oder das Thema durch kraftvolle Initiativen vorangetrieben würde. Deswegen werden hier vor allem einzelne Beispiele besprochen und gewürdigt. Diesem Kapitel ist das Interview mit Aelrun Goette zugeordnet. Sie hat sich sowohl als Dokumentaristin (Die Kinder sind tot) wie als Regisseurin von Spielfilmen einen Namen gemacht und unterrichtet an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf.
Ähnliche Beobachtungen wie bei den Dokumentarfilmen in ARD und ZDF treffen auf die Darstellung von Armut in fiktionalen Produktionen zu – gemeint ist die Themen- und Formentwicklung in Spiel und Fernsehfilmen. Auch hierzu (Kapitel 6.2) erfolgt keine auf Vollständigkeit angelegte empirische Programmanalyse, vielmehr werden einzelne herausragende oder in anderer Hinsicht exemplarische Werke hervorgehoben. Als besonders interessant erweist sich hier die Arbeit der Redaktion des „Kleinen Fernsehspiels“ des ZDF, wo immerwieder bemerkenswerte Einzelsendungen zum Thema Armut zu finden sind. Filme, die zu den Hauptsendezeiten ausgestrahlt werden, sind dagegen häufig in Wohlstandsmilieus der Mittelschichten angesiedelt. Im Vergleich mit sozialkritischen Filmen aus unseren Nachbarländern, von denen einige vorgestellt werden, schneidet der deutsche Film – unabhängig davon, ob er für das Fernsehen oder das Kino produziert wurde – nicht gut ab. Hier ist das Fernsehen kein Motor der Innovation.
In Kapitel 7 werden die Ergebnisse der Untersuchung thesenartig zusammengefasst, und der Diskussionsbeitrag endet mit einem Appell, der hoffentlich nicht ungehört verhallen wird.
…
7. Resümee und Aufruf
1. Armut ist ein relevantes gesellschaftliches Problem. Am unteren Rand einer reichen Gesellschaft leben viele Armutsbetroffene. Es gibt eine gesellschaftliche Spaltung: Durch Globalisierung und Digitalisierung entstehen auch neue Verlierer. Ob man sie „Unterschicht“ (Paul Nolte) nennt, „die Ausgegrenzten“ (Heinz Bude) oder von einer „prekären Klasse“ (Andreas Reckwitz) spricht – es gibt ein gesellschaftliches „Unten“, das von Niedriglöhnern bis zu Langzeitarbeitslosen reicht. Diese leben nicht nur in einer schwierigen materiellen Lage, sondern erfahren eine umfassendere soziale und kulturelle Entwertung.
2. Das Wort „Hartz IV“ ist dafür zum Symbol geworden. Es prägt die Wahrnehmung. Gedacht als Maßnahme einer modernen, flexibleren Sozialgesetzgebung, die durch Fördern und Fordern Menschen wieder an die Arbeitsgesellschaft heranführen sollte, ist „Hartz IV“ zu einem Makel geworden, zu einem Abstempeln von Bedürftigen, zum Synonym für Abgrenzung und Ausgrenzung.
3. Es ist wichtig, nicht wegzusehen, sondern hinzuschauen, zu verstehen und nicht zu verachten. Dafür spielt es eine große Rolle, wie Medien – insbesondere die Sendungen im Massenmedium Fernsehen – mit dem Thema Armut umgehen.
4. Der Sender RTL II hat es zum Wesenskern seines Programms gemacht, von den „Unterschichten“ für die „Unterschichten“ zu berichten. Die Analyse dieser Formate zeigt: Die Berichte sind einseitig und klischeehaft, manipulativ und diffamierend. RTL nähert sich mit einigen Sendungen dieser Art Fernsehen versuchsweise an. Deren Format Zahltag! Ein Koffer voller Chancen ist eine zynische Show-Veranstaltung.
5. Von der kritischen Öffentlichkeit und den öffentlich-rechtlichen Sendern werden diese Programme kaum beachtet, ja sogar ignoriert. Notwendig wäre stattdessen eine kritische Auseinandersetzung und ein Angebot fundamentaler Alternativen.
6. Wenn Armut vor allem im „Unterschichtenfernsehen“ thematisiert wird, in den öffentlich-rechtlichen Programmen aber eher beiläufig vorkommt, weil diese stark mittelschichtzentriert sind, dann droht die Gefahr, dass es zu einander kaum berührenden medialen Parallelwelten kommt.
7. In den Programmen von ARD und ZDF ist Armut zwar Thema in einzelnen journalistischen Berichten, in Reportagen, doch kaum noch in längeren Dokumentationen. In fiktionalen Produktionen kommt sie allenfalls sporadisch vor. Es gibt keinen koordinierten, systematischen oder nachhaltigen Umgang mit diesem gesellschaftlich relevanten Thema.
8. Anders als in Großbritannien, Belgien oder Frankreich ist in Deutschland keine Schule des sozialrealistischen Films entstanden.
9. Nachgedacht werden müsste über neue Erzählformen. Es müssten Räume geschaffen werden, die für kreative ästhetische Experimente und einen Austausch der Filmemacher offen sind. Die traditionellen Programmschemata von ARD und ZDF sind dafür offenkundig wenig geeignet.
10. Am Ende bleibt nur ein emphatischer Appell oder Aufruf. Es ist für eine Gesellschaft von großer Bedeutung, wie das Thema Armut medial bearbeitet wird. Das ist natürlich eine Frage der Haltung, zu der unbedingt die vorurteilsfreie Recherche gehört, aber insbesondere ein respektvoller Umgang mit den Betroffenen selbst. Sie dürfen nicht nur Objekt der Berichterstattung sein, sondern müssen einbezogen werden in die Erarbeitung journalistischer und ethischer Standards für das Schreiben und Berichten über Armut. In Österreich hat die dortige „Armutskonferenz“ einen Leitfaden für respektvolle Armutsberichterstattung (Armutskonferenz 2018) erarbeitet, die für Deutschland ein Vorbild sein kann.
Autor und Stiftung appellieren an die Journalisten und Sozialverbände und an die auch in Deutschland existierende „Nationale Armutskonferenz“, gemeinsam genau solche Standards zu diskutieren und verbindlich festzulegen. Sie böten allen Beteiligten eine dringend notwendige Orientierung und könnten in Zukunft als Maßstab für Medienkritik dienen
Dieser Beitrag ist eine auszugsweise Wiedergabe der gleichnamigen Studie der Otto-Brenner-Stiftung, hier in ihrer kompletten Fassung mit allen genannten Kapiteln.
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