Die internationale Vernetzung der Zapatistas

Wenn es um Positionen zum Internet, zu Digitalisierung und künstlicher Intelligenz geht, überwiegen meist zwei konträre Einstellungen, entweder deren Verherrlichung als Höhepunkt der Effizienz und der „Befreiung des Menschen von allem Ungemach“, meist vorgetragen in neoliberalen Dunstkreisen, oder deren totale Ablehnung als absolute Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft, als Tummelplatz für rechtsextremistische Gruppen, als kriegstreibend, als extreme Anhäufung von Kapital und Macht in der Digitalökonomie, als totale Überwachung des Menschen, als Schaden für die mentale Gesundheit und als Gefahr für die kindliche Entwicklung. Eine dritte Position nehmen die Zapatistas ein.

Sie verstehen die Digitalisierung als vorteilhaft für den langen Weg zur Förderung einer Gesellschaft, die ein „gutes Leben für alle“ gewährleistet. Sie sind deshalb beispielhaft, da sie seit ihrem Aufstand 1994 das Internet nutzten, um ihren Widerstand gegen ein neoliberales und neokoloniales System zu verfestigen.

Die Ausgangsfrage lautet: Sind Internet und die Digitalisierung per se schlecht oder gut für das menschliche und gesellschaftliche Leben oder kommt es auf die Zweckbestimmung und das Nutzungsziel an? Wenn man von der Verherrlichungsthese ausgeht, dürfte sich der antikapitalistische Widerstand in keiner Weise auf die Digitalisierung einlassen. Aber ist es nicht auch möglich, Vor- und Nachteile der digitalen Vernetzung abzuwägen und diese entsprechend dem Zweck des antikapitalistischen Widerstandes zu nutzen, das heißt, der eigenen Zweckbestimmung in dialektischer Weise unterzuordnen? Fragen zur medialen Nutzung haben eine lange Tradition. Auch in der Studierendenrevolution der 60er-Jahre spielten sie eine große Rolle. Hans Magnus Enzensberger schrieb: „Hassen Sie die Medien nicht, seien Sie die Medien.“ Die Medienwissenschaftler Oskar Negt und Alexander Kluge argumentierten in ihrer Theorie von der „Gegenöffentlichkeit“ in ähnlicher Weise.

Vernetzungsstrategie

Die Zapatist*innen, diese aufständische indigene Bewegung aus Chiapas, die sich am 1. Januar 1994 gegen die neokoloniale und neoliberale Politik der mexikanischen Regierung erhob und „Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit“ forderte, zeichneten sich von Anfang an durch ihre Vernetzungsstrategie aus. Ihr Erfolg gründet auf der Vernetzung des indigenen Widerstands mit städtischen, linken Intellektuellen sowie der Verbindung der Guerilla mit sozialen Bewegungen, anarchistischen mit sozialistischen, postmodernen und indigenen Ansätzen, aus der schließlich ein alternativer autonomer Raum hervorging, in dem eine neue gesellschaftliche Organisation umgesetzt wird. In den zapatistischen Gemeinden üben alle Gemeindemitglieder für einen begrenzten Zeitraum politische Ämter aus, in denen sie die Beschlüsse der Vollversammlung umsetzen. Alle wichtigen Entscheidungen werden kollektiv und von unten getroffen. Alle Gemeindemitglieder beteiligen sich aktiv an der Umsetzung dieser Beschlüsse. Dies betrifft nicht nur die Politik, sondern auch die kollektiv betriebene Wirtschaft, die Verteidigung und die Kunst. Ihre Gesellschaft ist auf Partizipation ausgerichtet, was für die Nutzung des Internets, das auch auf Partizipation aufbaut, eine gute Basis darstellt. Anwender*innen sind gleichzeitig Nutzer*innen dieses Mediums. Vor diesem Hintergrund ist die Bezeichnung der „Cyberguerilla“ oder „Informationsguerilla“ entstanden.

