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Frauen, das ist Krieg

mit Update nachmittags
Ein Leser aus NYC beschwerte sich bei mir, dass in diesem Blog so wenig über das Supreme-Court-Urteil zum Abtreibungsverbot geschrieben werde. Der wichtigste Grund dafür ist, dass andere Medien voll davon sind. Die Aufregung ist weltweit, und das ist berechtigt. Wie steht es um die politische Einordnung? Da sind, qualitativ betrachtet, sicher Defizite erkennbar. Darum hier ein kleiner Versuch.

Der sachkundige FAZ-Kommentator Majid Sattar referierte (Paywall) die Spekulationen der US-Parteien, dass den rechten Republikanern bei den im Herbst anstehenden Midtermwahlen die “suburban women” weglaufen könnten. An diese Damen wäre meine Frage: wieso weglaufen? Was glaubten Sie denn bei denen zu finden?

Milliarden Männer werden nie damit aufhören, ihre Frauen wie gemässigt anspruchs- und wertvolle Haustiere zu behandeln. Es gibt in den USA in der Tat immer mehr Frauen, die das ahnen und zu wissen beginnen: Sportlerinnen etwa, oder Models, die mit ihrem professionellen Hintergrund derartige Erfahrungen im Überfluss sammeln mussten. Diese traumatisierten Frauen sind Stars, Weltstars!

Wenn Sie sich mehr für das untere Ende interessieren, bitte schön: hier (video 95 min) oder hier (Video 55 min) erfahren Sie mehr, als es Ihnen behaglich sein kann, wie das Denken und der Alltag fliehender und/oder migrierender Frauen durchgehend von der Frage ausgefüllt ist: wie entgehe ich einer Vergewaltigung? Ihre Familie ist kein Schutz, sondern Bedrohung.

Die gute Melanie Mühl hat vom FAZ-Feuilleton den Auftrag bekommen, über eine Sky-Serie zu Ghislaine Maxwell zu schreiben (Paywall), als Indiz für “Grausame Frauen”. Frau Mühl schreibt unkommentiert, Mr. Epstein habe “Selbstmord” begangen und Mrs. Maxwells Papa sei “plötzlich verstorben”. Nunja, in beiden Fällen wurde nie was bewiesen, bisher. Da kann eine “Lieblingstochter” schon paranoid werden. Tatsächlich arbeitete Mrs. Maxwell als leitende Angestellte (“Zuhälterin”) für ein umfangreiches verbrecherisches Männernetzwerk. Dass nun ausgerechnet Sky dokumentiert, was für ein schlimmer, grausamer Finger diese heute zu verurteilende Frau war, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Sehr lange gehörte dieser Sender Rupert Murdoch, der nach dem “plötzlichen Tod” von Mrs. Maxwells Papa freie Bahn zur Monopolistenwerdung unter Britanniens Medienhäusern hatte, und fortan die Premierminister*innen zum Bewerbungsgespräch bei sich antanzen liess.

Sie glauben, ich schweife ab? Im Gegenteil. Der heute vor Gericht hochgepushte Fall Maxwell, in Wahrheit ein Unterfall des toten Epstein, beweist, wie die Männermedien ihre Herrschaft zu sichern wissen, mit der bewährten Mischung aus Propaganda und Klandestinität. Ob Mrs. Maxwell das im Gegensatz zu Mr. Epstein überlebt, ist eine weit offene Frage. Sie weiss sehr viel. Und wird damit dealen müssen. Das Grausame, das Verbrecherische ist das System, dem sie dient. In dem sind ganz oben fast ausschliesslich Männer.

Wie kommich drauf?

Der Krieg gegen die unzureichend unterwürfige Frau ist ein Weltkrieg. Das treffende Wort “Femizid” breitet sich im Diskurs aus. Das ist ein minimaler Fortschritt. Doch wie oben am Fall Maxwell beschrieben, wissen die Männerkonzerne immer noch allzu gut, wie sie die Frauen packen und kontrollieren können.

Die Liebe ist eine wunderbare Waffe. Wer liebt nicht kleine, süsse Kinder? Wer kann noch ungerührt abseits stehen, wenn sie misshandelt werden? Nee, das ist jetzt unpräzise formuliert. Wenn es nichtöffentlich in der verfassungsrechtlich geschützten Familie passiert, dann ist es in Deutschland z.B. erst seit November 2000 überhaupt verboten. Und wenns keine*r sieht, juckt es auch heute noch (fast) niemand. Wenn es dagegen zu sehen ist, dann ist es ganz ganz schlimm, und kein Mittel zu scharf, um die (sichtbare) Grausamkeit zu bekämpfen. Andere Grund- und Menschenrechte müssen dann ausnahmsweise mal rasiert werden. Datenschutz z.B. Mmh, ja, einerseits. Nun hören Sie, meine Damen, aber mal hier, wie schnell auch ihre Daten ganz ähnlich genutzt werden, wie die von den Kinderpornografen (Audio 5 min). Ja sicher ist das ganz was Anderes. Das ist es ja gerade. USA weit weg? Das war einmal, als die Westernfilme noch schwarz-weiss waren.
Update nachmittags: da der Deutschlandfunk immer etwas lange braucht, um Gespräche zu transkribieren, und es darum oft auch ganz unterlässt (gegenwärtig läuft das gleiche Thema in @mediasres), auf jeden Fall eine wichtige Recherche, danke an Bettina Schmieding. Bei Technology Review/heise habe ich jetzt auch eine geschriebene Fassung des gleichen Sachverhaltes von Julia Kloiber entdeckt. Gute Arbeit Ladies, danke!

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

2 Kommentare

  1. Tina Arndt

    Hallo, Martin Böttger,
    zum letzten Thema „Zyklus-App“, mit der ich mich aus Altersgründen – dem Himmel sei Dank – nicht mehr beschäftigen muss, fiel mir ein, dass eine Freundin mir vor ein paar Jahren erzählte, dass sie dabei sei, eine solche App zu entwickeln. Das hat sie mit ihrem Team auch sehr professionell gemacht: http://www.trackle.de.
    Das Thema Sicherheit spielte dabei natürlich eine große Rolle. Aber es ging um Sicherheit der Verhütung.
    Ich weiss nicht, ob sie auch an Datensicherheit gedacht hat. Deshalb habe ich ihr den link zum Deutschlandfunk gleich geschickt. Bin gespannt, was sie sagt.
    Die Firma sitzt übrigens am Bertha-von Suttner-Platz, und die Ideen dazu sind in BEUEL entstanden, wo wir wohnen.

    Im übrigen möchte ich Ihnen sagen, dass ich fast nur noch den Extradienst lese ( noch ein BEUELER Gewächs) und die links weitgehend verfolge – ausser, wenn es um Fußball geht.
    Sie gehören inzwischen wie ein guter Freund zu meinem Leben. Und ich finde den Gedanken, wir könnten z.B. bei Momo nebeneinander sitzen und Kaffee trinken, ohne dass ich Sie erkenne, ziemlich doof.
    Herzlich,
    Tina Arndt

    • Martin Böttger

      Liebe Frau Arndt,
      herzlichen Dank für all die Komplimente. “Fast nur noch den Extradienst” zu lesen, möchte ich Ihnen allerdings dringend abraten. Das, was Sie an ihm mutmasslich so gut finden, entsteht nur dadurch, dass seine Autor*inn*en sehr viel, und sehr verschiedenes lesen.
      Im Momo-Bistro brauchen Sie nur nach mir zu fragen. In Anlehnung an Frau Merkel: “die kennen mich” ;-)

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