Unser Leser Küppi hat in seinem Video-Blog Locker Room, ich weiss leider nicht mehr in welcher Folge, die Vorzüge des Zivildienstes gepriesen. Ich erinnere mich an das inhaltliche Fazit, dem ich mich persönlich anschliessen konnte: “hat mir auch nicht geschadet”. Im Gegenteil: er war einer grosser Sprung nach vorn. Dennoch haben wir beide Unrecht, Und Georg Kurz, Bundessprecher der Grünen Jugend, hat Recht. Vollständig Recht.
Mein Herz füllte sich allein deshalb gestern Abend vor dem Einschlafen mit Wohlgefallen, weil hier ein Grüner nicht nur inhaltlich radikal und konsequent argumentierte, sondern auch einen kämpferischen Gestus gegen den keineswegs rechten Interviewer Jonas Reese verkörperte, einen Gestus, den ich von führenden Köpfen meiner Partei so seit vielen Monaten nicht mehr vernommen habe. Reese stand in diesem Interview für die ratlos rumgrübelnde Erwachsenen- und Politiker*innen*welt, die blind für, wie sie im Fussball sagen “die Mechanismen des Geschäfts”, ich würde sie die Mechanismen kapitalistischer Widersprüche nennen, von einem fiktiven “Zusammenhalt der Gesellschaft” fantasieren. Liebe Kinder weit über 30, den hat es noch nie gegeben, höchstens in euren schlechten Schulbüchern.
Ohne, dass er es bestellt haben konnte, stützte die soeben erschienene Sinus-Jugendstudie vollständig die Argumentation des grünen jungen Herrn Kurz, dem ich wünsche, mit dem österreichischen Bundeskanzler nicht verwandt zu sein. Hier die dpa-Meldung, hier die Komplettfassung, und hier die zentralen Thesen ihres Fazits:
“1. Viele Jugendliche sind heute ernst und problembewusst.
2. Sicherheit, Halt und Geborgenheit sind für die meisten wichtiger als Aus- und Umbrüche.
3. Die negativen Folgen der Individualisierung treten stärker ins Bewusstsein.
4. Die Jugend fühlt sich zu wenig gehört und nicht ernst genommen.”

Klarer lässt sich die Lage kaum erfassen.
Was ist der Unterschied zwischen Küppis und meinem Zivildienst vor rund 40 Jahren und heute?
Wir hatten in dem Alter den Welthorizont unserer Lokalzeitung und der Europapokalspiele. Viele unserer Altersgenossen sind sogar bis heute der Meinung, dass das ausreicht. Und das ist das Problem. Die Jugendlichen, die ich kenne, könnten direkt aus der Sinus-Studie entlaufen sein. Sie waren mit 14 ein halbes Jahr in Costa Rica, nach dem Abi ein Jahr in Ecuador, ihr Freund ist Mexikaner, und sie sind in einem Alter weltweit vernetzt, in dem Küppi und ich in unserem jeweiligen Ortsteil – bei mir hiessen sie Gladbeck-Butendorf und Essen-Karnap – Mühe hatten, eine Fussballmannschaft zur gleichen Zeit an den gleichen Ort zu mobilisieren.
Die Welt hat sich geändert, die Sicht auf die Welt, und “die” Jugend auch. Zum Glück.