Deutsche Milliardärsfamilien haben grundsätzlich grosse Sozialisationsdefekte. Die Welt da draussen wahrzunehmen wie sie ist, ist für sie eine Überforderung. Sie haben keine Chance, sind abgehängt. Asoziale halt. Freundschaften besitzen sie nicht, alle wollen ja nur an ihr Geld. Um das zu sichern, sind sie zu unnötigen Ausgaben gezwungen, müssen in Lobbyismus investieren, um Steuern zu sparen. Oder halt auf einsame Inseln fliehen, nicht sie persönlich, aber ihr Kapital. Spass macht solches Leben nicht, im Gegenteil: es stresst, macht krank, mindestens gemütskrank.
Weil jetzt so wenig los ist, hat die Funke-Mediengruppe so eine tragische Story noch mal aufgewärmt: die Haubs (die von “Tengelmann”). Hackerangriffe, wie dieser Medienkonzern nun schon eine Woche drunter leidet, und seine Paywall abreissen musste, haben doch auch ihr Gutes, für die Informationsfreiheit. Ich wüsste ein paar Stellen, wo das noch nützlicher wäre. Und ich warte auf die Drehbücher, Verfilmungen und Streamingserien, die spannender sind, als die Gerichts- und Anwaltsakten des Haub-Clans, einer aussterbenden Art der vergangenen Kohlschen “Deutschland AG”. Wer kommt über diese Latte noch drüber? Werden sie in ihrem Untergang die CDU direkt mitnehmen? Lafontaine-Spezi Gauweiler kennt sich da aus.
Nicht minder unter geht das Schweinesystem. Die Gefahr kommt, wie immer in Deutschland, aus dem Osten. Ähnlich wie die Dänen wollen die Ostdeutschen einen Zaun gegen die drohende Gefahr bauen. Ist das nicht niedlich? Bundeswehrsoldaten stolpern über Wildschweine. Und zwar tote. So kennen wir die Bundeswehr. Doch Sabine Seiferts taz-Reportage von der Ostfront ist nur scheinbar so putzig. Das sind nur die ersten Gewitterwolken für das Schweinesystem, das die global orientierte, auf Sklavenarbeit und Tierquälerei errichtete Massentierhaltung, Agro- und Schlachtindustrie weniger Konzerne (manche “Familienunternehmen”, s.o., manche “Genossenschaften), betreibt. Es wäre auch ohne Corona zusammengebrochen. Aber nach allem, was die Öffentlichkeit im letzten Jahr an Wissen zugelegt hat, wird nicht mehr viel Mitleid sein.
Jetzt gibt es ein Fenster der Gelegenheit, dass die Gesellschaft sich wichtigeren jahrzehntelang blinden Flecken zuwendet. Reinhard Leopold aus Bremen berichtet im taz-Interview (von Simone Schnase), welche Tragödien sich in der Massenmenschhaltung abspielen, und wie ihnen politisch begegnet werden sollte. Diese Dinge steigen – endlich – in der Tabelle öffentlicher Aufmerksamkeit. Nehmen wir noch die Flüchtlingslager dazu, dann stimmt schon mal die Wahrnehmung. Es fehlt “nur” noch der Druck auf politische Praxis.
Mitleidserregend dagegen die einst führende deutsche Tageszeitung Süddeutsche: sie interviewt Loddar Matthäus zur Lage des Fussballs, und allgemein. Hinter Paywall, in diesem Fall wirklich unnötig. Wen soll das interessieren? Mehr als drinstehen kann, sagt es über den Zustand dieses Mediums.