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Corona-Strategie statt “Alles oder Nichts”?

Was für ein Aufschrei, als Sachsens MP Kretschmer jüngst den Osterurlaub abgepfiffen hat – aber wieso eigentlich? Wer Zeitung liest und Nachrichten hört, kann sich selbst zusammenreimen, dass die neuen Virusvarianten drohen, eine “dritte Welle” noch im Frühjahr hervorzurufen, bevor es genügend Impfungen gegeben haben wird. Die Wirtschaftsvertreter, die vergangene Woche von Peter Altmaier “endlich klare Ansagen und Termine” gefordert haben, disqualifizierten sich damit selbst: Nur eine ökonomisch blutige Laienschar  kann angesichts weitgehend unkalkulierbaren Pandemieverhaltens derzeit sichere Daten fordern. Soviel zur Kompetenz unserer Wirtschaftslobby, die zwar Lieferkettengesetze verwässern, aber bei einfachen Folgerungen aus der Pandemieentwicklung anscheinend nicht bis drei zählen kann.

Alles oder Nichts – die falsche Maxime

An dieser Haltung ist die Bundesregierung nicht ganz unschuldig. Zu lange wurde es unterlassen, differenzierte Strategien zu entwickeln – etwa für den Fall, dass es gar keinen Impfstoff geben würde. Alle Regierungen vermittelten so bis heute, es gebe eine Rückkehr zu einer “Normalität”, die es so wahrscheinlich nie mehr geben wird. Die Bundesregierung hat von Anfang an ein gefährliches “Alles oder nichts” Spiel gespielt – und Dusel gehabt, dass es gelungen ist, die messianische Erlösung durch einen Impfstoff tatsächlich zu erreichen. Varianten wie – der Impfstoff  wirkt nur kurzfristig und muss dann modifiziert werden – oder – die Impfung ist nach einem halben Jahr unwirksam  und muss erneuert werden – oder – es gibt wie bei HIV KEINEN Impfstoff – wurden anscheinend nicht erwogen oder nicht als Pläne B, C, D mit Szenarien durchdacht, sonst wären diese längst zumindest in Teilen aufgetaucht. Das ist ein gravierendes politisch-strategisches Versagen, das den Regierungen von Bund und Ländern nun auf die Füße fällt. Denn nun zeigt sich, dass die einfache AN-AUS Strategie der Lockdowns angesichts von Corona-Varianten mit höherer Ansteckungsrate nicht ausreicht, um allein damit die Pandemie einzudämmen. Ganz zu schweigen von völlig unverhältnismäßigen und vor allem sinnlosen Ausgangssperren, die vielleicht in Metropolen im Einzelfall ein geeignetes Mittel sein können, um private Parties zu verhindern, die aber dazu führten, dass etwa berufstätige Menschen auf dem Land sich nicht mal im Rahmen des Erlaubten – ein Haushalt + 1 weitere Person – zum Abendessen treffen konnten.

Intelligenzverlust der Exekutive

Die Corona-Krise wird andauern, auch wenn viele dies nicht wahrhaben wollen, mindestens bis weit ins Jahr 2022. Sie könnte sich jederzeit verschärfen, wenn die Industrieländer weiter wie bisher verfahren und dem Patentschutz weniger Pharmakonzerne den Vorrang vor der Gesundheit der Weltbevölkerung einräumen. Leider ist trotz aller Erfahrung, die nach einem Jahr “Corona” zu sammeln möglich wäre, die Mehrzahl der  staatlichen Institutionen nicht fähig, analog in Grautönen statt digital schwarz-weiss zu denken. Analog denken würde bedeuten, in dynamischen Prozessen die Situation zu analysieren und sich den wechselnden Gegebenheiten der dynamischen Virusmutation ebenso wie der gesellschaftlichen Dynamik der sozialen Perzeption anzupassen. Trotzdem tun die Exekutiven so, als ob es nur ein digitales An-Aus gäbe. Und lassen gerne die Parlamente außen vor, um dabei nicht gestört zu werden. Diese Strategie wird durch Intelligenzmangel und beunruhigende  Phantasielosigkeit flankiert. Nichts gegen die Wissenschaft – wo die Regierungen von Wirtschaftsinteressen getrieben sind, sind es keine Interessen des Mittelstandes, der Kleinunternehmen oder Selbständigen, sondern vom Großkapital. Von Lufthansa und Blackrock, von Pfizer und Bayer, von Siemens und  Volkswagen, von Airbus bis Amazon. Es geht immer darum, Subventionen abzugreifen. Ein interdisziplinärer Expert*inn*enrat, in dem Psychologie, Politikwissenschaft, Wirtschaft und Pädagogik vertreten sind, fehlt der Bundesregierung bis heute.

