Der Kollege René Martens hat nach längerer Zeit mal wieder eine erstklassige “Altpapier”-Kolumne unter dem Dach des MDR abgeliefert. Diese Kolumnen ragen aus dem allgegenwärtigen Mediengeschwätz positiv heraus, die von Martens besonders. Sie sind ein klitzekleiner Ausdruck der leider viel grösseren Tatsache, dass der MDR heute ein weit besser geführter ARD-Sender ist als “unser” WDR. Weil es eine Frau ist?

Spektakulär deutlich wird diese Tatsache aktuell an einer kleinen Buchaffäre, die das Zeug zum Wachstum hat. Zur Initiative “Klima vor 8” haben wir verschiedentlich, u.a. hier und hier berichtet. Die ARD hat sich im Umgang damit in für sie traditioneller Weise blamiert. Nun hat die Initiative ein Buch fertig: “Medien in der Klimakrise”. Weit grosszügiger als die ARD hat sie Vorabexemplare an die Sender geschickt, und zwar in ausreichender Zahl, um auch ihre Rundfunkratsmitglieder damit zu versorgen. Was macht der WDR? Er schickt sie “zurück an Absender”. “Leider verteilen wir grundsätzlich keine Unterlagen von Verbänden an die Mitglieder des Rundfunkrats. … nach Rücksprache mit dem Vorsitzenden”. Der MDR hat sie immerhin angenommen. Ich war 1997-2003 während der Intendanz von Fritz Pleitgen selbst mal stellvertretendes Mitglied des WDR-Rundfunkrates. Vieles hat mir damals schon nicht gepasst. Aber dass ich die CSU-inspirierte Gründung MDR mal gegenüber “meinem” Sender hervorheben würde, hätte ich damals nie für möglich gehalten.

Den WDR-Rundfunkratsmitgliedern entgeht so ein Text von einem von ihnen. Robert Krieg war selbst bis 2021 Mitglied des WDR-Rundfunkrates. Er agierte nicht öffentlich-spektakulär, aber machte sich so seine Gedanken, und hat einen kritischen Blick auf die grossen Systemverschiebungen, denen er im o.g. Buch einen Beitrag widmet. Aus Rene Martens’ Kolumne entnehme ich die folgenden Zitate, und überlasse sie Ihren eigenen Gedanken:

“Der notwendige digitale Umbau der Öffentlich-Rechtlichen geht teilweise in die falsche Richtung. Er kapriziert sich auf die vielen Einzelinteressen einer segmentierten Gesellschaft und löst sie in Zielgruppen auf. Man spricht von Kundenprofilen, die jeweils einzeln zu bespielen seien (…) In vielen Diskussionen des Rundfunkrats, an denen ich teilnahm, ging es der Leitung des WDR als Begründung für den eingeschlagenen Weg immer darum, die jungen Menschen erreichen zu wollen, die nicht mehr die herkömmlichen linearen Programme nutzen. Ich halte das für ein vorgeschobenes Argument.”

“Tatsächlich werden unter dem Einfluss von Unternehmensberater:innen und Apologet:innen der Privatwirtschaft die öffentlich-rechtlichen Medien zu einem Produkt umgedacht. Hier liegt der kardinale Fehler. Mit sogenannten Reformen werden Güter des gesellschaftlichen Gemeinwohls auf eine rein marktwirtschaftliche Zukunft getrimmt. Auf diese Orientierung wird jede Innovation abgeklopft (…) Damit unterscheiden wir uns nicht mehr von dem Geschäftsmodell der ‘Big Five’ aus dem Silicon Valley. Wir verlieren die Fähigkeit, uns auf das nicht sofort erkennbar Interessante einzulassen (…) (und) befördern das Verschwinden der Neugierde auf Neues.”

“Gerade weil der gesellschaftliche Zusammenhalt in einer diversen, sozial und kulturell fragmentierten Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich ist, kommt den Öffentlich-Rechtlichen die zentrale Aufgabe zu, einen Raum für diesen herzustellen.”

“Es muss (…) vor allem darum gehen, Themen zu identifizieren und zu bearbeiten, die von gesamtgemeinschaftlichem Interesse sind und nicht einzelne Identitäten und Interessen bedienen. Beispiele sind die Wohnungspolitik, die Sozialpolitik und die Klimakrise. Nur so haben die öffentlich-rechtlichen Medien eine längerfristige Daseinsberechtigung und Überlebenschance. Nur so werden sie sich erfolgreich den Kräften aus Politik und Gesellschaft widersetzen können, die ihre Abschaffung oder doch zumindest radikale Verkleinerung fordern.”

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net