Haben “wir” nicht “andere Sorgen”? Ja klar. Schlamm bekämpfen, Existenzen retten, Obdachlose unterbringen. Und dabei Virus-Ansteckung vermeiden (Inzidenz Bonn: 17, steigend; Rheinpegel dagegen fallend). Dennoch gehen diese Kelche nicht an uns vorüber. Wird es einen Bundestagswahlkampf geben? Zu bemerken ist er allenfalls an den sich häufenden Politiker*innen-Schwärmen auf Trümmerlandschaften. Sie stören bei der Arbeit. Aber sie schaffen Medienaufmerksamkeit. Das ist nicht (ganz) wertlos.
Dass sich die Parteien noch nicht in den Kampf stürzen, liegt vielleicht daran, dass die meisten von denen noch im Urlaub sind. Freuen Sie sich also nicht zu früh. Die Nerverei wird noch kommen. Und es wird zwar meistens überschätzt, ist aber auch nicht unwichtig. Das glauben nur die Zyniker*innen. Georg Seesslen/taz beschreibt die gesellschaftliche Ausgangsposition, wie ich es gewiss nicht besser schreiben könnte. Es ist nicht so gewiss, wie es klingt. In den meisten Fällen wählen die Wähler*innen an der einen oder anderen Stelle doch völlig anders und überraschender, als es alle Bescheidwisser*innen voraussagen.
Wie der Leistungssport Menschen zerbricht
It’s the economy, stupid! Der Kapitalismus strebt gesetzmässig nach Wachstum. Nur so glauben seine Akteur*inn*en ihren Profit retten zu können. Um ihn zu sichern, muss ich beständig die Anderen übertreffen. Wissenschaftlich, strategisch, organisatorisch, mit einem Optimum an Ehrgeiz und Cleverness. Ohne Rücksicht auf Andere, vor allem die weniger Leistungsfähigen, die am Wegesrand zurückbleiben müssen. Das Medienprodukt so einer Gesellschaft ist der Leistungssport, an erster Stelle der Profifussball, an zweiter Stelle die Olympischen Spiele. Um beide herum haben sich mächtige globale Mafiaorganisationen gebildet, die die Realisierung von Extraprofiten modellhaft auf die Spitze treiben: sie heissen Fifa und IOC. Letzteres veranstaltet in Kürze Gespensterspiele, für die ARD und ZDF teures Haushaltsabgabengeld ohne unsere Zustimmung auf den Tisch gelegt haben, und das sie wg. Zeitverschiebung nachts vor unseren TV-Glotzer*innen*augen verbrennen werden.
Die Skandalserien haben die Mehrheit der Medienkonsument*inn*en längst abgestumpft. Der Leistungssport strukturiert sich ähnlich der Gesellschaft: wenige Mächtige, Sponsoren, IOC-Funktionäre, Leistungszentren, Trainer*innen – und ganz unten: die jungen, jugendlichen, halbwüchsigen, naiven Sportler*innen. Letztere werden serienmässig missbraucht, auch aber nicht nur durch sexualisierte Gewalt. Der Mehrheit wird im Abhängigkeitsverhältnis die autonome Persönlichkeit zerbrochen. Nicht wenige mit, die meisten ganz ohne sportrechtlich definiertes “Doping”. Sie tragen den Rest des Lebens Traumata mit sich herum. Eine mikroskopische Minderheit nimmt Medaillen, eine noch kleinere Minderheit ausreichend Lebensunterhalt und Karriereversprechen mit.
Marktführer eines solchen Geschäftsmodells ist der Nike-Konzern, in dessen Fänge sich auch die hier aufgewachsene Konstanze Klosterhalfen begeben hat. Arte zeigte gestern (und das ZDF heute nacht), wie das funktioniert. (Video 52 min) Alle, die ehrliche Leichtathletik-Fans sind, und alle, die Olympia ernsthaft glotzen wollen, müssen sich das ansehen. Mediathek bis 18.8.