Medikamentenforschung vernachlässigt

Stellen wir uns für einen Moment vor, wie bei AIDS gäbe es gegen SARS CoV2 keinen Impfstoff. Schon wird die erste Fehlentscheidung der meisten Regierungen offensichtlich: Während rund 3 Mrd. Dollar allein im Westen in die Impfstoffforschung flossen, wurde die Forschung nach Mitteln zur Behandlung bereits Erkrankter sträflich vernachlässigt. Die Förderung hier lag 2020 im zweistelligen Millionenbereich und wird sich 2021 nicht dramatisch erhöhen. Kein Wunder also, dass die Mortalität Erkrankter in der 2. Welle rasch anstieg und in einer möglichen dritten Welle mutierter Viren um Ostern oder danach noch viel höher liegen könnte. Es ist bekannt, dass aus Antikörpern, die Menschen bilden, die eine Virusinfektion überwunden haben, ein Serum gewonnen werden kann, das Infizierten helfen kann.  Warum, so ist doch zu fragen, gibt es das bei Corona nicht, obwohl es inzwischen hunderttausende gibt, die nach einer Infektion diese Antikörper gebildet haben? Warum hört man nichts von dieser Forschung, wenn es sie gibt? Wievielen vulnerablen Menschen hätte geholfen werden können, hätte die Förderung nicht fast ausschließlich auf die Impfkarte gesetzt?

Grundrecht auf Leben gegen Patentrechte

Eine weitere Fehlentscheidung liegt im Umgang mit dem Patentschutz. Eine Pandemie solchen Ausmaßes, bei der Millionen Bürgerinnen und Bürger Einschränkungen ihrer Grundrechte auf Freizügigkeit, ihrer politischen Rechte und der auf Berufs- und Gewerbefreiheit bis an den Rand der Vernichtung persönlicher wirtschaftlicher Existenz hinnehmen müssen, weil diese Einschränkungen im Bezug auf das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit natürlich legitim sind, muss dieses Recht auf Leben in der Regierungspraxis hinter die ökonomischen Interessen und Patentrechten von Konzernen  zurücktreten. Dabei hätte die Bundesregierung die gesetzlichen Instrumente bereits in der Hand, um jedes Phanmaunternehmen dazu zu verpflichten, Impfstoffe herzustellen.  Paragraph 5 II S. 1 Nr. 5 Infektionsschutzgesetz IfSG (http://www.gesetze-im-internet.de/ifsg/BJNR104510000.html): BMG wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung ohne Zustimmung des Bundesrates Maßnahmen zur Sicherstellung der Versorgung mit Arzneimitteln einschließlich Impfstoffen…zu treffen und insbesondere

  1. g) Maßnahmen zur Aufrechterhaltung, Umstellung, Eröffnung oder Schließung von Produktionsstätten oder einzelnen Betriebsstätten von Unternehmen, die solche Produkte produzieren sowie Regelungen über eine angemessene Entschädigung hierfür vorzusehen;
  2. 5. nach § 13 Absatz 1 des Patentgesetzes anzuordnen, dass eine Erfindung in Bezug auf eines der in Nummer 4 vor der Aufzählung genannten Produkte im Interesse der öffentlichen Wohlfahrt oder im Interesse der Sicherheit des Bundes benutzt werden soll;

Schon vor Wochen habe ich an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass es nicht sein kann, dass in einer Pandemielage das Recht auf Eigentum und Patentschutz dem Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit vorgeht. Die Staaten der EU haben nach der Grundrechtscharta die Pflicht, dem ersteren, – natürlich nicht entschädigungslos – zum Durchbruch zu verhelfen.

