Vieles (noch) nicht
Ich fange mit der besten Nachricht an. Was Corona in der Gastronomie verändert, ist nicht alles schlecht. Jörn Kabisch/Freitag macht Beobachtungen, die mir auch schon aufgefallen sind. Im demografischen Wandel, verbunden mit der Einmauerung Europas und Deutschland gegen Einwanderung, und verbunden mit der Verbesserung von Bildung und Cleverness bei jungen Menschen, gewinnt der Produktionsfaktor Arbeit sichtlich an Macht. Das ist schlecht für Gastroketten, deren Geschäftsmodell im Kern aus effizienter Ausbeutung besteht. Durchhalten kann, wer niedrige Fixkosten hat, also z.B. inhaber*innen*geführte Betriebe, denen die Immobilie selbst gehört. Oder die mit den Vermieter*inne*n gut befreundet sind. Und sich ansonsten vor allem selbst ausbeuten – zugunsten der geizigen Kundschaft.
Gut ist auch, dass Wikimedia und öffentlich-rechtliche Medien sich – allzu langsam – aufeinander zu bewegen. Wolfgang Michael/Freitag übersieht die Fallstricke nicht, und kommentiert sie abgewogen und sachlich.
Andrej Reisin/uebermedien gelingt ebenfalls eine abgewogene Kommentierung eines Nachrichten-Medien-Unfalls, der die Gemüter in den asozialen Medien wie üblich übererhitzt hat. Diese Randale erklärt sich ein wenig daraus, dass das Abschreiben zwischen Polizeipressestellen und Lokalmedien eine nun schon jahrhundertealte Praxis ist, die sich in der Menschheitsgeschichte noch nie bewährt hat. Jedenfalls für die, die an hintergründiger Information und Wahrheit interessiert sind.
Wenn Sie Ihre Stimmung nicht verschlechtern wollen, hören Sie hier auf weiterzulesen
Während wir in Mitteleuropa politisch verängstigt einen Krieg fürchten (mehrheitlich; manche Unwissende hätten gerne einen), ist er woanders schon lange mörderisch imgange – nur halt keine Journalist*inn*en von “uns” dazwischen. Zu gefährlich. So wie im Jemen sieht er ungefähr aus, wenn er nicht atomar geführt wird. Aufrufer*innen für mehr Waffenexport können ja ihre Enkelkinder beim “Bund” anmelden. Die können – anders als meine Altersgruppe damals – noch nicht einmal nach Westberlin flüchten, manche vor der Bundeswehr, noch mehr wahrscheinlich vor ihren Nazieltern.
Nehmen wir mal an, es geht alles weiter (ohne Krieg bei uns)
Peter Decker/telepolis hat seine Tesla-Analyse fortgesetzt. Die umkämpfte Entscheidung/Genehmigung steht unmittelbar bevor. Die Fakten sind geschaffen. So ähnlich stellt sich die Kapitalseite, die global herrschende Klasse, die industrielle Zukunft vor. Die Finanzialisierung der Produktion entpuppt sich immer mehr zu einem Kettenbriefsystem. Wenn es zusammenbricht, wollen seine Spitzen in Neuseeland verbunkert oder irgendwo anders im Weltall sein. Die Yacht bleibt dann hier.
Arno Kleinebeckel/telepolis hat das neueste Buch von Markus Metz und Georg Seesslen gelesen: “Apokalypse und Karneval”. Ich teile seine politische Nähe und Konsumfreude an den Werken dieser beiden. Allerdings auch den aufziehenden Überdruss an all den klugen Klageliedern.
Um es noch mal an der aktuellen Friedensfrage zu verdeutlichen: mittlerweile gibt es Dutzende zu unterschreibende Aufrufe für mehr Vernunft, oder ihr Gegenteil. Doch weder bemühen sich die Erstunterzeichner*inn*en um Zusammenarbeit statt Konkurrenz, Eitelkeit und Rechthaberei. Noch haben sie gar organisationspolitisch reale gesellschaftliche Verankerung hinter sich oder an den Füssen. Das Netz quillt über an Schlaubergerei. Aber die Strasse beherrschen menschenfeindliche neoliberal-darwinistische (nicht alle sind Faschist*inn*en) Impfgegner*inn*en, denen zahlreiche leicht beeinflussbare liberale Bürger*innen auf der Strasse – und noch mehr gedanklich – hinterhertrotten. So behalten dann Metz und Seesslen so sehr recht, dass sie selbst Angst davor bekommen dürften.
Ich bin jetzt 65. Als ich jung war, haben wir uns bei den Jungdemokrat*inn*en um solche bewegungspolitischen Problemstellungen gekümmert (und dabei immer sehr gestritten). Fridays For Future ist selbst schon ein Bündnis, das nicht mit allen möglichen Projektionen überfrachtet werden darf. Gibt es noch Jugendliche in den Gewerkschaften? Oder kommen die da gar nicht mehr rein? In den Kirchen scheinen sie durch ihre skandalösen Innereien komplett paralysiert zu sein. Und Jusos und Junge Grüne? Genauso karrieregeil, wie es die Jungen Liberalen schon zu meiner Zeit waren? Umweltorganisationen wie die Deutsche Umwelthilfe oder Greenpeace sind, vergleichbar dem Datensammelunternehmen Campact, nicht mehr mit Mitgliederbasis, sondern mit Datenbesitz wie ein mittelständisches Unternehmen organisiert. In der Umweltbewegung arbeiten der BUND, der Nabu, der VCD und der ADFC noch mit “echten” Mitgliedern, letzterer stark wachsend, ebenso meine Slowfood-Bewegung, oder die AG Bäuerliche Landwirtschaft, beide von überschaubarer Organisationsmacht.
Wenn wir das alles so lassen, dann ist dem Neoliberalismus zu gratulieren. Zwar hat er ökonomisch abgewirtschaftet, aber gesellschaftspolitisch gesiegt.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net