Die Zapatistas wurden durch die frühe Anwendung digitaler Netze, in denen sie ihre Ziele in Form von Geschichten einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machten, zum Referenzpunkt für antikapitalistische Widerstandsbewegungen weltweit, etwa den großen Gegengipfeln der G-20-Treffen, den Weltsozialforen, Occupy, Anonymous, Reclaim the Streets oder der Degrowth-Bewegung.
Maite Rico schrieb: „Die Medien waren das Hauptschlachtfeld von Chiapas.-Noch nie hat eine so schwache Guerilla aus politischer und militärischer Sicht eine so übermäßige mediale Aufmerksamkeit erhalten.-Zwölf Drehtage garantierten der zapatistischen Armee mehr Informationsberichterstattung als 30 Jahre Krieg in Guatemala oder Kolumbien.“ (Rico, Maite: Marcos (1999). La genial impostura. Mexico. Nuevo Siglo)

Zu Beginn ihrer digitalen Aktivitäten wandten die Zapatistas vor allem Freeware- und Shareware-Systeme an, die sich der staatlichen Überwachung entziehen konnten. Da Chiapas kaum Internetzugang hatte, wurden die Nachrichten anfangs, kurz nach dem zapatistischen Aufstand 1994, per Hand geschrieben und ausländischen Unterstützer*innen übermittelt, die diese dann ins Internet stellten. Vor allem ging es um Informationsaustausch und die Vernetzung mit verschiedenen Widerstandsgruppen, mit mexikanischen und internationalen NRO.

Zwei Jahre Vorsprung vor der Regierung

Die Zapatistas hatten schon früh eine eigene Website, die über Kommuniqués, Aktionen und Erklärungen informierte, außerdem über Übergriffe vonseiten des mexikanischen Militärs und der Paramilitärs, über internationale Treffen, etwa die globalen Frauentreffen, Wissenschaftler*innen- und Künstler*innentreffen sowie über die Erweiterung und Neustrukturierung der zapatistischen Gebiete. Ihre erste Website wurde bereits 1994 über den Webserver des Swarthmore College in Pennsylvania von dem texanischen Studenten Justin Paulson eingerichtet. Die Freischaltung der Website der Zapatistas fand ein Jahr vor der der Website der mexikanischen Tageszeitung „La Jornada“ und zwei Jahre vor derjenigen der mexikanischen Regierung statt, ein immenser Vorsprung für die Zapatistas in Sachen Technologie und Vernetzung gegenüber der Regierung. Im Jahr 1997 sagte Subcomandante Marcos in einem Interview mit dem französischen Soziologen Yvon le Bot: „Das Internet war ein neuer Raum, eine Neuheit, die so neu war, dass niemand dachte, dass eine Guerilla zu ihm gehen könnte. Das Internet ist die informative Autobahn. Dieses Land war von keiner Streitmacht besetzt.“ Allerdings, sagte er einschränkend, sei eine Autobahn für viele da.

„Globales Netz regionaler Widerstände und Solidarität“

Von Anfang an war die internationale Vernetzung über das Aufbauen eigener Netze von Bedeutung. La Neta gehörte zu den ersten Netzen, das allerdings nur einen eingeschränkten Zugang durch die NRO „Chiltak“, das „Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas“ und das „Center for Economic and Social Research“ hatte. Später erstellten Aktivist*innen verschiedener internationaler Unterstützungsgruppen Email-Listen und organisierten lokale Solidaritätsaktionen für die Zapatist*innen. Das Hauptziel war, ein „globales Netz regionaler Widerstände und Solidarität“ zusammen mit den Zapatistas aufzubauen. Die solidarischen Gruppen mobilisierten vor Ort, führten Demonstrationen durch, sammelten Spenden für die zapatistischen Gemeinschaften und setzten sich in Parlamenten und politischen Parteien in ihren Ländern sowie in internationalen Organisationen wie der UNO, der EU und dem Interamerikanischen Menschenrechtssystem für die Zapatistas ein.

Interkontinentale Treffen gegen Neoliberalismus und für die Menschheit

Ein weiterer Ausdruck der internationalen Vernetzung waren die „Interkontinentalen Treffen gegen Neoliberalismus und für die Menschheit“ 1996 und 1997 im lakandonischen Urwald. Daran nahmen Tausende von Menschen aus allen Kontinenten teil. Im Jahr 1996 diskutierten 3000 Aktivist*innen und Intellektuele aus 42 Ländern und fünf Kontinenten über den Kampf gegen den Neoliberalismus. Auf dem Intergalaktischen Treffen in Spanien 1997 wurde das Netzwerk Peoples’ Global Action (PGA) gegründet. Aus dem PGA-Netzwerk ging während der Proteste gegen das Weltwirtschaftsforum in Seattle 1999 das Independent Media Center, (Indymedia) hervor, das sich schnell verbreitete, so dass 2004 über 150 Indymedia-Gruppen agierten, unter anderem verschiedene nationale Widerstandsnetzwerke, wie Indymedia Mexiko, Indymedia Deutschland und ab 2008 „Indymedia Linksunten Deutschland“, das 2017 verboten wurde. So legten die Zapatistas den Grundstein für die Indymedia-Bewegung und andere linke Cyber-Netzwerke, deren Ziel es war, die globale Vernetzung sozialer Widerstände auf digitaler Ebene zu organisieren, nach dem Motto: „Lokal verankert, global und digital vernetzt“.

