Von Günter Bannas
Die aus der Antike herrührende Sentenz, was dem „Jupiter“ erlaubt sei, sei dem „Ochsen“ nicht erlaubt, gilt nicht mehr. Vor Corona sind alle gleich. Wehe dem „Jupiter“, sei es ein Regierungschef, sei es ein Parteivorsitzender, dem verbotenerweise die Mund-Nase-Maske verrutscht, in der Bahn etwa oder im Flugzeug! Stets kann ein selbst ernannter Aufklärer in der Nähe sein, der übers Smartphone den Boulevard mit Bildern versorgt. Der Denunziant im Kleide des Paparazzos? Vor allem jene, die beruflich auf Öffentlichkeit angewiesen sind, haben sich neuen Anforderungen politischer Korrektheit zu unterwerfen, was zu sprachlichen Verrenkungen und auch noch zu Neudefinitionen von Recht und Tradition führt: Sozial ist, wer Abstand wahrt. Vermummung bei öffentlichen Versammlungen ist nicht mehr strafbewehrt verboten, sondern wurde strafbewehrt zur Pflicht, ja, sogar zur Voraussetzung für deren Erlaubnis. Die Gegner des Vermummungsverbotes haben obsiegt. Die Kritiker des Schleiers sehen sich in der Defensive. Lange auch nichts mehr gehört von dem Spruch, das Händeschütteln gehöre zu Deutschland. Gefragt ist das Nichthändeschütteln.

In Zeiten wie diesen einen Parteitag herkömmlicher Art abhalten zu wollen, käme dem Aufruf zu einem massenhaften Verstoß gegen die neuen Gebote gleich. Parteitage sind öffentliche Versammlungen, die – jedenfalls in Deutschland – vom Händeschütteln geprägt sind und vom vertraulichen Beieinanderstehen. Mit vermeintlich offenem Visier (auch so ein Wort, das bald zu den aussterbenden Begriffen gehören könnte) streiten oder insgeheim Absprachen treffen – sind Kennzeichen solcher Veranstaltungen. Demokratisch organisierte Politik aber entsteht aus Nähe, nicht in Distanz. Reihenweise werden im Großen („Jupiter“) wie im Kleinen („Ochse“) Parteitage und Vereinsversammlungen verschoben, abgesagt, digitalisiert. Doch wie bei Wahlen eine Auswahl treffen, wenn die Auszuwählenden bloß „zugeschaltet“ sind? Was ebenfalls für „Jupiter“ und die „Ochsen“ gilt und für deren Versammlungen. Stabiles WLAN als Kriterium? Zentralisierung von Macht und Meinungsbildung via Zoom? Seltsam gedämpft ist die Atmosphäre in den Räumlichkeiten des Bundestages: Mund-Nasen-Masken statt Händeschütteln. „Unser traditioneller Empfang“ müsse leider ausfallen, wurde uns jetzt geschrieben. „Kurz nach der Bundestagswahl wird er wieder stattfinden, versprochen.“ Schaun mer mal.
Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. © DER HAUPTSTADTBRIEF

Über den/die Autor*in: Günter Bannas (Gastautor)

Günter Bannas ist Kolumnist des Hauptstadtbriefs. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seine Beiträge im Beueler-Extradienst sind Übernahmen aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. © DER HAUPTSTADTBRIEF