Und zwar unaufhaltsam. Dass die Jungen die Alten ersetzen, ist einerseits Biologie und Evolution. Das aktuelle Virus ist ein klitzekleiner Beschleuniger dieses Mechanismus. Weit wirksamer ist es als soziale und politische Tatsache. Die Jungen können nicht nur ein Virus leichter ĂŒberleben, Sie lernen auch schneller, sie sind kreativer, sie schliessen sich zusammen, vernetzen sich, erkennen Hindernisse und Gefahren, entwickeln Techniken sie zu umgehen oder zu ĂŒberwinden. Die Zeit ist auf ihrer Seite. Die Zeit ist unbesiegbar. Drei Beispiele.
Das ist zunĂ€chst das Forscher*innen- und Unternehmer*innen-Paar Özlem TĂŒreci und Uğur ƞahin. Sie umgibt seit dieser Woche ein unbeschreiblicher PR-Hype. Handwerklich eine exzellente Arbeit, hinter der die PR-Firma Akampion zu vermuten ist. Sie wird u.a. gefĂŒhrt von einem ehemaligen Greenpeace-Aktivisten Ludger Weß (wieder ein Westfale, sie sind ĂŒberall!), der vom “Paulus” zum “Saulus” konvertiert ist: zu einem Propagandisten fĂŒr Gen- und Biotechnologien. Dabei geht er zweifellos extrem intelligent vor. Er macht wenig publizistischen Wind um sich selbst und seine Firma (ein Gegenteil z.B. zu “Storymachine” der Herren Diekmann und Mronz, die ihrem ehemaligen Klienten, dem Virologen Streeck eher geschadet haben). Und er schĂŒtzt seine Klient*inn*en TĂŒreci und ƞahin, die ausser durch ihre Abbildung noch nirgends persönlich eine Medienauftritt performen mussten. Aggressive Aufdringlichkeit wĂŒrde das aktuelle MilliardengeschĂ€ft stören. Technisch-handwerklich alles 1a.
Es liegt mir fern, das Paar als MilliardĂ€r*inn*e*n persönlich an die Wand zu nageln. Wie die Mehrheit der Menschen in der BRD versuchen sie das Herrschafts- und Wirtschaftssystem fĂŒr sich möglichst intelligent zu adaptieren, dabei NĂŒtzliches hervorzubringen, nĂŒtzlich fĂŒr andere, aber natĂŒrlich nicht geringfĂŒgig auch fĂŒr sie selbst. Ich zĂ€hle mich zu der radikalen Minderheit, die dieses auf privaten Profit ausgerichtete System kritisieren und demokratisch-politisch bekĂ€mpfen. Es ist kein Verbrechen, darĂŒber anders zu denken und zu handeln als ich.
Wie jede Geschichte hat auch diese mehrere Ebenen, zahlreiche in verschiedene Richtungen wachsende Äste. Einer ist der ihrer familiĂ€ren Herkunft, der Gegenstand des medialen Diskurses geworden ist. Hierzu stimme ich vollstĂ€ndig der Kommentierung von Hasnain Kazim/DLF-Kultur zu.
Elsa Koester
Eine andere Geschichte hat die Freitag-Kollegin Elsa Koester geschrieben. Sie hat ihre eigene Familienforschung in einem dicken Roman „Couscous mit Zimt“ fiktionalisiert. Ich kenne Frau Koester nur durch ihre BeitrĂ€ge im Freitag, die allesamt das Niveau dieses Mediums heben. Der begeisterte FR-Rezensent Stefan Michalzik könnte also rechthaben.
Afrika kommt
Wenn Sie alt sind, mglw. sogar Mann, und “kein Rassist, aber …”, dann mĂŒssen Sie jetzt ganz stark sein. Das publizistische Organ der herrschenden Klasse in Deutschland, die FAZ, bringt gut versteckt, aber doch digital bequem auffindbar eine Story (von Rainer Schmidt) ĂŒber die ugandische Fotografin Esther Ruth Mbabazi. Die ist erst 25, aber in ihrer Branche schon Ă€hnlich erfolgreich im GeschĂ€ft, wie das oben behandelte deutsche Paar. Was sie zu sagen hat, muss Ihnen Angst machen. Nutzen Sie lieber die Chance zur Umkehr Ihres Denkens. Denn Frau Mbabazi hat die Biologie, die Soziologie, die Mehrheit der Menschen und die Zeit auf ihrer Seite.