Ideologische Impfstoffbremsen

Ist es ein Zufall, dass über den russischen Impfstoff “Sputnik V” nur rudimentär und teilweise hämisch im Westen berichtet wird, während sich die sonst so antirussische Regierung Orban in Ungarn “Sputnik V” kauft und massenhaft einsetzt? Warum wird “Sputnik V”, wenn er wirksam ist, und alle Quellen deuten darauf hin, nicht in der EU getestet und zugelassen? Warum hört man nichts über die chinesischen Impfstoffe von Sinovac oder anderen Herstellern? Wäre doch der Impfstoff von Sinovac, der auf einer eher konventionellen, aber bewährten totviren-Technik basiert, für viele Zweifler an und Kritiker der rMNA -Impfstoffe eine Alternative, die die Akzeptanz einer Impfung erhöhen und die Impfquote steigern könnte? Es war die Süddeutsche Zeitung, die gegen Jahresende 2020 einen Überblick über die laufenden Impfstoffentwicklungen weltweit gegeben hat. Was tut die Politik aktiv, muss doch gefragt werden, um in Zeiten der Impfstoffknappheit Alternativen zu erschließen? Geböte nicht die Garantenstellung der Regierung als durchsetzende Instanz der Grundrechte auch die Pflicht, nach Alternativimpfstoffen zu suchen, wenn die aus öffentlichen Mitteln geförderten Unternehmen versagen?

Grundrecht auf Bildung wichtig, Sicherheit steht hintenan

Auch bei der Bewältigung der Pandemie im Schulbereich gibt es dramatischen Verbesserungsbedarf. Und dies liegt nicht am Föderalismus, denn die Misere ist in fast allen Bundesländern gleich groß. Anstatt schon die Sommerferien zu nutzen, oder zumindest den Lockdown seit Anfang Dezember, um Schulen und Klassen Corona-tauglich zu machen – ist überwiegend nichts geschehen. Von Waschbecken über Desinfektionsmittelspender, WLAN und Corona-tauglichen Klassenräumen mit Trennscheiben und Luftfiltern – bis zur digitalen Infrastruktur, die Endgeräte und WLAN der Eltern mit umfasst und damit digitalen/analogen Wechselunterricht überall und jederzeit ermöglicht. Lehr- und Lerninhalte für Lehrer, die befähigt werden müssen, Unterricht mit digitalen Medien sicher zu beherrschen – auch hier Fehlanzeige. Wäre das auch so, wenn uns die Wissenschaft gesagt hätte, dass wir mit der Corona-Pandemie leben müssen, weil es keinen Impfstoff gibt? Wären die Schulbehörden dann ähnlich planlos und halbherzig verfahren, wie sie es bisher getan haben? Warum haben die Bildungsminister nicht schon 2020 mit worst-case Szenarien geplant? Stattdessen ein “Gutachten” von Frau Karliczek für Schulen – unvergesslich die Reaktion eines Berliner Schuldirektors: “Wir brauchen keine guten Ratschläge, die wir seit Sommer 20 längst kennen, wir brauchen Entscheidungsfreiheit und Geld, um unsere Ideen umzusetzen.” Aber auch die Kommunen als Schulträger verschlafen Lösungen – könnten sie doch in vielen Fällen derzeit geschlossene Museen für den Unterricht halbierter Klassen nutzen.

Übertragung bei Kindern und Jugendlichen minimieren

Ein Jahr Pandemie ohne gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse über die Übertragungsrate des Virus in Kitas und Schulen ist ein verlorenes Jahr. Gerade weil die direkte Betreuung von Kindern und Jugendlichen in Kita und Schule vor der Mittelstufe pädagogisch wichtig ist, verwundert die Dürftigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Ansteckungsrate in Kitas und Schulen. Die Leiterin einer Studie in NRW vermutet, dass es einen Zusammenhang zwischen Alter der Kinder und Schwere der Verläufe und Symptome gibt, über die Ansteckungsgefahr gibt es nur Vermutungen. Zunächst unterschätzt, tappt die Politik ein Jahr nach Ausbruch der Seuche über die wirkliche Ansteckungsgefahr von Kindern immer noch im Dunkeln. Die Verfügbarkeit von Tests kommt erst seit Schulbeginn am Montag ins Spiel – wieder einmal viel zu spät.

