Strauchelnde Digitalkonzerne / Richtungsuchende Ampel / Das Beste zur Buchmesse
Da war ich baff. Steht die EU nicht für so viel Schlechtes: Langsamkeit, Bürokratie, Begriffsstutzigkeit, Politik wie Teppichhändlerei? Das war schon immer ein spezielles deutsches Zerrbild. Damit soll überdeckt werden, dass Deutschland – nach dem Brexit mehr als zuvor – der Dominanzhäuptling ist. Bisweilen so penetrant, dass er Widerwillen mobilisiert. Wenn nicht vornerum, dann hintenrum. Mehr darüber erfahren Sie in Paris. Dennoch eine Überraschung, für Leser*innen der Edit-Policy-Kolumne von Julia Reda nicht ganz so gross, wie für alle andern: nach einem Bericht von Alexander Fanta und Harald Schumann für netzpolitik.org kommt das Digitale-Märkte-Gesetz, und ist an überraschend vielen Stellen nicht nur schlecht geworden. Das ist angesichts der Tatsache, dass die grossen Digitalkonzerne 32 Mio. jährlich für Lobbying investieren, nicht alles so zu erwarten gewesen.
Haben die grossen Internetsaurier überzogen? Nachdem schon eine demokratische Präsidentschaftsbewerberin, Elizabeth Warren ihr politisches Profil rund um ihrer Gegnerschaft gegen sie gebaut hat, und obwohl sie doch überwiegend demokratische Kandidat*inn*en in den USA bespendet haben, gehen staatliche Autoritäten gegen sie vor. Ist das nicht gemein? Ja: gemeinnützig.
Schön zu sehen, wenn solche Konzerne über ihre eigenen Algorithmen stolpern, weil sie kulturell und politisch zu doof und inkompetent sind. Schön zu sehen auch, dass im Netz digitale Angebote reüssieren – beim Dating z.B. – die dem komplizierten Individuum Vorrang vor seiner Berechenbarkeit zu geben versuchen.
Beim Bekämpfen des Drachen sollte jedoch die Qualität nicht leiden. Darauf macht Pjotr Heller/FAZ aufmerksam, den ich auch aus der immer hörenswerten DLF-Reihe Forschung aktuell kenne. Er bestätigt meine Kritik an monokausalen Deutungen der verbreiteten Essstörungs-Pandemie gegen einzelne Medien, wenn das Problem und der politische Skandal doch systemisch sind. Auf schlechte Argumente zu verzichten, schwächt die Kritik an Facebook nicht, sondern stärkt sie.
Die Ampel
In den Verhandlungen ist es ernst geworden. Ausgewachsene Nobelpreisträger warnen vor einem Finanzminister Lindner, wie der Spiegel über einen Paywall-Text der Zeit berichtet. Paywallfrei: Albrecht von Lucke/Blätter über die Unterschiede “Die sozial-ökologisch-liberale Illusion?” zu 1969, mein Lieblingssatz: “Allerdings klingen die Dahrendorfs und Epplers des Jahres 1975 … weit mehr nach Fridays for Future als nach Christian Lindner.” Was dagegen zu tun wäre, finden Sie in der Energie- und Klimawochenschau von Wolfgang Pomrehn/telepolis. Dazwischen öffnet sich ein gefährlich grosser Raum der drohenden Untätigkeit.
Buchmesse
Ich erwähnte schon, wie egal die mir ist. Während ich diesen Text tippe höre ich Marina Weisband: “Faschismus ist keine ‘andere Meinung’“. Beim Mittagessen bereitete mir schon Margarete Stokowski/Sp-on Lesefreude. Soviel Vernunft und Klarsicht in einer einzelnen Frau. Damit dürfte die Veranstaltung abgehandelt sein.