Alles nur Ablenkung? Einerseits. Andererseits kann es auch der Klarheit dienen: Aufräumen im Kopf, Positionssuche, Positionsbestimmung, Parteinahme. Die Sache mit der Kultur ist keineswegs ein Nebenwiderspruch. Wenn berufsbedingt extrovertierte Persönlichkeiten die Öffentlichkeit an ihrer Positionssuche teilhaben lassen, ist das durchsichtiger, “transparenter”, als der immer klandestiner werdende Politikstil in der Hauptstadt. Eigentore inklusive. Die klügeren Wortmeldungen nehmen zu.
Dietrich Leder/Medienkorrespondenz lässt das widerspruchsreiche Getöse um #allesdichtmachen bewährt medienkritisch Revue passieren. Etwas kürzer, und dieses Mal oberflächlicher, die von mir verehrte Isolde Charim/taz. Weit gründlicher und insgesamt sehr fair der Bonner Markus Gabriel/FR: “Die infektiösen Folgen der Infodemie”. So weit, so gut.
Doch, ich glaube auch, das ist nur das Vorspiel. Die ökonomisch Herrschenden, viele von ihnen fette globale Profiteure der Krise, bereiten eine neue Brutalitätsstufe der kommenden Klassenkämpfe von oben vor. Sabine Nuss/Freitag gibt der benebelten Öffentlichkeit davon eine Vorahnung.
Es sind, da muss ich mich korrigieren, keine Klassenkämpfe, die kommen. Nein, sie sind schon da, sie waren auch schon vor der Pandemie da. Das zeigte gestern Abend brutal offen, realistisch, naturalistisch die Arte-Doku “Arbeit auf Abruf – Digitale Tagelöhner” (halbes Jahr Mediathek) von Shannon Walsh. Naturalistisch, weil die Möglichkeiten kollektiver Gegenwehr kaum diskutiert, nur wenig gezeigt werden. Das wäre der nächste Schritt.
Ich lerne aus dem Film, dass die herrschenden Klassen glauben, die kapitalistisch notwendige Profitrate sei auf Dauer nur durch eine schrittweise Rückkehr zur Sklavenhaltergesellschaft realisierbar. Globalisierung und Plattformmonopole ermöglichen das, zumal sie auf zahlreiche Länder und Gesellschaften zurückgreifen können, die den Industriekapitalismus und die bürgerliche Revolution gar nicht erlebt haben, und jetzt überspringen sollen und mglw. auch können. Nur wohin sollen sie springen? Das zu beantworten ist der Klassenkampf der Gegenwart. Die Weichenstellungen sind jetzt. Immer.
Ver.di und IG Metall – da müsst ihr noch viel mehr baggern. Dafür zahle ich gern.