mit Update nachmittags
Der erste “Lockdown” war irgendwie netter. Das Wetter war (viel) schöner, mann und frau konnten mehr rausgehen, es gab mehr menschlichen Kontakt. Und die Infektions- und Todeszahlen waren niedriger. 7-Tage-Inzidenz in Bonn steht heute auf 162,7, die Infektionsfälle stiegen von 47 auf 74 (von Montag zu Montag). Was bleibt an kleinen Freuden?
Die Mahlzeiten. To-Go versorge ich mich wechselweise beim Momo-Bistro “Odeon” und an Wochenenden im l’Olivo. Da es schwierig ist, die Mahlzeiten bei den gegenwärtigen Aussentemperaturen warmzuhalten, bin ich dazu übergegangen, sie nicht nur zuhause erneut zu erhitzen, sondern auch mit persönlichen Zutaten (Knoblauch, Curry, Thymian) zu würzen, oder mit Beigaben (Rosenkohl, Möhren, Schwarzwurzeln, oder auch mal eine gebratene Zwiebelmettwurst) zu verlängern. Die Verlängerung so einer Mahlzeit kann sich auf 3-4 Tage strecken. Der Clou daran ist, dass die Gewürze von Tag zu Tag mehr durchziehen, und es also jeden Tag besser schmeckt. Mann gönnt sich ja sonst nichts.
Nicht zu vergessen: der Wein. Mithilfe des netten Momo-Mitarbeiters Gernot, mit dem ich gelegentlich Fußball schaue, habe ich das Weingut Sander aus Mettenheim entdeckt. Der Chardonnay und der Sauvignon Blanc, Reben die meinen Neigungen sowieso entgegen kommen, haben mich sehr überzeugt.
Bei derlei Gedanken erwischte mich der stark kulinarisch orientierte Kollege Jörn Kabisch, der zusammen mit Jakob Augstein in 2008 in der Redaktion des Freitag eintraf, 2012 aber schon wieder ging (nicht als Autor, aber als Redakteur). In der taz wies er auf ein spannendes türkisches Kochbuch hin. Das kulinarische Image dieses Landes ist – zu unrecht – ähnlich ruiniert, wie das des Balkan: durch Fleischspiesse. Das tatsächliche Erbe ist zum Glück viel reicher, als die Zugrunderichtung durch industrialisierte Produktionsverfahren erscheinen lässt. Ein Erdogan-Diktator, dem sein Ansehen in der Welt irgendwie wichtig wäre, hätte dagegen was unternehmen müssen. Stattdessen tut es ein Koch, Musa Dağdeviren, und der ZS-Verlag in München, der sein Wissen in deutscher Sprache unter die Leute bringt. Danke, danke, danke.
Jenni Wulfhekel/taz kämpft am Beispiel der Wochenendbegegnung SC Freiburg-Borussia Mönchengladbach (2:2) für “das Schöne” am Fußballspiel. Bravo. Das Schöne rund um das schöne Spiel ist leider komplett down, wie die politisch gemässigte Fan-Sprecherin Helen Breit im SZ-Interview erklärt. Ihre Organisation “Unsere Kurve” ist gegenüber dem Buzzyness-Establishment immer noch langmütig-dialogorientiert; aus meinem Mund wäre einiges unflätiger ausgefallen. Die Hoffnung auf “mehr Gerechtigkeit” wird das DFL-Präsidium heute nach Vorberichten in FAZ und SZ lügenstrafen. Bemerkenswert diese Einschätzung vo Michael Horeni/FAZ: “Aufgrund der Corona-Krise und ihren erheblichen finanziellen Auswirkungen sei für größere Experimente nicht die Zeit, ansonsten drohten manche Klubs in existentielle Schwierigkeiten zu geraten.” Übersetzt bedeutet “Experimente”: mehr für die Kleinen, weniger für die Grossen. Verzicht auf derartige Experimente heisst also, dass sonst die Grossen (der Fußballkonzern im süddeutschen Raum, die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA, und sowieso der grösste Arbeitgeber der Stadt Gelsenkirchen) “in existenzielle Schwierigkeiten” geraten. Schalke 04 stürzt als Erstes ein, aber nicht als Letztes.
Update nachmittags: der Kicker meldet den neuen Verteilungsschlüssel der TV-Gelder für die DFL. Ein kleiner Gerechtigkeitsfortschritt ist zu erkennen, bedingt durch die aktuelle Präsidiumszusammensetzung der DFL, bei der der Mittelstand erfolgreich gegen den Adel geputscht hatte. An den Klassenunterschieden ändert sich nichts.