Trotz dieser Unwissenheit wurde eine Priorität, Kita-Personal ebenso wie Lehrer*innen zu impfen, gar nicht erst erwogen. Dabei sind die Kitas oft die Übertragungsbrücke innerhalb und zwischen Familienangehörigen, existenziell für Teilzeitbeschäftigte, für medizinisches Personal, Polizei oder andere Hilfskräfte. Auch die Übergabe zwischen Elternteilen,  Großeltern  und weiteren privaten Betreuungspersonen findet hier statt. Nun gibt es angesichts der britischen Mutation erste Stimmen, die die Impfung von Kita-Betreuer*innen und Lehrer*inne*n fordern. Dass es hier über das Infektionsrisiko praktisch keine Studien gibt, ist ein Skandal. Die Frage muss erlaubt sein, was wohl Polizistinnen und Polizisten auszeichnet, in der Spahnschen Impfplanung bereits zur zweiten statt zur dritten Gruppe zu gehören, während Erzieher*innen und Lehrer*innen der Grundschulen bisher außen vor bleiben. Letztlich sagt es eine Menge über die Prioritäten dieser Bundesregierung aus.

Großindustrie vor Mittelstand und Selbständigen

Hunderttausende von kleinen und mittleren Unternehmen bilden das Rückgrat unserer Volkswirtschaft. wer bekommt die meisten Subventionen? Die großen Unternehmen stehen ganz vorne – Hotels, Gaststätten, Einzelhandel oder Kleingewerbetreibende wie Änderungsschneider*innen und  Spielwarengeschäfte, Elektronik-Fachgeschäfte, Buchhändler*innen, Boutiquen und Schuhläden und viele andere mehr haben keine Priorität. Für sie ist schwer ersichtlich, wieso ihre Geschäfte nicht ebenso wie die Metzgerei mit dem Schild “nur 2 Kund*innen gleichzeitig”  und entsprechender Maskenpflicht funktionieren sollte. Natürlich sind die Fahrtwege dorthin das Problem. Aber vielleicht könnten auch Busse und Bahnen mit Einzelsitzen,  Trennscheiben, Abteilen  und gar die Wiedereinführung von Schaffner*innen zur Kontrolle der AHA-Regeln ein Vorteil, ein Luxus zur Verbesserung des ÖPNV sein? Kosten? Wirtschaftswachstum durch doppelte Taktung und schnellere Einführung von – luxuriösen – Brennstoffzellen-Omnibussen. All dies würde längst diskutiert, erwogen und geplant, hätte es keinen Impfstoff gegeben.   All dies macht deutlich, dass auch in der Pandemie strategisch keineswegs “alternativlos” ist, sondern anders entscheiden könnte, wenn sie es nur wollte.  Aber dann müsste vielleicht der Bund-Länder–Finanzausgleich geändert werden, müssten mehr Mittel für ÖPNV, Corona-taugliche Behördenbüros, Taxis für Gefährdete und mehr Mittel für die Kommunen als Schulträger zur Verfügung stehen. Es gilt, den Kommunen hierfür mehr Kompetenzen zu geben – einige wenige Bürgermeister*innen haben vorgemacht, dass mutige Entscheidungen vor Ort wie kostenlose Taxis für Alte beim Arztbesuch Vorteile bringen.

Veränderungen in Produktion und Verwaltung

Wie die Lieferketten – in der Auto- oder Chemie- oder Pharmaindustrie, derzeit teilweise zur Disposition stehen, werden viel mehr Bereiche der Wirtschaft dauerhaft vor der Notwendigkeit stehen, ihre Geschäftsmodelle pandemiefest zu machen. Sie wissen es nur noch nicht oder wollen es nicht wahrhaben. Die Verteilung und Zulässigkeit von Homeoffice ist ein Ansatzpunkt notwendigen Wandels, der einzige übrigens, den die etablierte Politik bisher aufgegriffen hat. Wie in der Welt der IT-Dienstleistungen, im Bank-, Versicherungs- und Finanzsysteme, der öffentlichen Verwaltung und Teilen der Finanz- und Ermittlungsbehörden könnte eine anhaltende Pandemiegefahr tiefgreifende Veränderungen erfordern. Etwas so alltägliches wie Bürgerämter oder Jobcenter werden sich verändern.  Biometriefotos für Ausweise werden nicht mehr in Fotostudios, sondern in den Behörden direkt erfasst – um die Zahl der Kontakte in der Dienstleistungskette zu vermindern. Oder die Beratung von Kund*innen der Bundesagentur für Arbeit könnte zukünftig auch über Online-Videodienste stattfinden, – datensicher und qualitätszertifiziert. So, wie die Pandemie dafür gesorgt hat, dass viele Konferenzen heute online stattfinden und dauerhaft nicht wieder auf Reisediplomatie umsteigen werden – ein baden-württembergisches Ministerium etwa hat seinen Reiseetat um zwei Drittel reduziert – werden Dienstflüge und -Reisen dauerhaft sinken. Das meiste findet leider mehr zufällig statt, als dass es strategisch geplant wäre.

