Die Pandemie in Bonn dauert an, mildert aber ihre Verlaufsform. In den letzten Tagen ist die 7-Tage-Inzidenz gegen den (scheinbaren) Bundestrend nicht mehr gesunken, gestern bei 104; täglich gemeldete Neuinfektionen bewegten sich um die 50. Sehr erfreulich sank dagegen die Hospitalisierung: waren Neujahr noch 195 Krankenhausbetten belegt, waren es gestern noch 91; auch die Belegung der Intensivstationen hat sich von 54 auf 27 halbiert. Dabei war das Wetter gestern in Bonn so schlecht, dass es niemandem schwergefallen sein dürfte, sich an Kontaktverbote zu halten.
Eine Freundin in Köln plant nun eine Solidaritätsaktion mit dem krankenden Gesundheitswesen. Sie will eine lange aufgeschobene Fuss-OP durchführen lassen. Wie ich meine Gastromom*inn*en durch to-go-Essen zu retten versuche, übernimmt sie Patientenverantwortung für die darbenden Krankenhäuser – wenn es schon sonst niemand tut …
Derartige Individualisierung von Verantwortung und Solidarität breitet sich aus, und ist ambivalent. Einerseits zeigt sie zahlreiche Menschen von ihrer guten Seite. Andererseits legt sie offen, was gesellschaftlich und sozioökonomisch alles im Argen liegt.
Daraus waren schon vor der Pandemie gesellschaftskritische oppositionelle Bewegungen entstanden, die nun vor der Frage stehen, wie sie angesichts der Abschaffung sozialen Alltags weiterexistieren können. Zwei davon, mit denen ich sehr unterschiedlich sympathisiere sind die jugendliche Klimabewegung und die wesentlich ältere der sog. “Querdenker*innen”, deren Patente sich der Unternehmer Michael Ballweg gesichert hat. Zu beiden gab es gestern aufschlussreiche Texte.
Klaus Moegling/telepolis schreibt zu “Fridays for Future: Perspektiven in Zeiten der Pandemie”, auf Anforderung und mit vorgegebenen Fragestellungen der Bewegung, die bemerkenswerte strategische Reflektion und Klugheit verraten. Moeglings Ausführungen sind eines konstruktiven Streits würdig. Die von ihm zusammengefasste “Marxistische Theorie” tut er mir etwas zu leichthändig ab, indem er sie mit Stalin und Mao erledigt. Das konnte Adenauer auch schon. Es gibt nicht wenige Marxist*inn*en, auch in Deutschland, die auch Moegling bekannt sein könnten, die diese verbrecherischen Fälle, ähnlich wie die Weltgeschichte, längst in Theorie und Praxis überwunden haben (ein Beispiel, noch ein Beispiel, oder auch er hier). Da können die Kinder eine Menge Antwortoptionen auf ihre klugen Fragen finden, und es spricht für sie, dass sie so begierig danach sind.
Der andere Text ist ein Interview von Alexander Brentler/Jacobin mit zwei der Autor*inn*en der Basler “Querdenker-Studie”, die keine Repräsentativität beansprucht, aber inhaltlich mehr in die Tiefe geht, als es z.B. auch uns in diesem Blog bisher gelungen ist. Am Gestus von Nadine Frei und Robert Schäfer finde ich insbesondere angenehm, dass sie nicht zu missionieren versuchen, sondern Neugier und Forscher*innen*drang zeigen. Mehr davon!