Zarte Wende in der deutschen Corona-Bekämpfung wird behutsam vorbereitet – wohin mit all dem unverhofften Vertrauenskapital?
Nachtigall, ich hör’ Dir trappsen. So wenig, wie die politische Corona-Panik-Strategie von wissenschaftlichen Erkenntnissen geleitet war, so wenig wird es das Umschwenken nach Ostern sein. Es ist nicht Wissenschaft, es ist Politik. Beide Felder verkünden nicht Wahrheiten und Erkenntnisse, sondern sind Ort von Streit, Auseinandersetzung, Sieger*inne*n und Besiegten, nie endgültig entschieden, sondern ein ständiger Prozess. Das ist auch gut so. Schlecht ist, wenn Journalismus und Medien, die das der Gesellschaft übermitteln und durchsichtig machen müssten, so eklatant versagen, wie sie es in den letzten Monaten getan haben. Die grassierende Unwissenheit, vielfach in die Wiederkehr von Untertanengeist mündend, hat da ihre Ursache.
Der radikale Medienumbruch der jüngeren Vergangenheit hat radikale Defizite in der Medienkompetenz der Bürger*innen zur Folge, deren Bearbeitung viel mehr Zeit benötigt, als es bei Technologie-Disruptionen der Fall ist. Darum gibt es u.a. den Beueler Extradienst, um daran zu arbeiten.
Denn es gibt ja auch gute Beispiele. Die DLF-Sendereihe “Forschung aktuell” gehört dazu. Heute gab es dort, ganz ohne Kontrollschaum vor dem deutschen Mund, ein Gespräch mit Christine Westerhaus, die in Göteborg lebt und arbeitet, und die Situation aus Schweden berichtete (Audio, 8 min.).
Meine These ist, dass die deutsche Politik sich von eigenen Kontrollverlust-Ängsten leiten lässt. Das Virus ist dabei ein wichtiger Faktor unter anderen, aber nicht erkenntnisdominierend. Als unbekannte Grösse verursachte es in der politischen Klasse grosse Ängste. Hastig wurden Ratschläge von Wissenschaftler*innen eingeholt, ebenso hastig reagiert, nachdem panisch erkannt wurde, dass mann*frau damit spät dran war, ganz wie – und keinen Deut besser als – in China (ich sage nur: Skitourismus/Ischgl, Karneval, Fußball).
Interessante Lerneffekte: den Bürger*inne*n geht es nicht besser. Sie fassen wieder Vertrauen, zu denen, die sich schon dran gewöhnt hatten, sie seien in ihrem Ansehen ganz unten. Geht doch! Wie schön! Hatten wir schon lange nicht mehr.
Doch nun, herrjeh, droht eine noch grössere Katastrophe (ein Text, auf den der FAZ-Wirtschaftsteil hinwies!): Zerstörung der Volkswirtschaft, nee, des globalen Kapitalismus, Kapitalvernichtuung, wie es sonst nur Kriege geschafft haben. Darum kommt nach Ostern die Wende, Virus hin oder her. Scheinbar soll der Bonner Hendrik Streeck das wissenschaftliche Gesicht dieser Wende werden. Es gäbe Schlimmeres …
Keine Wende, die alles wieder wie vorher macht. Aber dosiert, dass die, die in den Hauptstädten die besten Lobbyvertretungen haben, wieder auf die Beine kommen. Die Kontrolle der Leute da draussen hat sich dagegen politisch sensationell bewährt. Sie wird noch viele Monate nur in homöopathischen (!!) Dosen gelockert, schliesslich ist das Virus noch da, ein Virus geht überhaupt nicht weg, und Impfstoff und Gegenmittel brauchen mindestens ein Jahr, und zwar gerechnet erst ab dem Zeitpunkt, ab dem sie erfunden sind.
Es kann also noch dauern. Es ist Politik.