 Das Gesundheitssystem vor der Gesundheitswirtschaft schützen

Die Pandemie wird nicht 2021 vorbei sein. Wenn schon heute absehbar ist, dass sich maximal 65% oder 70% der Bundesbürger*innen impfen lassen werden und vorausgesetzt, dass diese Impfungen mindestens ein Jahr Schutz gewähren, wie die Grippeimpfung, worüber es noch keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass es immer wieder zu regionalen und ggf. auch bundesweiten Ausbrüchen der Pandemie kommen wird. Das Gesundheitssystem wird deshalb auf Dauer unter völlig neuen Anforderungen stehen. Viele kleine und mittlere Kliniken, die in der Intensivversorgung der Corona-Krise im vergangenen Jahre ein wichtiger Baustein der Versorgung waren, werden derzeit geschlossen. Das System der Fallpauschalen und die Kommerzialisierung und Gewinnmaximierung im Gesundheitssystem zerstören die Leistungsfähigkeit des Krankenhaussystems und führen zur privaten Ausbeutung eines durch Beiträge und öffentliche Mittel gestützten Systems.  Zu Beginn meiner Tätigkeit als Unternehmensberater – so um 2003 – hat mir ein T-Systems-Manager einmal vorgeschwärmt, “dass man ja in der Verwaltung nicht viel holen” könnte – aber das Gesundheitssystem sei ein Bereich, der “noch richtig durchkapitalisiert” und für die Gewinnmaximierung gewonnen werden könne. Die Folgen sehen wir heute.

Kultur hat Verfassungsrang, nicht der Fußball

Ein besonders herausragender Baustein der Wirtschaftsstrukturen, die durch Corona verändert werden müssen, ist die internationale Kapitalisierung des Sports oder im Klartext: Bundesliga und Champions League sind eigentlich ein Hohn auf die Sorgen und Nöte der Bevölkerung und der Fans. Die Reisen von Bayern München nach Quatar, Chanpionsleaguespiele in Corona-Hotspots und die dreiste Forderung von Manager Karlheinz Rummenigge, die Fußballprofis als “Vorbilder” vorrangig impfen zu lassen, zeigen, wie abgehoben das internationale Fußballkapital in der Corona-Krise agiert.  Sie scheinen vergessen zu haben, dass es die Politik war, die ihnen Spiele ohne Publikum überhaupt ermöglicht hat. Es wäre politisch und sozial klüger und angemessener und wahrscheinlich für die öffentlich-rechtlichen Sender weitaus preiswerter gewesen, statt den Konzernen der Bundesliga den zahlreichen Theatern, der freien Kabarett- und Kunstszene, den Orchestern und Schauspielern mit Hygienekonzepten und entsprechenden Sendeplätzen anstelle der Bundesliga Sendezeit in den Medien zu verschaffen. Ein wirtschaftliches Auskommen für die Künstler*innen trotz Krise, ein gesellschaftlich bedeutsamer Zuwachs an Kultur in Fernsehen und Rundfunk und die Vermittlung einer Portion Demut und Bescheidenheit für DFL und DFB wären die bessere Entscheidung gewesen.

Ein Kommentar

  1. Claudia Regina Winck

    Bildung ist jahrzehntelang mein berufliches Metier gewesen und deswegen hält es mich kaum auf dem Stuhl, wenn ich erlebe, was während der Pandemie diesbezüglich „produziert“ wird.

    1. Abitur inmitten einer Pandemie

    Auf die Idee, dass dies ein Schuljahr wie jedes andere sei, können nur 16 weltfremde Kultusminister kommen. Zumal ja schon das vorhergehende eigentlich seit März nicht mehr regulär war.

