Wackelnder Hedgefond / Gewerkschaften? In USA? / Fussball- & Dopinggangster / Mrs. Maxwell
Ich muss zugeben, dass ich mich immer wieder erneut verunsichert fühle, wenn die FAZ die wichtigste Informationsquelle meiner anschwellenden antikapitalistischen Systemkritik ist. Klar, es verrät vor allem etwas über die Qualität der Andern. Und die FAZ als Informationsquelle konservativer und reaktionärer Herrschender kann sich schlechte Qualität nicht leisten. Sie investiert also in gut ausgebildete Korrespondent*inn*en und Autor*inn*en, und bisweilen hat das sogar Vorrang vor deren eigener politischer Einstellung. Es sind also immer Rosinen drin, deren Lektüre lohnt.
Hedgefond-Desaster
Fangen wir mit den in Rede stehenden Summen ganz oben an. Es wackelt mal wieder ein Hedgefond mit Namen Archegos, mit ihm eine ganze Reihe von Grossbanken, die umfangreiche Kredite im Feuer sehen, und sicherheitshalber Aktien auf den Markt werfen, auf dem die Börsenindizes sowieso vor Kapitalschwemme kaum mehr laufen können. Es stürzt erst mal nichts Systemrelevantes ein, aber es zeigt, wie gross die Nervosität ist, und dass das Vertrauen der fettesten Akteure in ihr eigenes Spiel sinkt.
Neue Gewerkschaften in den USA
Das zweitgrösste Phänomen ist ein zartes Pflänzchen demokratischen Rechts: es wird für möglich gehalten, dass sich in US-amerikanischen Grosskonzernen der Digitalwirtschaft, mann glaubt es kaum, Gewerkschaften bilden könnten. Die Träume, dass Technologien aus sich heraus emanzipatorisch seien und damit so ein Grundrecht unnötig machen könnten, scheinen tatsächlich nach Jahrzehnten “schon” ausgeträumt. Bei Alphabet (Google u.a.) ist es schon passiert, und bei Amazon könnte es passieren. Soziale Erkenntnisse des 19. Jahrhunderts, just arriving in USA. Nicht alles beschleunigt sich.
Fussballgangster
Wie kriminell das Folgende ist, bliebe objektiv rechtsstaatlich zu ermitteln. Die meisten Fussballfans haben ihre Meinungsbildung dazu bereits abgeschlossen. Herr Hans-Joachim Watzke hat sich entschlossen, die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA bis 2025 weiter zu führen, und nicht nächstes Jahr aufzuhören. Die Bilanzzahlen, die er und seine Kumpane aktuell vorlegen, nähern sich in beängstigendem Tempo denen des meistgehassten Rivalen in Gelsenkirchen an. Seine Rolle in einem anderen Spiel bleibt undurchsichtig und dubios: hinter der FAZ-Paywall berichtet Daniel Theweleit über die Bemühungen von Herrn Watzke und seiner europäischen Gesinnungsgenossen, das, was unten aus der Geldscheissmaschine Champions League rauskommt, zu verdoppeln, und gleichzeitig für mehr ökonomische Planungssicherheit zu Lasten fairen sportlichen Wettbewerbs – ich merke schon beim Schreiben, was für eine naive Begrifflichkeit das ist – zu sorgen. Als Drohkulisse wird eingesetzt: “Auch jetzt noch soll das amerikanische Bankhaus JP Morgan Interesse haben, die Uefa als Veranstalter solch eines Edelturniers zu ersetzen. Jeder Teilnehmer würde angeblich 300 Millionen Euro bekommen, der Sieger könnte bis zu einer Milliarde einnehmen.” (zu Grossbanken: s.o.)
Dopinggangster
Damit es hier nicht zu FAZ-lastig wird noch ein Skandalkrümel aus der SZ. Javier Cáceres, zweifellos einer ihrer kompetentesten Fussballredakteure, berichtet über ein TV-Interview des weltweit berühmtesten Dopingarztes Eufemiano Fuentes. Es hätte von Francis Ford Coppola nicht besser inszeniert werden können. Alle, die im Weltsport reich und mächtig sind, werden einen Schnaps gebraucht haben.
Sexuelle Gewalt und Macht
Alle, die in der Politik und der Welt der Geheimdienste reich und mächtig sind, werden bei dieser Nachricht einen weiteren Schnaps kippen: die Anklage gegen Ghislaine-maxwell, Tochter von Robert Maxwell und leitende Angestellte von Jeffrey Epstein, beide totgegangen, wird erweitert. Die Telefonleitungen über den Atlantik werden glühen: welche Namen kommen raus, welche nicht? In Haft ist Mrs. Maxwell wahrscheinlich am sichersten. Obwohl: da war Mr. Epstein auch.