Indymedia war mit dem Optimismus verbunden, dass das Internet den Widerstand weltweit unangreifbar und erfolgreich machen würde. So steht in einer der ersten Eintragungen bei Indymedia am 24. November 1999: „Das Web verändert die Balance zwischen multinationalen und aktivistischen Medien dramatisch. Mit ein bisschen Code und etwas billigem Equipment können wir eine automatisierte Live-Website aufsetzen, die den Unternehmen Konkurrenz macht. Bereitet Euch darauf vor, überschwemmt zu werden von der Welle aktivistischer Medienmacher*innen vor Ort in Seattle und überall auf der Welt, die die wirkliche Geschichte hinter der Welthandelsvereinbarung erzählen-“ Die Seite hatte in der ersten Woche 1,5 Millionen Follower und übertraf damit die des CNN.

Ernüchterung

Dann kam die große Ernüchterung. Mit dem Aufkommen der großen Internetplattformen Facebook, Yahoo oder Instagram ging die Nutzung der eigenen Netzwerke zurück. Viele Nutzer*innen wechselten zu den großen Social-Media-Plattformen. Damit kam das Thema der Kontrolle des Widerstandes durch den Staat, die großen Plattformunternehmen und Geheimdienste auf. Der marxistische Theoretiker Harry Cleaver stellte die entscheidende Frage: „Wie kann die Ausarbeitung neuer arten von Zusammenarbeit und Selbstbestimmung fortgesetzt und gleichzeitig die Einführung einer zentralisierten, monopolistischen Kontrolle verhindert werden?“

Im Jahr 2013 wurden von Edward Snowden eine Vielzahl geheimer Dokumente der National Security Agency (NSA) veröffentlicht. Aus diesen Dokumenten geht hervor, dass die großen Internetplattformen wie Google, Facebook, Microsoft, Skype, YouTube und Apple die Informationen ihrer Nutzer*innen an die US-Regierung übermittelten. Auch die Enthüllungsplattform Wikileaks informierte darüber, wie Netzwerke, Computer und Telefone weltweit ausgespäht, illegale Kriege geführt und Regierungen gestürzt werden. Die Dokumente zeigen den Umfang der globalen Überwachung durch die CIA mit Hilfe eigener Hackerprogramme und Schadsoftware, die gegen eine breite Palette von amerikanischen und europäischen Unternehmensprodukten eingesetzt werden, zum Beispiel bei der Nutzung von Apple iPhones, Google und Android-Programmen und anderen Computerprogrammen bei Microsoft Windows bis hin zum Einbau in Samsung Fernseher, die zu versteckten Mikrofonen werden. Bis Ende 2016 hatte die Hackerabteilung der CIA, die formell zum Zentrum für Cyber-Intelligenz (CCI) gehört, über 5000 registrierte Nutzer*innen sowie über tausend Hackersysteme, Trojaner, Viren und andere zerstörerische Schadsoftware produziert. Die in Israel entwickelte Pegasus-Software ermöglicht das Einklinken in fremde Hardware und das Auslesen aller Informationen.

Auch zapatistische Netzwerke und die mit ihnen verbundenen Plattformen wie Indymedia wurden ausgespäht. Mit den Zapatistas verbundene Websites wurden bei großen Plattformen wiederholt entweder als „gefährlich“ eingestuft oder abgeschaltet. Hintergrund der Attacken ist die Angst, dass widerständige Gruppen mit dem Internet ein Medium gefunden haben, mit dem sie der neoliberalen Globalisierung eine widerständige Globalisierung entgegensetzen. Die Zapatistas schrieben zu diesem Problem: „Es ist wichtig, die Verbindungen zu anderen elektronischen Seiten von anderen Organisationen und Kollektiven zu verbessern, um die Computerblockade zu überwinden, der uns die Großmächte immer unterwerfen.“

