Gutes und böses Zweifeln
Wie verändert die Corona-Krise das menschliche Zusammenleben? Unbemerkt verändern sich “Frames”. Jahrzehntelang galt Zweifel und Skepsis als links, oder mindestens linksliberal. Jetzt soll es rechts sein. Wissenschaftsgläubigkeit galt – auch und vor allem für Grüne – als konservative Gleichschaltung zugunsten industriellen “Fortschritts”. Mühevoll wurden dagegen wortungeheuerliche Dämme wie Technikfolgenabschätzung gebaut. Jetzt gibt es scheinbar wieder “die” Wissenschaft. Und wer dem widerspricht, was die meisten dafür halten, gilt zwar wie immer als Ketzer, aber jetzt als Rechter. Die Reste der Linken in der Gesellschaft (von der gleichnamigen Partei schreibe ich hier erst gar nicht) ergibt sich scheinbar wehrlos dieser Framing-Revolution. Lieber lassen sie sich inkorporieren von den bestehenden Herrschaften.
Ich gestehe, dass ich mir nicht sicher bin. Ich habe Zweifel (!), ob das klug ist. Darum ein Dank an den klugen Harald Staun, Medienredakteur der FAS, der sich um die Rettung der Kultur des Zweifelns bemüht.
Eine gute Freundin, heute eine respektierte Wissenschaftlerin mit beeindruckendem Wikipedia-Eintrag, erzählte mir vor vielen Jahren voller Selbstbewusstsein, dass sie für einige Zeit in Hamburg der Sexarbeit nachgegangen sei. An sie erinnerte mich das Interview der Wochenend-taz mit “Josefa Nereus”. Frau Nereus wirft hoffnungsvoll das Thema auf, ob Postcorona eine ganz andere Berührungspraxis nach sich ziehen werde. Sie erhofft sich ein Zurückdrängen der weit überwiegend von Männern praktizierten Übergriffigkeit gegen Frauen und Kinder. Wenn nach dem Anstoss von #metoo hier eine neue Aushandlungspraxis entstehen sollte, wäre das in der Tat ein Fortschritt. Aber ist dieser auf Postcorona projizierte Fortschrittsglaube nicht allzu naiv? Ist dafür nicht eine viel kämpferischere – und ja: auch oppositionellere – Grundeinstellung erforderlich?
Auf diesen Gedanken bin ich bei diesem Bericht von der von mir hochgeschätzten und wohlinformierten (weil recherchierenden!) Alina Schwermer/taz gekommen. Sie berichtet aus dem Alltagsleben des organisierten Berliner Amateurfussballs. Die Einen werden jetzt wieder abschalten, weil “Fussball” für sie die Bekloppten sind. Ich meinerseits reagiere so auf alles aus Berlin. Beide Abwehrreaktionen haben ja einen wahren Kern, können aber das Blickfeld einschränken. Was Schwermer beschreibt ist in erster Linie deutsches, ehrenamtliches Vereinsleben. Das gibt es auch im Karnevals- und Schützenverein, auch in Gewerkschaften, Bürgervereinen oder Parteigliederungen (aller Farben!). Es geht um die wachsende Unfähigkeit, in der immer diverser und individualistischer werdenden Gesellschaft die Findung von Kompromissen und Minimalkonsensen für den Alltag zu organisieren – mal mit Wenigen, mal mit Vielen. Dieser Prozess müsste typischerweise so organisiert werden, dass neue Leute (“Nachwuchs”) nicht abgeschreckt, sondern angezogen werden: Attraktivität ausstrahlen – es lohnt sich für mich hier mitzumachen. Wer kann das noch? Wo lernt frau/mann das? Global agierende Konzerne betreiben eigene Abteilungen, die erforschen sollen, wie sie auf diese Weise die “besten” Mitarbeiter*innen gewinnen. Der milliardenschweren DFL würden solche “Sachen” wie im Berliner Fussballverband niemals passieren. Und wenn doch, würde eine Frau Schwermer das niemals rauskriegen, weil alle Beteiligten fürs Schweigen bezahlt würden.
Der real existierende Kapitalismus, auch und gerade in Deutschland, ist darauf gebaut, dass ehrenamtliche Massen die Löcher stopfen, die sich nach betriebswirtschaftlichen Massstäben nicht zu stopfen “lohnen”. Stirbt diese Fähigkeit aus? Das ist keine akademische Frage, sondern eine fundamentale Systemfrage, und die nach Gewaltfreiheit und Demokratie im gesellschaftlichen und individuellen Umgang.