Signoret – Merkel – Baerbock
Heute wäre sie 100: Simone Henriette Charlotte Kaminker, besser bekannt als Simone Signoret. Der DLF (Autorin Marli Feldvoß) würdigte sie heute in seinem “Kalenderblatt”. Signoret verkörperte ein bewundernswert emanzipatorisches, gleichzeitig realistisches Frauenbild. Ich persönlich verbinde mit ihr meine geradezu traumatische Rezeption ihrer Hauptrolle in dem Film “Die Katze” (1971) von Pierre Granier-Deferre mit Jean Gabin in der weiteren Hauptrolle. Für mich ein epochemachendes Werk, seiner Zeit weit voraus (ich war 14).
Der Film zeigte zwei Paradigmen, die bis heute unsere Wirklichkeit verheeren. Zum einen ist er die erbarmungsloseste Vernichtung der Institution Ehe, die ich jemals gesehen oder gehört habe. Zum andern wurde mir niemals so eindrucksvoll-bedrückend ins Bild gesetzt, wie “die europäische Stadt” nach den Verheerungen des Zweiten Weltkrieges ein weiteres Mal nach kapitalistischen Gesichtspunkten zerstört wurde (und wird). In Bonn am Hauptbahnhof wurde ja erst kürzlich diesem langen schrecklichen Prozess ein weiteres Investoren-Denkmal gesetzt.
Exkurs: meine Idee für eine klitzekleine DLF-Programmreform
Die “Kalenderblatt”-Redaktion des DLF arbeitet so gut, mit überwiegend glänzenden Autor*inn*en, dass sie sich ein Geschenk verdient hat: 10 zusätzliche Programm-Minuten. Das würde mehr Variationen der akustischen Präsentation erlauben, und wäre ein schönes Asyl für die vom WDR lieblos hin und her geschobene Zeitzeichen-Fangemeinde. Oder zumindest eine “das Geschäft belebende” Konkurrenz. 5 Minuten könnten bei dem Religionsmagazin “Tag für Tag” stibitzt werden; weitere 5 Minuten Nachrichten zur halben Stunde (9.30 h) wären ebenfalls verzichtbar.
Die Kanzlerinnen
Ob Angela Merkel und Annalena Baerbock sich jemals mit Madame Signoret beschäftigt haben? Möglich ist es. Wahrscheinlicher ist, dass die effizient arbeitenden Beraterinnen von ihr wissen.
Angela Merkel hat gestern ihrer Hauptstadtzirkusgemeinde ein weiteres Mal vorgemacht, was eine Harke ist. Mit ihrem Entschuldigungs- und Rücknahme-Coup hat sie in einem mich beängstigenden Handumdrehen die öffentliche und veröffentlichte Meinung um den Finger gewickelt. Die Frauen wissen sowieso aus eigener Lebenserfahrung und bewundernd, wie Merkel sich im Haifischbecken zu behaupten weiss. Die Konzern- und Anstaltsmedien sind so realistisch, dass sie vor der geballten Frauenmehrheit in die Knie gehen müssen. Das Bashing mal einen Tag aussetzen ist besser, als abbestellt zu werden.
Rätselhaft bleibt für mich, wie die Physikerin sich fachlich zur Pandemie beraten lässt. Eine Osterruhepause wäre erratische Willkür. Profifussballer, übrigens auch -ballerinnen, reisen nach Budapest (7-Tage-Inzidenz über 600), reisen mit dem Virus um die Welt; Arbeitende in Grossraumbüros und Fabriken werden durch absolut nichts Verbindliches vor den Mechanismen des Kapitalismus und des Virus geschützt – aber fünf Tage Zuhausebleiben? Wozu soll das gut sein? Wer eine “Welle” brechen will, müsste zwei Wochen schliessen, mindestens – das sind die nachgewiesenen Inkubationszeiten. 5 Tage an Ostern wären nichts als Volkserzieher*innen-Symbolik.
In letzter Minute scheint Merkel das begriffen und zu ihrem Vorteil an Parlament und Institutionen vorbei gewendet zu haben. Ganz ohne demonstrative Demagogie, aber scheinbar schlauer als alle andern zusammen. Das ist das Bild, das sie – für den Moment – durchgesetzt hat, und zwar nachhaltig.
In ihre Fussstapfen tritt Frau Baerbock. Meine politische Kritik an ihr ist so umfangreich, in diesem Blog auch nachzulesen, dass ich sie nicht wiederholen mag. Sie personifiziert, was das politökonomische System Deutschlands braucht: sich verändern, um weitermachen zu können. Baerbock bringt alle Softpower-Kompetenzen mit, ohne ökonomische Grundprinzipien revolutionieren zu wollen. Niemandem macht sie Angst, weil sie – scheinbar – niemandem was wegnehmen will. Kein Schnitzel, kein Eigenheim, kein Auto, keine Verfügungsmacht über Produktionsmittel.
Dafür wird sie – zusammen mit ihrem Parteivorsitzkollegen und Womanizer Habeck – 150%ig optimal gecoacht. Schauen Sie sich nur dieses Liveinterview im ARD-Brennpunkt (ab Minute 13) an, und Sie sehen: Frau Baerbock ist bereits in Turnierform.
Ihre mutmassliche Amtsübergeberin Merkel weiss besser als irgendjemandanders, dass es mit der CDU, wie wir sie kannten, zuende geht. Ihre radikalsten Kritiker und Feinde sitzen im eigenen Stall, der Lärm schwillt an. Sie können sie nicht stürzen. Und niemandem von denen wird sie einen Gefallen schuldig sein, im Gegenteil. Darum hatte das gestrige “Vertrauensfragen”-Scharmützel zwar eine Faktengrundlage in der CDU/CSU-Fraktion, war aber gleichzeitig folgenlose Vergeblichkeit, an der sich die Grünen schlauerweise nicht beteiligten.
Merkel bestimmt das Ende ihrer Amtsführung selbst, und demonstriert den Männern vor und nach ihr, wie Frau das Macht. Was davon wird Baerbock gelingen?
Noch ein “Manifest”
Ist die*der “öffentliche Intellektuelle” noch nicht tot? Die Feuilleton-Redaktion der “Welt” (Springerkonzern) und der Freitag (Verleger Jakob Augstein) trauern ihm gewiss nach, und beneiden das benachbarte Frankreich um seinen aufgesetzten Trubel. So, wie die Politik “Presse macht”, wollen sie sooo gerne in der Politik mitspielen. Realistisch kalkulieren diese Akteure eine Ampelperspektive, und wollen sich für diesen Fall der Fälle rechtzeitig in Stellung bringen. Bei mir verursacht diese Querfront der Verlage eher eine allergische Reaktion, zumal wenn in diesem konkreten Fall die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung mit im Spiel ist. Aber vielleicht bin ich nur traumatisiert. Urteilen Sie besser selbst über das “Manifest der offenen Gesellschaft”.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net