In der Virus-Ära sind sie nötiger denn je
Das Covid-19-Virus bleibt. LĂ€nger. Ein Interview im FAZ-Wissenschaftsteil (kein Link, Paywall) deutet die Möglichkeit an, dass es mehrere Jahre sein können. Oder wissen Sie eine Impfung gegen Aids? Bei der Impfstoffentwicklung lassen Regierungen und Konzerne keinen Fehler aus. Jens Berger/nachdenkseiten fasst zusammen, wie sie Vertrauen zerstören. Vielleicht nicht bei der Mehrheit. Die will vermutlich und verstĂ€ndlich von dem Kram nichts mehr wissen, und ihr “altes Leben” wiederhaben. Doch Rentner wie ich haben Zeit sich damit zu beschĂ€ftigen. Und wir sind Viele. Und “Risikogruppe”.
Wer seinen Verstand noch beisammen hat, sollte sich darauf einstellen, dass die Viruskrise die Welt vorlĂ€ufig nicht verlĂ€sst. Eher addieren sich noch neuentdeckte Viren dazu. Was bedeutet das fĂŒr zukĂŒnftige gesellschaftliche Praxis?
Der einfachere Weg, den durchzusetzen es starke Interessen immer und ĂŒberall gibt, ist die Überwachungs- und Kontrollgesellschaft. Das Individuum muss sich um immer weniger kĂŒmmern, immer weniger entscheiden, wird versorgt und ausgelutscht. Bis es unbrauchbar ist. Demokratie ist was anderes.
Das wĂ€re der schwierigere, aber attraktivere Weg. FĂŒr den rĂ€cht sich jetzt noch mehr als zuvor, dass die sog. “sozialen Netzwerke” tatsĂ€chlich private Netzwerke datenhandelnder monopolistischer Konzerne sind. Florian Rötzer/telepolis, so alt wie ich, aber weit technikkompetenter, vielleicht ein spinnerter Idealist wie ich, stellte gestern richtig fest: “Demokratien kennen keine Instanz, die die Wahrheit vertritt. Auch deswegen mĂŒssen öffentliche RĂ€ume im Cyberspace geschaffen werden.” Das deckt sich ĂŒbrigens mit Jens Berger s.o.

Schulen und andere soziale Netzwerke

Ein reales öffentliches soziales Netzwerk ist die Schule. Die wird nach diesen Sommerferien radikal ĂŒberfordert. Sie verfĂŒgt weder ĂŒber ausreichend qualifiziertes Personal noch auch nur ausreichend Raum, um “Social Distancing” unter Kindern ab 6 Jahre durchzusetzen. Es ist kinder-, menschen- und naturwidrig. Die sozialen und kulturellen BedĂŒrfnisse im Menschen sind nicht abschaltbar (allenfalls einzuhegen), schon gar nicht “von denen da oben”. Social Distancing ist eine Not-Abwehrmassnahme gegen ein gefĂ€hrliches Virus fĂŒr einen vorĂŒbergehenden Zeitraum. Er will aber nicht vorĂŒbergehen, und hĂ€lt sich auch nicht an den Ferienkalender der Kulturministerkonferenz.
Das Beispiel zeigt, wie auch das Verhalten einer wachsenden Zahl junger (und altersstarrsinniger) Erwachsener, dass eine Strategie zur Definition sozialer RĂ€ume nötig ist, in der die Menschen sich das berĂŒhrungslose Social Distancing ersparen können. DafĂŒr wĂ€ren digitale datengeschĂŒtzte reale soziale Netzwerke, gĂ€be es sie, das Mittel der Wahl.
Notwendige Bedingung: das Individuum, kein Konzern, keine Behörde, hat die Kontrolle ĂŒber die Daten. Es definiert – auf der Basis zu kodifizierender Gegenseitigkeit, durchaus facebookĂ€hnlich – seinen Freund”innen”kreis. In diesem ĂŒber die Kleinfamilie oder WG weit hinausreichenden Kreis ist gemeinsamer Sport, gemeinsames Feiern, gegenseitiges BerĂŒhren, alles was schön ist, erlaubt. Auf diesen Gedanken brachte mich schon vor Monaten die Bildung multilateraler Familiengruppen, die nach aussen geschlossen waren, in denen innen aber die Kinder gemeinsam spielen durften.
Wenn nun in diesem definierten Freund*innen*kreis eine Infektion auftritt – dann wĂ€re grosses Behördenrecherchieren nicht mehr erforderlich, sondern die Zielgruppe notwendiger PrĂ€vention und Therapie bis hin zu vorĂŒbergehender QuarantĂ€ne wĂ€re schon definiert. Ähnlich den GaststĂ€ttenzettelchen, die niemand etwas angehen ausser im Infektionsfall, und die nach 14 Tagen zu vernichten sind.
Ein Risiko bleibt also, nicht nur das Gesundheits-, sondern auch ein Datenrisiko. Dort, wo es keine Infektion gibt, gehen die Daten aber niemanden etwas an, ausser die Teilnehmenden. Sie mĂŒssen die Anmelde- und Löschkontrolle selbst haben. Niemand als sie selbst soll das speichern dĂŒrfen.
Ich weiss, eine laienhafte Vorstellung. Aber das Leben mit dem Virus muss schöner werden. Warten ist keine Lösung.
Update 1.8.: Wie komm’ ich drauf? Weil Bettina Gaus recht hat. Die stillgelegte gesellschaftliche Kommunikation ĂŒber Klassen- und Cliquengrenzen hinweg, muss reinstalliert werden. Und solches kollektives Nachdenken und Streiten muss ugefĂ€hr in solche Richtungen denken, damit wenigstens die meisten mit dem Virus in Gesellschaft weiterleben mögen.