Mein Freund Peter Wahl hat sich oft wenig Freunde gemacht. Als ehemaliger DKP-Beauftragter für Antiimperialismus liebte er die beinharte, erbarmungslose Analyse von politischen Kräfteverhältnissen. Die liebe ich auch, bin aber persönlich weit harmoniesüchtiger als er. Das Schöne an meiner Variante ist, dass ich so mehr Freund*inn*e*n gewinne, für Peter ist “viel Feind, viel Ehr”. Jeder wie er will. Sein Damaskus-Erlebnis war die AKW-Katastrophe von Tschernobyl 1986, in der damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik. Da erkannte er, dass er von seinen Genossinnen und Genossen, die mehr von der Atomtechnik verstanden als er, jahrzehntelang belogen worden war. Ich war genau in jener Zeit mal Übernachtungsgast in seinem damaligen prächtigen Frankfurter Altbauwohnzimmer, und bemerkte in meinem Dämmerschlaf, dass er ähnlich wie eine eingesperrte Katze unentwegt von Unruhe erfüllt in seiner eigenen Wohnung umhertigerte. Ein beeindruckendes Erlebnis. In den 90ern machten wir ein Wechselgeschäft: ich trat auf sein Betreiben bei Weed ein, und er als “Linkswagnerianer” engagierte sich dafür als “opernpolitischer” Sprecher der Bonner Grünen, was sich wenig später zum kulturpolitischen Sprecher auswuchs.

Nun hat er bei Makroskop einen Text abgeliefert, der weit über den Ukrainekrieg hinausweist.: “Die Thukydides-Falle”. Diese Metapher meint laut Wahl: “Eine Harvard-Forschungsgruppe spricht von der Thukydides-Falle. Die Metapher bezieht sich auf den Peloponnesischen Krieg (431-404 v. Chr.) als Modellfall, den der antike Historiker Thukydides aus eigener Anschauung beschrieben hat. Mit dem Krieg ging die Vorherrschaft über Griechenland von Athen auf Sparta über. Die Harvard-Studie hat zwanzig solcher Fälle durch die Geschichte der letzten 2.000 Jahre hindurch untersucht. In sechzehn kam es demnach zum Krieg.” Peters Text entpuppt sich als Grundkurs internationaler Machtpolitik. Meiner Meinung nach hart, unerbittlich realistisch, überzeugend. Wenn Sie bei Makroskop gegen die Paywall laufen, müssen Sie in dem Kasten nach dem zweiten Absatz mit der Überschrift: „Nichts schreibt sich von allein!” unten rechts das Kästchen „GANZEN ARTIKEL LESEN“ anklicken.

Es tut mir echt leid für Sie. Wenn Sie das gelesen haben, ist die spätere Ausrede “wenn ich das gewusst hätte” für Sie keine Option mehr. Wenn Sie also lieber für das Gute gegen das Böse kämpfen und dabei nicht in Motivationskrisen geraten wollen, halten Sie Augen und Verstand von Peter-Wahl-Texten fern. Sonst fangen Sie nachts an rumzutigern – das gibt Ärger mit Mann/Frau und Kindern.
Zur grassierenden Russophobie hatten jüngst Deniz Yücel, der schon in Erdogans Knästen logierte, und Wladimir Kaminer kompetentes zu sagen.

Immer Ausflüge wert: DLF Kultur

DLF-Intendant Stefan Raue ist soeben von seinem Kontrollgremium wiedergewählt worden, einstimmig (aber gewiss kein “Putin”, oder?). Inwieweit er seine Radiowellen prägt, entzieht sich meiner Kenntnis. Das müssten Leute aus seinem “Haus” kommentieren. Die wenigsten in öffentlichen Medienanstalten wagen das öffentlich. Nein, das ist nicht russisch, das ist vollkommen perfekt deutsch.

Davon mal abgesehen produziert Raues Anstalt mehr Audio- und Textperlen, als ich erwähnen oder auch nur entdecken kann. Der Sender ist eine Nische für journalistische und kulturelle Produktivität, jedenfalls im Vergleich zur öffentlichen oder gar privaten Konkurrenz. Ein paar aktuelle Beispiele.

Nadja Baschek bespricht (Audio 6 min) eine neue Präsentation der Bonner Bundeskunsthalle zu Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“, ein Klassiker des Feminismus von 1949. Ich habe von Beauvoir “Die Mandarins von Paris” gelesen, mit dem Eindruck: Unschönes bleibt.

Andreas von Westphalen lieferte schon vor einem Jahr ein Feature: “Russland und der Westen während Jelzin und Clinton – Die Samen des Misstrauens” (Audio 44 min).

“Informiert bleiben, ohne depressiv zu werden” (Audio 8 min, mit Textzusammenfassung) diskutiert Ronja von Wurmb-Seibel – ein Name wie eine Strafe – im Gespräch mit Liane von Billerbeck – ein Name wie eine ARD-Daily Soap.

Auch anderes bleibt wichtig. Durch die antirussische Boykottwelle wird ein Kollateralnutzen nach oben gespült: die Bekämpfung von Geldwäsche. Darin sind russische Oligarchen auch nicht schlechter als westliche: Jens Rosbach: “Kampf gegen Geldwäsche – Eine Task Force gegen schmutzige Geschäfte” (Audio 16 min mit Manuskripttext). Und direkt zu diesem Thema – Geldwäsche wird vorzugsweise über Immobilien betrieben – “Bausektor und Klimaziele – Warum wir jetzt keinen Mist bauen dürfen” (Audio 30 min, mit Manuskripttext) von Valerie von Kittlitz (könnte in der Daily Soap von Frau Billerbeck mitspielen) plus “Landwirtschaft und Bodenpreise – Der Kampf um den Acker” von Ludger Fittkau (Audio 7 min).

Mal was Anderes, was Positives aus der Türkei? “Tüfteln in der Türkei – Start-up-Boom am Bosporus” von Nicole Graaf (Audio 22 min, mit Manuskripttext) plus andererseits Braindrain: “Begehrte Fachkräfte – Türkische Ärzte zieht es nach Deutschland” (Audio 7 min, mit Manuskripttext) von Luise Sammann.

Andrea Westhoff erinnert im “Kalenderblatt” des Senders an “’50 Jahre Club of Rome’-Bericht – ‘Die Grenzen des Wachstums’ markiert Startpunkt der modernen Ökobewegung” (Audio 5 min, mit Manuskripttext). Zum gleichen Thema gabs eine anschauenswerte Sonderausgabe von 3sats “nano” (Video 28 min). Seitdem, spätestens seitdem, wissen eigentlich “alle” Bescheid. Aber noch 1990 flogen die Wessi-Grünen aus dem Bundestag (3,8%), als sie darüber statt über “die deutsche Einheit” reden wollten. Ich war damals gerade eingetreten. Ich bringe jeder Partei mit meiner Zuneigung grösstmögliches Unglück.

Die Königsdisziplin der DLF-Wellen ist immer die dreistündige “Lange Nacht” am Wochenende. Vor einer Woche ging es um “Wikipedia – Weltwissen ohne Gewähr” von Florian Felix Weyh. Dieses Wochenende wird eine alte Ausgabe von 2012 wiederholt: “Eine verzweifelte Vitalität – Die Lange Nacht über Pier Paolo Pasolini” (Audio 173 min, mit Skript!) von Agnese Grieco. 3 Stunden Audio über einen Mann des Kinos. Das ist selbst schon Kunst.

Das sind nur Ausschnitte. Nehmen Sie sich Zeit, und surfen Sie selbst.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net