Bitte bitte, nehmen Sie weiter Ihr Auto!
Die Fans dieser Artikelserie warten schon ungeduldig, wie es mir gestern ergangen ist. Sie können staunen. Keine Pannen, keine besonderen Vorkommnisse. Verspätungen – wenn, dann zu meinen Gunsten (früheren Zug erwischt). Zugbelegung, als seien “alle” im Auslandsurlaub. Für Einzelreisende wie mich war überall ein Doppelsitz zu finden – am Sonntag! Das einzige Problemchen ist der reduzierte Fahrplan, den ein explodierter Tanklaster vor einigen Monaten verursacht hat.
Unmittelbar westlich des Bahnhofes Mülheim-Styrum, dort, wo ich nach meinem Abi geholfen habe, eine Kläranlage zu bauen und die finanzielle Grundlage für meinen heutigen Wohnungsbesitz legen konnte (in Kombination mit dem Verzicht auf ein Auto seit 1978) war auf der A40 = Ruhrschleichweg ein Tankwagen gegen einen Brückenpfeiler der Bahn gefahren, obwohl dort aussergewöhnlich viele Fahrspuren zur Auswahl standen. Es muss befürchtet werden, dass der arme Mann kurz eingenickt war, vielleicht kombiniert mit Seitenwind. Dass kann alle 5 Minuten wieder passieren, aber versuchen Sie mal die EU – oder gar unsere schmerzfreie Bundesregierung – zu einer sozialen und ökologischen Regulierung des Wildwest-LKW-Verkehrs zu bewegen.
Die darauf notwendigen Bauarbeiten zwangen die Bahn zum Umbau ihres Fahrplans durch NRW. Von den stündlichen IC-Direktverbindungen zwischen dem Ruhrgebiet und Bonn wurden alle nach 20 h ab Essen gestrichen bzw. umgeleitet. Die 20-Uhr-Verbindung war dementsprechend im Internet als “ausgelastet” gekennzeichnet. Ich erwischte die RE1-Verbindung davor, die zwischen Duisburg und Köln einen 20-Minuten-Umstieg auf den RE5 nach Bonn ermöglicht. Klappte alles tadellos.
Nach dieser schönen Erfahrung, folgender Appell an Sie: sollten Sie eine Reise durch NRW erwägen, nehmen Sie bitte, bitte Ihr Auto und stellen sich schön geduldig am Kölner Ring in den Stau. Und bitte: stellen Sie den Motor ab – Sie wissen doch: das Klima!
Behalten Sie Ihre Angst vor dem Virus in der Bahn – dadurch finde ich immer einen guten Sitzplatz.
Das ist wie mit den Fahrrädern. In Beuel sollen jetzt auch zwei Dutzend Bäume für eine Verbreiterung des Radwegs in der Rheinaue fallen. Den Weg gibt es seit der Bundesgartenschau 1978. Es war seitdem, also 43 Jahre unmöglich, dass Lastenräder und Kinderanhänger sich im Gegenverkehr passieren konnten. An Sonntagen kam und kommt es zu Staus wie auf dem Kölner Ring, Trainingsfahrten zwar unmöglich, aber gerade dann versuchen es besonders viele. Die eigentlichen Engstellen auf der Beueler Seite sind die kurzen Abschnitte, auf denen sich Räder und Fussgänger*innen den Weg teilen müssen. Dort sind besonders exklusive millionenteure private Ufergrundstücke einer Verbreiterung im Weg – sie müssten enteignet werden. Aber wer traut sich das? Dann lieber Bäume, oder?
Auch hier der Appell an Sie: nehmen Sie für Ihren Sonntagsausflug das Auto. Sie können doch im Stau Radio hören, oder Spotify; richten Sie für die Rücksitze Monitore zum Filmegucken ein. Besorgen Sie Ihren Kindern ein Eis, und schon wird es ruhig in der Blechkiste. Und Sie haben doch Klimaanlage, oder? Sie wissen doch: das Klima! Der Radweg jedenfalls ist sowieso schon zu voll. Das Fahrrad ist viel zu gesund für Ihren Rücken. Orthopäd*inn*en wollen auch leben.