Birk Meinhardt liefert sie wohl nicht
Irgendwann nach der 2003 erfolgten Einstellung ihres journalistisch hochklassigen NRW-Teils habe ich die Süddeutsche Zeitung abbestellt. Zu teuer und für den Preis nicht gut genug. Seitdem lese ich sie überall dort, wo sie bereit liegt, in meinem Mittagsbistro z.B.. Dort gibt es nur folgende Probleme. Wenn ich nicht zeitig um 12 eintreffe, hat sie irgendeine Person, die noch älter ist als ich, mit Beschlag belegt, und gibt sie zwei Stunden nicht mehr her. Wenn ich rechtzeitig eintreffe, benötige ich dagegen weniger als 20 Minuten. Das meiste, was drinsteht, ist für eine Tageszeitung zu alt, ich kenne es schon. Und die berühmte Seite 3, für die Birk Meinhardt geschrieben hat, bereitet meinen sehgestörten Augen Probleme, verbunden mit den Turnübungen, die ich angesichts des Druckformats dieser Riesenbögen Papier veranstalten muss. Und ist es den Aufwand wert? Meine Zweifel überwiegen meistens.
Für meine mit Gleitsichtbrille bewehrten stark kurzsichtigen Augen sind Onlinetexte auf einem Tablet mit funktionierender Zoom-Funktion am besten lesbar. Die Süddeutsche stellt die Texte, die sie selbst für die besten hält, hinter ihre Bezahlmauer. Wenn ich den Reichtum ihrer Verleger mit meinem vergleiche, bin ich für so ein Geschäftsmodell nicht zugänglich.
Aus der Zeit, als ich noch Abonnent war, erinnere ich mich, dass Meinhardt zu den Autor*inn*en zählte, die ich gerne gelesen habe. Meistens etwas “gegen den Strich” gebürstet und “gut geschrieben”. Heute assoziiere ich das, ohne je von dem was gelesen zu haben (dank meiner Spiegel-Abstinenz), mit “Relotius”. So “gut geschrieben”, dass es Preise dafür gab. Wie oben beschrieben, habe ich diese Praxis dank digitaler Leseangebote irgendwann aus meinem Zeitbudget wegrationalisiert.
Heute ist nun Stefan Niggemeiers/uebermedien Kritik an Meinhardts Buch komplett online lesbar. Ich habe selbst eine Person konsultiert, die mal Leitungsfunktion in der Redaktion hatte. Die Angaben, die Niggemeier zusammentrug, decken sich mit dem, was ich erfuhr. Da rechnet ein enttäuschter Künstler mit seinen Produktionsbedingungen ab, aus seiner persönlichen Sicht. Das ist legitim. Die SZ bringt das nicht ins Wanken, und leider auch keine der weitgehend überlebten politischen Gewissheiten, von der Geheimdienstnähe des sog. “Rechercheverbundes” mit NDR&WDR (unter Leitung von Spiegel-Gewächsen wie einst Leyendecker, und weiterhin Mascolo), dem Neoliberalismus im Wirtschaftsteil, dem Atlantizismus in der Aussenpolitik-Redaktion, der zahnlosen Gefälligkeit der Medienseite oder der lokalen Fixierung im Sportteil auf einen örtlichen von einem Westfalen geführten Fussballkonzern.
Ins Wanken bringt sich ein solches, einem geizigen Konzern aus Stuttgart gehörendes Medium am Ende wohl selbst.