Ein herzlicher Dank an Florian Rötzer
Sehr alte Menschen klagen oft darüber, dass ihnen so viele Freund*inn*e*n und Bekannte wegsterben. Ein Jungrentner wie ich muss verfolgen, dass auch meine Altersgenoss*inn*en von der Rente naschen wollen. Wenn sie vernünftig sind. Florian Rötzer, den nun scheidenden Chefredakteur des Onlinemagazins Telepolis habe ich lange für verrückt gehalten, positiv verrückt. Sein Magazin ist eins meiner persönlichen Leitmedien. Wenn ich ihm (selten) mal eine E-Mail schickte, war sie, selbst an Sonn- und Feiertagen wie den gegenwärtigen, in 2, höchstens 3 Stunden beantwortet.
Rötzer kann nicht nur zu fast jedem Thema was Kluges schreiben. Es ist nie dahingerotzt, immer durchdacht. Ambivalenzen lässt er zu, Widersprüche, Zweifel benennt er. Immer klarer politischer Kompass, aber keine Agitation, sondern weiterbildende Hilfe für die Leser*innen aus Quellen, die viele nicht kennen, oder die vielen nicht zugänglich sind. Vorbildlich.
Entscheidender im Alltag war seine Managementarbeit. Autor*inn*en gewinnen, sie bei Laune halten, sie auch mal in den einen oder anderen Streit zwingen. Das ist sowas ähnliches, wie ich es mit diesem Blog auch mache. Sehr gerne mache. Mann aktiviert nicht nur seine alten Netzwerke, und hält sie am Leben. Mann gewinnt auch Neue, lernt selbst an interessanten Menschen und Sachverhalten eine Menge dazu. Im Rentneralter ein toller Luxus.
Das Entscheidende an Rötzers publizistischem Lebenswerk war, dass es ihm gelang, das Management des Heise-Verlages, einige Kollegen benennt er namentlich in seinem Abschiedstext, von diesem vermutlich kaum profitträchtigen Nischenunternehmen zu überzeugen. Bei mir persönlich hat es jedenfalls sehr gut funktioniert, dass ich über telepolis.de angefixt wurde, und erst darüber die anderen Unternehmenszweige von Heise kennen lernte.
Rötzers Nachfolger als telepolis-Chef wird Harald Neuber. Ich kenne beide nur vom Lesen, kann ihre persönlichen Eigenschaften also nicht beurteilen oder auch nur beschreiben. Ob Neuber die gleichen, oder andere Talente hat? Als Leser werde ich in einigen Monaten ein Gefühl dafür entwickeln. Neuber hat in all den Jahren meistens lateinamerikanische Themen bearbeitet. In den letzten Monaten war mir aufgefallen, dass seine eigenen Texte ihre Themenstellung schon ausgeweitet hatten. Politisch kann ich von aussen gesehen in dieser Personalie keine Verschiebung erkennen. Hätte ich auch nicht gewünscht.
Ich möchte Florian Rötzer aus der Ferne herzlich gratulieren. Er hat für mich als Leser Tolles geleistet. Und ich kann ihm vermelden: die Entscheidung für die Rente ist eine kluge Entscheidung, für einen selbst.