Virtueller Spiegel der Ungerechtigkeiten

Ein Beispiel war die Attacke von Yahoo auf digitale Seiten der EZLN während der „Anderen Kampagne“ 2006, einer wochenlangen Vernetzungsaktion der Zapatist*innen mit anderen sozialen Bewegungen in ganz Mexiko. Wichtige Verteilerlisten wurden von Yahoo gelöscht. Die zapatistische Medienredaktion schrieb zu diesem Ereignis: „Internetnutzer*innen ist allgemein bekannt, dass Unternehmen wie Yahoo oder MSN, um die beiden bekanntesten in Mexiko zu erwähnen, nichts anderes als Tochterunternehmen transnationaler Medienunternehmen sind, die seit langem bestrebt sind, die freie Nutzung des World Wide Web zu regulieren und das Internet zum virtuellen Spiegel der Ungerechtigkeiten zu machen.“

Für die Zapatistas gilt der digitale Raum auch als Raum des Kampfes. So stellten sie die Frage: „Ist ein anderes Internet, das heißt ein anderes Netz, möglich? Kann man dort kämpfen? Oder ist dieser Ort ohne präzise Geographie schon besetzt, in Anspruch genommen, kooptiert, außer Kraft gesetzt? Kann es dort nicht Widerstand und Rebellion geben? Ist das Netz ein Raum der Beherrschung, der Domestizierung, der Hegemonie oder der Homogenität? Oder ist es ein Raum im Streit, im Kampf? Können wir von einem digitalen Materialismus sprechen?“ Außerdem weisen die Zapatistas auf die gegenaufklärerische und manipulative Funktion der großen Internetplattformen hin, die als „soziale Netzwerke“ bezeichnet werden.

Subcomandante Galeano sagte dazu: „Man schafft eine andere Wirklichkeit und lenkt die Aufmerksamkeit und Energie der Leute auf sie (die sozialen Netzwerke) hin. So werden die Regierungen für ihre populäre, virtuelle Präsens positiv oder negativ bewertet und nicht für ihre Entscheidungen und Handlungen oder die Art, wie sie sich Unvorhergesehenem stellen. Derart triumphieren schlechte Regierungen innerhalb der ‚glückseligen‘ Netzwerke, obwohl die reale Wirklichkeit sich beharrlich hin zum Abgrund bewegt. Die virtuelle Wirklichkeit bedeckt schamhaft den nackten Kaiser, und so präsentiert sich der Tyrann als Demokrat, der Reaktionär als Veränderer; der Dummkopf stellt sich als intelligent dar und der Ignorant als weise“ (14.04.2019).

Doch auch wenn die sozialen Netzwerke nach Subcomandante Galeano „die Regierungen (haben), die sie verdienen“, so „gibt es Widerstand und Rebellion. Es fehlen nicht diejenigen, die den Flötenspielern der Topthemen nicht folgen und die Reflexion, Analyse, Zweifel und Infragestellen wählen. Eine Minderheit jedoch, die umzingelt und bedrängt wird durch Influencer und andere Schwachköpfe, die für sich entdeckt haben, dass Dummheit auch zu Ruhm und sozialer Anerkennung führt. Das Potenzial der Netzwerke bedeutet auch ihr Limit.“ (Subcomandante Galeano, 14.04.2019)

Die Zapatistas nutzen das „Limit“ und die Widerstandskapazität der sozialen Netzwerke. Trotz ihrer negativen Erfahrungen mit dem Internet, insbesondere den sozialen Netzwerken, verbinden sie ihre Website mit Twitter, Facebook und YouTube. Eine wichtige Forderung der Zapatistas, um die Unabhängigkeit des Internets zu bewahren, ist das Beharren auf dem „Recht auf Anonymität“. Außerdem schaffen sie eine Ausgewogenheit zwischen Virtuellem und Analogem. Über das Netz werden Grundlagentexte diskutiert und Treffen organisiert. Der inhaltliche Austausch findet jedoch immer basisdemokratisch vor Ort statt. Die direkte Teilnahme ist konstitutiv. Dies erschwert die Kontrolle der digitalen Netze durch Staaten, Internetplattformen und Geheimdienste.

