Wundersame Bahn LI (=51)
Das werde ich wohl nicht mehr erleben. Aber wer keinen Mut zum Träumen hat … Die Allianz Pro Schiene und der Verband der Verkehrsunternehmen (vdv) haben eine lange Liste an Vorschlägen zur Reaktivierung von Bahnstrecken vorgelegt. Beuel-Köln über Mondorf/Niederkassel trägt in der langen Liste die Streckennummer 9611. Blödestes Problem dabei: die heutige Siegbrücke kann Bahngewichte nicht tragen. Nicht wenige der aufgelisteten Strecken bin ich noch gefahren.
Mit meinen Freunden Georg Hundt, heute Boss des grössten deutschen Fahrradparkhauses, und Norbert Döringer, heute Rentner wie ich, früher mal Vorstopper der Spvg. Wiesbaden-Sonneberg (AH), hatte ich in den 80ern eine besonders bekloppte Idee. Wir befuhren seinerzeit von Stilllegung bedrohte Bahnstrecken, und wo immer die Gelegenheit dazu bestand, stiegen wir zu einer Pils-Pause in den Bahnhofskneipen auf der Strecke aus. Die schönste Strecke war von Boppard über Simmern und Langenlonsheim zurück zum Rhein nach Bingen, wo wir 1977 einen historischen Bundeshauptausschuss der Jungdemokraten hatten, mit dem Rücktritt meiner Freunde und Mitautoren Hanspeter Knirsch und Michael Kleff aus dem Bundesvorstand. Aber ich schweife ab.
Was sagt uns die Liste der Allianz Pro Schiene?
1. Die Infrastruktur unserer Republik ist durch die neoliberale Politik zahlreicher Bundesregierungen so runtergewirtschaftet, dass es schwerfallen wird, sie überhaupt noch hochfahren zu können. Tausende Kleinstädte und Dörfer wurden zum Abgehängtwerden verurteilt, das Stau- und Atemproblem der Grossstädte vergrössert.
2. Unter dem Strich ist der angerichtete Schaden weit teurer, als es die Aufrechterhaltung gewesen wäre.
3. Mit dem Abbau dieser Infrastruktur wurden die Sicherheitsprobleme und Ängste der Menschen vergrössert. Wo kein öffentlicher Verkehr mehr ist, ist weniger Öffentlichkeit. Öffentlichkeit ist der beste Schutz für alle, die Bedrohungsängste haben.
Der letzte Punkt ist in der Pro-Schiene-Liste zuwenig berücksichtigt. Es hilft wenig, an Orten, an denen sich die Füchse Gute Nacht sagen, Haltepunkte zu bauen, an denen sich bedrohte Menschen ängstlicher fühlen als zuhause (obwohl es dort – objektiv am gefährlichsten ist, von bedrohenden Ehemännern und Vätern bis zu Haushaltsunfällen). Bahnhöfe mit Fahrkartenverkaufsstellen, Fahrdienstleiter*inne*n oder Gaststätten waren bedeutende Sicherheits- und Versorgungsfaktoren. Sie schafften im wörtlichen Sinn soziale Sicherheit. Billige Kameras sind dafür ungeeignet – sie verhindern keine Schandtaten, sondern ermöglichen lediglich ihre anschliessende angeberische Verbreitung und Propagierung, eher Anreiz für narzisstische Gewalttäter als Vorbeugung.
Lieber lässt die Bahn über ihre Immobilientochter Bahnhof für Bahnhof planmässig vergammeln, um die Ruinen Jahrzehnte später zu Billigpreisen an private Käufer zu verschleudern, nur um sie loszuwerden und nicht mehr unterhalten zu müssen. Das ist keine Bewirtschaftung, sondern Unterschlagung von öffentlichem Besitz zugunsten privater Bereicherung. Auch wenn es zweifellos mutig von Privatkäufer*inne*n ist, so eine Bahnhofsruine überhaupt noch mit dem Ziel der Erhaltung zu erwerben.
Dort richtige Menschen zu beschäftigen, und zwar nicht nur “Security-Kleiderschränke”, die eine Frisur und Sixpacks spazierentragen, sondern serviceausgebildete Bahnmitarbeiter*innen, auch das kostet Geld, Geld für menschliche Arbeitskraft. Der Nutzen wird wohl auch hier erst begriffen, wenn alles demontiert ist.