Beueler-Extradienst

Meldungen & Meinungen aus Beuel und der Welt

Merkel und der Journalismus

Dass der deutsche Journalismus sich vor der Ruheständlerin Angela Merkel flach auf den Rücken legt, sagt, streng materialistisch betrachtet, alles über die realen Kräfteverhältnisse. Wenn sie mal ein paar Monate öffentlich schweigt, reicht allein das für ein Rauschen im deutschen Medienwald. Und anschliessend kann sie sich aussuchen, wo, wann und wie sie dann doch geruht, eine Audienz zu geben. “Vierte Gewalt” – ein Witz, ein schlechter. Blamabel für alle in dem Beruf Aktiven, wie die Frau dann eine Nachhilfestunde in Machtpolitik doziert. Immerhin kostenfrei, oder was hat der Spiegel an Aufwandsentschädigung gezahlt? Jedenfalls kostenfrei zugänglich fürs Publikum, das zum Zeitpunkt der Live-Sendung mehrheitlich Fussball geguckt hat (8,8 Mio.; die Nationalmannschaft wird bescheiden).

Bei solchen Live-Ereignissen ist oft die Sekundärberichterstattung und -Interpretation politikmächtiger als das Ereignis selbst. Allgemein hervorgehoben wird wahrheitsgemäss, dass sich Merkel “für nichts entschuldigt” habe – ich füge hinzu: im Gegensatz zu ihrem damaligen Aussenminister und heutigen Bundespräsidenten, sowie zahlreichen Mitgliedern der amtierenden Bundesregierung – und dass sie die Meinung vertreten habe, Putin wolle “die EU zerstören”. Da füge ich hinzu: und da ist er ganz sicher nicht der Einzige.

Ich rate Ihnen: schauen Sie sich die Doppelstunde Politik-Nachhilfe lieber selber an (2 Jahre Mediathek), und bilden Sie sich Ihre eigene Meinung. Es ist nicht nur merkeltypisch langweilig, die Dame beliebt auch zwischendurch zu scherzen, wofür sie unter allen, die sie persönlich kennen, berühmt ist.

Ich würde politisch folgende Passagen hervorheben, nach der pflichtschuldigen Verurteilung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. 2008 war die Ukraine nach Merkels Analyse nicht reif für einen Beitritt zu EU und Nato, weil sie von einem Oligarchensystem beherrscht war, wie Russland. Ohne das so zu sagen – tatsächlich hält sie sich diese Option nur offen – insinuiert sie, dass sich das durch die Wahl von Wolodymyr Selenskyj (“mutig”) geändert habe. Andere meinten und meinen, dass sich dahinter nur ein Oligarchenwechsel zu Ihor Kolomojskyj verbarg. In Wirklichkeit ist es, wie so vieles, komplizierter.

Zu Russland setzte Merkel Akzente, die in der Sekundärberichterstattung grosszügig gekürzt, wenn Sie so wollen, auch zensiert wurden. Russland sei noch heute “das grösste europäische Land”. Sie lobte demonstrativ das Minsk II-Abkommen von 2015 als seinerzeit bestmögliche Lösung und bedauerte, dass es in ihrer – langen – Amtszeit nicht gelungen sei, eine “Europäische Sicherheitsordnung” zu schaffen, wodurch es letztendlich zu dem gekommen sei, “was jetzt geschieht”. Der amtierenden Bundesregierung sprach sie ihr “volles Vertrauen” aus, mehrmals.

Das alles wiederum tut sie, weil sie, wie sie auch kokett durchblicken liess, “nicht fünfmal am Tag” aber doch angerufen wird. Von wem und welchen Inhalts verrät sie schon deswegen nicht, weil sie das offensichtlich nicht beendet wissen will. Wäre sie geschwätzig, wäre es zuende.

Die frühe Bundeskanzlerin Merkel hatte sich schnell zur Fussballexpertin weitergebildet, die sich 2006 nicht scheute, die DFB-“Sommermärchen”-Akteure 2006 mit Fotografen in der Umkleidekabine zu belästigen und sich auf der Ehrentribüne als “erster Fan” ablichten zu lassen. In dieser Rolle ist ihr nicht entgangen, wie der Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack zur WM 2010 aus seiner Position entfernt wurde. Während Wikipedia seine Verletzungen als Grund vorgibt, wie es auch der DFB offiziell getan hat, war der tiefere Grund, dass Ballacks damaliger Berater gegenüber einem Spiegel-Autoren schwulenfeindliche Sprüche (“Seilschaft”) abgesondert hatte, die nicht nur nach Meinung des Fussballlehrers Hans-Joachim Löw den Teamgeist schwer verletzten.

Der damalige Spiegel-Mitarbeiter war der Alexander Osang, der Merkel gestern die Fragen stellen durfte. Kann das denn Zufall sein ;-))

Merkels strategische Schuld

Für angemessenen Wind in den was-mit-Medien-Fachmedien sorgte gestern die hier auszugsweise veröffentlichte Studie von Henning Eichler für die Otto Brenner Stiftung zum “Journalismus in sozialen Medien”. In der Sekundärberichterstattung wird erneut der strategisch wichtigste Aspekt nicht beachtet. Dass Journalist*inn*en diskutieren, was sie richtig oder falsch machen, ist ehrenwert. Besser, als wenn sie es – wie es mehrheitlich leider der Fall ist – nicht tun.

Der Kern der seit vielen Jahren heraufziehenden Katastrophe ist die grenzenlose Dummheit deutscher und europäischer Medienpolitik. Wie in einem Blitzkrieg haben kalifornische Konzerne und chinesische Gegenstücke die Welt-Medienmacht an sich gerissen. In dieser Einschätzung bin ich mir sogar mit Mathias Döpfner einig, der jetzt verzweifelt versucht für seinen Springerkonzern noch Kuchenstücke in den USA zu retten, während der Fuchs KKR schon in seinem Stall ist.

Henning Eichler beschreibt, wie aussichtslos es bereits ist, kurzfristig noch auf “europäische” Plattformen zu setzen. Öffentlich-rechtliche Medien müssen jetzt bei den US-Plattformen nach deren Spielregeln mitspielen und mittel- und langfristig dennoch Autonomie zurückerobern. Hätten Sie und ihre politischen Strippenzieher*innen das Problem vor 20-30 Jahren angegangen, sähen die Kräfteverhältnisse, die längst Spielregeln und Kultur unserer Demokratie und Staatsverfassungen bestimmen, besser aus.

Wie beim Klimawandel waren es die “Äras” Kohl und Merkel, die das in die Grütze gefahren haben.

Und nun lesen Sie zum schlechten Schluss, wie Dr. Chunchun Hu/telepolis die Lage sieht. Er studierte Germanistik an der Peking-Universität, Associate Professor für Deutschland-Studien und Direktor des Masterstudiengangs “Europa-Studien” an der Shanghai Academy of Global Governance and Area Studies, Shanghai International Studies University: “Europas historische Verantwortung im Ukrainekrieg”.

Wie ich oben zu Frau Merkel schrieb: Putin ist nicht der Einzige, der “die EU zerstören” will.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar zu W. Nissing Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

© 2022 Beueler-Extradienst

Theme von Anders NorénHoch ↑