Ulrike Winkelmann hat in ihrer Zeit beim Deutschlandfunk (2014-20) das getan, was von festangestellten Redakteur*inn*en öffentlich-rechtlicher Medien erwartet werden muss, aber allzu selten vollbracht wird: als (mit-)verantwortliche Redakteurin der DLF-Reihe “Hintergrund” hat sie Erster-Klasse-Journalismus möglich gemacht. Als taz-Chefredakteurin muss sie darĂŒber hinaus Qualifikationen zur Anwendung bringen, die sich dem Blick der Öffentlichkeit entziehen, um den Laden zusammen- und am Laufen zu halten. DafĂŒr wĂŒnsche ich ihr viel GlĂŒck. In einem Kommentar hat sie sich heute fĂŒr Rot-Rot-GrĂŒn abgemĂŒht. Vergeblich.
Nichts, was Winkelmann schreibt, ist falsch. Es ist dafĂŒr nur viel zu spĂ€t. GrĂŒn-Rot-Rot könnte nur gewinnen, und vor allem hinterher auch gelingen, wenn relevante Teile der beteiligten Parteien dafĂŒr gearbeitet hĂ€tten. Sie taten es nicht. Es gibt GesprĂ€chskreise, mehr oder weniger effektive Vereine, Institute und ĂŒberschĂ€tzte Thinktanks. Individuen halten Kontakte ĂŒber die Parteigrenzen hinweg, und schĂ€tzen sich gegenseitig. Allein: die Gesellschaft hier draussen merkt absolut nichts davon. All diese Kreise und Strukturen arbeiten, manche absichtlich, manche unbewusst, klandestin, aus Angst und Feigheit vor Öffentlichkeit. KlandestinitĂ€t ist nie links, sondern immer rechts. Sie ist ein Mittel einer Minderheit, um Herrschaft abzusichern. Sie kann kein Mittel von Mehrheiten sein, um diese gegen eine Herrschaft einer Minderheit zu mobilisieren. KlandestinitĂ€t ist als Mittel gegen faschistische UnterdrĂŒckerregime unumgĂ€nglich und sinnvoll, aber in einem demokratischen Wettbewerb alles andere als links.
So gab es also nicht die geringsten Versuche oder gar Initiativen, GrĂŒn-Rot-Rote, oder auch nur linksgrĂŒne, Diskurse in der Öffentlichkeit zu starten und zu entfalten. Ausnahme, die weit ausserhalb dieser Parteien startete und steht: Fridays For Future, von Winkelmann auch richtig benannt. Diese Politkids wissen lĂ€ngst: notwendig (nicht hinreichend!) ist eine Sache, nicht nur eine von Parteien gebildete Form (Koalition), fĂŒr die Mobilisierung sich lohnt und möglich ist. Die ist zwar machbar, aber nicht da. Sie fĂ€llt nicht vom Himmel. Sie setzt diskursive Arbeit voraus.
SelbstverstĂ€ndlich hĂ€tte es Gegenwind gegeben. Den gĂ€be es ja auch nach einer gewonnenen Wahl. Wer davor Angst hat, braucht gar nicht erst anzutreten. Und so Ă€hnlich sieht es gegenwĂ€rtig, sehr zu meinem und sicher auch zu Ulrike Winkelmanns Leidwesen, aus. Idealtypisch hĂ€tte die Arbeit dafĂŒr schon nach der Bundestagswahl 2017 beginnen mĂŒssen. Von den linken GrĂŒnen, linken Sozis und reformorientierten und emanzipatorisch-linken aus der Linkspartei initiiert. Aber diese KrĂ€fte waren wohl gebunden von selbstreferentiellen KĂ€mpfen gegen innerparteiliche Feind*inn*e*n und Konkurrenz, oder gleich gegen sich selbst. In wenigen LĂ€ndern dieser Welt war und ist die Linke so suizidal, wie in Deutschland.
Das ist ĂŒbrigens in Bonn zur Kommunalwahl ausweislich des Bewerber*innen*feldes zur OB-Wahl in wenigen Wochen (13.9.) ganz Ă€hnlich, wie in der Hauptstadt in der NĂ€he der Ostgrenze. Normal. Hier passiert ja alles hundert Jahre spĂ€ter … In Bonn und seiner Umgebung lebt mann noch im Autobahnbau-Zeitalter (Video ab ca. Minute 17), jedenfalls wenn nicht bei 3 alle sofort auf den BĂ€umen sind.

Cohn-Bendit zeigt Reife

Daniel Cohn-Bendit als Medienfigur habe ich persönlich nie geschĂ€tzt. Seine Eitelkeit und MedienattraktivitĂ€t hat mich immer abgeschreckt. Einzige Ausnahme war eine Talkshow, die er in den Nullerjahren fĂŒr den damaligen TV-Sender Terranova, den ich einige Wochen freiberuflich beraten habe, absolviert hat. Da wurden ein paar StĂŒhle in einen Flur des Europaparlaments gestellt, eine Standkamera davor, und Cohn-Bendit fing mit (wenigen!) GĂ€sten an zu schwĂ€tzen. Das war weit weniger Zeitverschwendung als all das, was ARD und ZDF heute ĂŒber uns auskippen (ĂŒber mich nicht, ich guck das nicht). Viel Gutes hatte ich ĂŒber seine Arbeit als Dezernent fĂŒr Multikulturelles in Frankfurt (1989-1997) gehört, allerdings ohne mir darĂŒber ein eigenes Urteil bilden zu können.
Ein FR-Interview, das Bascha Mika mit ihm ĂŒber die gegenwĂ€rtige Antisemitismus-Diskussion in Deutschland fĂŒhrte, zeigt einen politisch reifen Cohn-Bendit, der in langen politischen Linien zu denken und zu quatschen vermag. Was selten ist, ist wertvoll.