Die Corona-Krise des Fußball-Entertainment
Alle weinen wg. der ökonomischen Corona-Krise. Nur eine Branche kriegt sich vor Selbstbejubelung nicht mehr ein. Nein, diesmal sind es nicht die Politiker*innen. Noch nicht einmal Markus Söder. Die Gierschlunde des deutschen Fußballbusiness tragen nicht nur einen gewissen Christian Seifert auf Händen, weil er ihnen vertraglich Einnahmen bis 2025 gesichert hat, von den doofen TV-Konzernen. Jetzt stellen die deutschen auch noch die Hälfte der Halbfinalteilnehmer direkt am fettest gefüllten Geldspeicher, der Uefa-Champions League im Fußball der “Herren”.
Dass ein Uefa-Präsident, der das einst eingestielt hat, wg. Korruption zurücktreten musste (Platini), ein früherer Generalsekretär, der solche Verträge ausgehandelt hat, jetzt endlich sogar in der Schweiz staatsanwaltlich verfolgt wird (Fifa-Präsident Infantino) – das ist alles nur Nebensache.
Der Jubel der Herren und ihrer produktpräsentierenden Go-Go-Boys von den zahlenden Medien, die sich derzeit in Lissabon aufhalten, ist voreilig. Denn die zwei Vereine, die die deutsche DFL in Lissabon repräsentieren, gehen der Mehrheit der deutschen Fans am Arsch vorbei. Spielen sehen kann mensch sie nur mit Mühen (Pay-TV), der sich die meisten nicht unterziehen. Das weniger fussballfanatische Volk, das dem Business aber auch nicht feindlich gegenübersteht, also die Bevölkerungsmehrheit, hätte wohl unter anderen TV-Umständen zugeguckt. Vermisst es aber auch nicht. Zu Recht. Denn die Atmosphäre, die dabei aufzunehmen ist, unterscheidet sich nicht vom Bolzplatz nebenan (sofern der geöffnet ist), oder sagen wir hier in Bonn: vom Hofgarten oder der Rheinaue. Oder doch: da ist mehr los, als in den menschenleeren Betonbunkern in Lissabon.
Seiferts TV-Vertrag bis 2025 bietet dem Business eine verführerisch-trügerische Galgenfrist. Die Grosssprecher der Branche scheinen finster entschlossen, diese lange Chance zum Dazulernen nutzlos verstreichen zu lassen. Damit bereiten sie einen – sehr zeitverzögerten weiteren Crash vor. Sie stossen das Fussvolk ab, mit strategischer Absicht, das gerade im Begriff ist, die Krise sehr reflektiert zu diskutieren, und seine eigene Rolle bewusst wahrzunehmen. Und der globale TV- und Streaming-Markt wird sich bis dahin, wie Ökonom*inn*en sagen, konsolidieren. Es wird kaum noch Irre geben, die so irre für eine abgelaufene Ware bieten wollen.
Lesen (oder hören) Sie hier als Kontrast, wie es hier draussen in der Wirklichkeit zugeht, am Beispiel TeBe Berlin und FC Greifswald (4. Liga). Kompliment insbesondere an die Tennis-Borussen, die einen Investor in die Flucht geschlagen haben!

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net