    Aber was soll man von jemandem erwarten, für den es eigentlich nur die Devise gibt „business as usual“ 🤷‍♀️? Eine unflexiblere, unkreativere Gruppe habe ich selten erlebt. Die Sparbrötchen der Nation tragen ihren Geiz auf dem Rücken von Kindern, Jugendlichen, Lehrkräften, Erziehern und Eltern aus.

    Seit nunmehr einem Jahr leben wir mit einem Virus, das unser Leben von jetzt auf nachher auf den Kopf gestellt hat. Das bisherige Gewissheiten erschüttert, gesellschaftliche Spaltung verursacht, das nicht nur existenzbedrohend, sondern vor allem auch lebensbedrohend ist. Das uns immer wieder Disziplin und gegenseitig aufeinander achten abfordert.
    Das gerade die zumeist unbeschwerte Freizeit-und Konsumlebenswelt vieler Jugendlicher fast zum Stillstand gebracht hat. Angesichts von aktuell fast 70000 Toten steigen die Wahrscheinlichkeiten, dass auch Kinder und Jugendliche in ihrem Umkreis damit konfrontiert werden – mit Erkrankung und Tod von Angehörigen.

    Wenn schon wir Erwachsenen spüren, wieviel Kraft die tägliche Bewältigung des Alltags in der derzeitigen Situation kostet – wieviel mehr nehmen es Kinder und Jugendliche wahr?
    Dass sich Eltern sorgen – um ihre eigene wirtschaftliche Existenz, um ihre Gesundheit und die ihrer Lieben?

    Machen wir uns doch nichts vor: Es i s t eine Ausnahmesituation!

    „Business as usual“.

    Glauben die Bildungspolitiker aller Länder ernsthaft in ihrer elfenbeinturmhaften Arroganz, dass Kinder und Jugendliche wie Maschinen funktionieren und „Ergebnisse ausspucken“ wie in „normalen“ Zeiten? Offenbar schon. Und das offenbart nicht nur Arroganz, sondern auch ein für mich erschreckendes Menschenbild und eine verzerrte Wahrnehmung von Realität. Und von Wertschätzung habe ich noch gar nicht gesprochen…

    2. Rückkehr zum Präsenzunterricht

    Die Kultusminister haben immer noch keinen Plan B oder C. Aber was wundert‘s: Kultusminister ist ein politisches Amt und hat mit fachlicher Expertise im Bildungsbereich herzlich wenig zu tun. Die Kultusministerin von RLP ist von Haus aus Juristin (!).
    Aus jahrzehntelanger beruflicher Erfahrung im Bildungsbereich weiß ich: Auf die Experten, die in den Bildungsministerien tatsächlich aus dem Schulbereich kommen, wird nur dann gehört, wenn deren Expertise mit den eigenen, p o l i t i s c h e n Absichten konform geht.

    Und im Augenblick, nämlich dem Wahljahr 2021, heißt das:

    Den Wählerinnen und Wählern „Geschenke“ zu machen, die nicht im geringsten etwas mit ernsthafter Pandemiebekämpfung zu tun haben. Deswegen lässt man Kitas offen (insbesondere in den Städten ist absolut nichts von einer „Notbetreuung“ zu spüren), deswegen will man mit aller Macht zum Präsenzunterricht zurück. Wenn den Ländern und somit den Kultusministern es wirklich ernst wäre mit Bildung u n d Gesundheitsschutz, dann hätte man längstens schon Geld in die Hand nehmen müssen für:

    1. die Einstellung von mehr Lehrkräften zur Verkleinerung von Lerngruppen und
    2. nicht nur digitale Aufrüstung, sondern auch Ausstattung der Klassenräume mit einfachen, aber dennoch wirkungsvollen Luftfilteranlagen, wie sie das Max-Planck-Institut empfiehlt. Die Bauanleitung dazu steht im Netz.

    Warum ist das alles nicht erfolgt? Warum werden die Studien, die beweisen, dass Schulen (insbesondere weiterführende Schulen) sehr wohl Orte vermehrter Ansteckung sind, in den Schubladen gelassen? Nun, weil Präsenzunterricht und geöffnete Kitas immer noch die b i l l i g s t e n Lösungen sind.