“Reise für das Leben”

Die „Reise für das Leben“, wie die Zapatistas ihre aktuelle Weltreise nennen, ist ein neuerlicher Beweis für die Weiterführung ihrer Vernetzungsstrategie, die nun eine neue Qualität erlangt. Wenn schon zuvor sowohl virtuelle als auch analoge Vernetzung eine große Rolle spielten, so hat sich mit diesem Ereignis die Richtung geändert. Reisten vorher Sympathisant*innen und Unterstützer*innen aus anderen Weltregionen nach Chiapas, um sich an internationalen Treffen zu beteiligen, so kamen dieses Mal die Zapatistas zu ihnen. Sie bereiteten die Reise gründlich vor, beantworteten Einladungsschreiben und bezogen sich auf Organisator*innen vor Ort. Auch die Organisator*innen in Europa begannen sich schon früh auf die Reise vorzubereiten und vernetzten sich virtuell, wobei sie konkrete Aktionen sowohl über vermeintlich geschützte Plattformen wie Signal als auch analog vorbereiteten. Einerseits schützte diese Vernetzungsform mehr oder weniger vor dem Ausspionieren und ermöglichte in Deutschland die Organisation von Großaktionen zusammen mit den Zapatistas, wie das „Rebellische Treffen“ im Wendland und Protestaktionen gegen Unternehmen, die sowohl in Mexiko als auch in Deutschland und der Welt viel Schaden anrichten und Menschenleben bedrohen oder vernichten, wie zum Beispiel den Waffenhersteller Heckler & Koch. Andererseits schränkte die Art der Vernetzung durch die Vorbereitungsgruppen die Reichweite und Beteiligung an der Vernetzung mit den Zapatist*innen ein. Viele interessierte Gruppen und Einzelpersonen, die den gleichen Kampf führen wie die Zapatistas oder in der Vergangenheit direkt mit ihnen zu tun hatten, waren vom Dialog mangels Zugang ausgeschlossen. Nicht alle wollten den Messengerdienst Signal nutzen oder konnten an direkten Aktionen teilnehmen, waren aber bereit zu gemeinsamen Treffen, die jedoch von der deutschen Koordination teilweise nicht akzeptiert wurden. Die Sichtbarkeit der Zapatistas in einer diversen Linken war somit eingeschränkt und entsprach nicht dem Wunsch der Zapatist*innen, vielfältige Formen von Widerständen kennenzulernen. So konnten Gruppen, die in Deutschland eine sehr engagierte Widerstands- und Protestarbeit leisten, trotz ihres Interesses an einem Austausch mit den Zapatist*innen nicht mit ihnen sprechen, obwohl sie zuvor Einladungen ausgesprochen und schriftliche Zusagen dafür erhalten hatten.

Lücken, Grenzen, Widersprüche

Die anfängliche Frage, ob die digitale Vernetzung per se schlecht oder gut ist, muss anhand des zapatistischen Beispiels als abhängig von der Zweckbestimmung beantwortet werden. Die Beschaffenheit des Netzes ist durch Machtkonstellationen geprägt, die ein Kräfteverhältnis offenbaren, das durch die Möglichkeit der Kontrolle und des Missbrauchs durch die Netzproduzenten nicht per se zugunsten des Widerstandes angelegt ist. Das Netz ist aber nicht flächendeckend beherrschbar, es weist Lücken, Grenzen und Widersprüche auf, die genutzt und zu einem Feld des Kampfes werden können. In diesem Kampf gibt es Erfolge, wie es die gegenwärtige Weltreise der Zapatist*innen beweist, aber auch immer wieder neue Herausforderungen. Die Verschränkung von Digitalem und Analogem auf basisdemokratischer Ebene ist dabei ein großer Vorteil bei der weltweiten Vernetzung antikapitalistischer Widerstände.

Zum Weiterlesen:
www.democracynow.org/2019/11/27/indymedia_independent_media_seattle_wto_1999
https://la.utexas.edu/users/hcleaver/Chiapas95/zapsincyber.html
http://la.utexas.edu/users/hcleaver/zaps.html
http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2019/08/14/ouverture-die-realitat-als-feindin/

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 450 Nov. 2021, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt.

Über Raina Zimmering (Gastautorin):

Die Informationsstelle Lateinamerika e. V. (ila) ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz im Oscar-Romero-Haus in Bonn. Das Ziel des Vereins ist die Veröffentlichung kritischer und unabhängiger Informationen aus Lateinamerika. Der Schwerpunkt liegt auf Nachrichten und Hintergrundinformationen aus basisdemokratischer Perspektive. Die Informationsstelle Lateinamerika begreift sich als Teil der politischen Linken und engagiert sich in übergreifenden politischen Bündnissen wie der Friedens- und Antikriegsbewegung oder Attac. Der Verein besteht seit 1975 und gibt die gleichnamige Zeitschrift ila heraus. Alle Beiträge im Extradienst sind Übernahmen mit freundlicher Genehmigung.