    Auf Kosten der Gesundheit von Schülerinnen und Schülern (und ihren Familien), von Lehrkräften und ihren Familien, von Erziehern und deren Familien. Je nach Arbeitgeber müssen letztere sich sogar ihre FFP2-Masken teilweise immer noch selbst kaufen, anstatt, wie zugesagt, ein gewisses Kontingent zur Verfügung gestellt zu bekommen. Auch bei Lehrkräften sind die zugesagten Masken zum Teil noch nicht angekommen.

    Das uninspirierte und unprofessionelle Kleinklein-Gewurschtel im föderalen Deutschland wird immer schlimmer – und beschämender.

    Die Schulen, die übrigens weitestgehend allein gelassen wurden von der Politik, haben ihre Hausaufgaben gemacht. Es sind 16 Bildungsministerien, die sich mitten in der Pandemie stur und völlig realitätsfremd nach wie vor nur eine Art der Beschulung vorstellen wollten: Den Präsenzunterricht. Weil Schulen angeblich ja keine Superspreaderorte seien. Nun, die Studienlage dazu ist in der Tat leider dünn (warum wohl 🤔?). Und Studien, die das dann doch belegen, wurden z.B. in Hamburgs Kultusbürokratie in der Schublade gelassen, bis der „Spiegel“ diesbezüglich für Öffentlichkeit sorgte. Schulkinder werden immer noch viel zu wenig getestet.

    Bei jüngeren Kindern finden sich selbst bei einer Infizierung häufig nicht die bei Erwachsenen bekannten Symptome – manchmal auch so gut wie gar keine. Trotzdem verbreiten sie das Virus weiter, häufig unentdeckt. Nur so lässt sich das Ergebnis einer Studie des Helmholtz-Zentrums München erklären, die belegt, dass die Dunkelziffer bei Kindern und Jugendlichen sechsmal höher war als angenommen. Da sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass Schulen in puncto Übertragung von Infektionen eben keine Inseln der Glückseligkeit sind.

    Das wollte man aber nicht wahrhaben in den 16 Bundesländern und der KMK und so enthob man sich dadurch der Pflicht, recht-und frühzeitig Konzeptionen für alternative Szenarien im Herbst und Winter, bei stark steigenden Inzidenzen und nun den Mutationen, insbesondere der britischen, zu entwickeln. Und gerade diese, das weiß man inzwischen aus Großbritannien, greift vermehrt bei Kindern und Jugendlichen um sich.

    Sehr sinnig, jetzt die Schulen zu öffnen.
    Wenigstens hat man an Wechselunterricht gedacht…
    Aber: Typisch deutsch und zudem noch wahlkampfverblendet: Man öffnet die Schulen und erst im zweiten Schritt werden die (Grundschul-) Lehrkräfte geimpft. Hat man eigentlich schon daran gedacht, was mit Lehrkräften in verbundenen Systemen ist, also überall dort, wo Grund- und weiterführende Schule unter einem Dach sind? Haben wir dann eine Zweiklassenlehrergesellschaft dort?

    Alles nicht durchdachte Schnellschüsse, weil den Wahlkämpfern das Muffesausen geht.

    Ich bin mir sehr sicher, dass hier in RLP sehr viele Lehrkräfte und Erzieher n i c h t Frau Dreyer und der SPD ihre Stimme geben werden. Denn diese und ihre Duzfreundin Stefanie Hubig, ihres Zeichens Bildungsministerin, haben billigend in Kauf genommen, dass vor allem Erzieherinnen und Erzieher in Kitas mit mindestens 50%iger Belegung und Lehrkräfte an vorderster Front ohne wesentliche Schutzmaßnahmen ihren Dienst versahen und krankheitsbedingte Ausfälle als Kollateralschäden achselzuckend geduldet wurden. Es gibt Auswertungen von Krankenkassen, die zeigen, dass gerade das Kitapersonal neben medizinischem Personal zu den Berufsgruppen gehört, die am meisten von Coronainfektionen betroffen sind.

    Natürlich war man nicht daran interessiert, das groß in der Öffentlichkeit zu verbreiten 🤷‍♀️…

    Ich bin gespannt, wie sich die Schulöffnungen nun auswirken werden – und wie die föderale Kakophonie in der Coronabekämpfung weitergehen wird.

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