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Mit Nazis demonstriert man nicht

Der Westend-Verlag hat ein Online-Magazin etabliert, das auf den ersten Blick auf mich so wirkt, als hätten sich dort ein paar telepolis-Vertriebene versammelt. Die Details dahinter verborgener Streitigkeiten lassen sich für mich nur vermuten, sind aber an politischer Relevanz diesen Gedankenaufwand kaum wirklich wert. Entscheidend ist, was unten rauskommt. Und da bin ich ausgerechnet bei einem der bisher von mir am meisten respektierten Autoren, Thomas Moser, gestolpert.

Ich hatte schon auf die Unterschiedlichkeit von talentierten Journalist*inn*en und Politiker*inne*n verwiesen. Die Talente für diese Berufe sind sehr unterschiedlich bis gegensätzlich. Vermischung in einer Person wird oft praktiziert – auch auf dem Paarungsmarkt auf zwei – empfiehlt sich aber keinesfalls für die handwerkliche Qualität der zu erledigenden Arbeit.

Dafür scheint mir Moser ein lebender Beweis. Ein 1a-Recherchejournalist ist in diesem konkreten Fall ein besonders schlechter politischer Stratege. Das berührt mich deswegen so stark, weil ich viele seiner Beobachtungen teile. Die Leichtfertigkeit, mit der er über die von ihm rhetorisch der Linkspartei zugewiesenen Devise “Mit Nazis demonstriert man nicht” hinweg geht, legt sich mir wie eine Schnur um den Hals.

War es nicht Anfang der 30er die stalinistisch dominierte KPD, die im “Sozialfaschismus” der SPD den Hauptfeind sah, statt in den Nazis? Dass in der SPD Antikommunismus dominierte, entschuldigt diesen verheerenden Strategiefehler nicht. Und waren es nicht die Bürgerlich-Liberalen, die beim “Ermächtigungsgesetz” 1933 den Löffel abgaben?

Und nein, das Infektionsschutzgesetz mag rechtspolitisch handwerklicher Müll sein – diese Meinung kann mann auch dann haben, wenn sie vom Bundesverfassungsgericht nicht gestützt wird – aber ist mit den marodierenden Mörderhorden des Ermächtigungsgesetzes nicht vergleichbar.

Wer also Querfrontversuchungen in seiner eigenen politischen Verzweiflung nicht mehr standhalten kann, sollte mit sich selbst in Klausur gehen, statt schweren gesellschaftlichen Flurschaden anzurichten.

Das rate ich Thomas Moser, das rate ich Ulrike Guérot und vielen Anderen. Das Herbeireden von “Volksaufständen” von regierungsoffizieller Seite ist dafür übrigens ein ähnlicher Beitrag. Manche wollen alles handlich in einem Sack verpackt, um so ungestörter darüber lamentieren und sich selbst von demokratischer Kritik freistellen zu können.

Nein das wäre wirklich zu billig. Und zu deutsch.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

6 Kommentare

  1. Linksman

    Als ich von der plumpen Querfrontstudie las, war ich (mal wieder) froh, kein zahlendes Mitglied der DGB-Gewerkschaften zu sein.
    Sie wurde auch mittlerweile vom Netz genommen: https://www.nachdenkseiten.de/?p=27777
    Dilettanen wie Wolfgang Storz verlinkt man nicht.

    • Martin Böttger

      Im Gegensatz zu Nazis bin ich hier der Meinung, dass andere Meinungen nicht nur zulässig, sondern sogar angebracht sind. Möge der/die Leser*in selbst entscheiden. Das würde auch besser zu Ihrem Pseudonym passen …

  2. w. nissing

    Also mich erinnert diese ganze Bullshit-Querfront framing Orchestrierung an die Gelbwesteneinordnung in Frankreich. Dort hat man auch als erstes versucht, denen rechtslastig/extremigkeit unter zu schieben und alle mir bekannten Kreisverkehre sind heute in mehr oder weniger linken Händen weil man argumentativ untereinander geredet hat und nicht jeden direkt in den passenden Schuhkarton gesteckt hat wie man das offensichtlich hier in D exzessiv betreibt
    Natürlich muß man sich als Linker fragen, unter welchen Bannern man spaziert, aber dann müßte ich, wenn ich so in die Vergangenheit blicke und mit wem ich damals mit spaziert bin und wo diese Menschen heute stehen, die “siebenschwänzige” auspacken…….
    Und ja, ich halte die hiesige (Köln) “Antifa” entweder für Unterwandert oder für strunzdoof (wobei sich das ja nicht unbedingt gegenseitig ausschließt) und wenn ich mir so das ein oder andere Papier aus dem Rest der Republik aus diesem erlauchten Kreis durch lese beschleicht mich ähnliches.
    In meiner bescheidenen Einschätzung ist das das eigentliche (nicht auf die “antifa” bezogen) “Long Covid” unter der diese Gesellschaft leidet und nicht die Müdigkeit die grassiert, sowas nannte man früher “Ausgepowert” oder auch burnout.

  3. A.Holberg

    Ich denke, was “Nazis” anbelangt, sind die ausschlaggebenden Fragen die, ob 1) “nur” die Kader auftauchen, oder auch -bzw. primär – die irregeleitete Basis, und b) ob linke Kräfte hier eine Chance haben können, die Basis – die ja vermutlich gegen das Gleiche wie die Linke, aber objektiv für das Gegenteil demonstriert – mit den eigenen Argumenten zu erreichen. Das zu versuchen, wäre unbedingt notwendig. Allerdings stehen die Chancen schlecht. Die revolutionäre (d.h. antikapitalistische) Linke ist auf ein kleines Häufchen zusammengeschmolzen – nicht nur in der BRD. Die “Systemlinke” ist “woke” und hat – zum Glück! – schon kulturell keinen Zugang zu den Anhängern oder Sympathisanten der – letztlich ebenfalls wenn auch unwissentlich dem (kapitalistischen) System anhängenden “Nazi”-Basis. Diese “Linke” ist ebenso wie die mehr oder weniger (links-)liberalen Kräfte und ihre Regierung durch ihre Unfähigkeit, irgendwelche Probleme der “werktätigen Massen” zu lösen, die Grundlage für die Erfolge von Rechtspopulisten oder gar Nazis. Damit werden sie noch keineswegs zu “Sozialfaschisten”, aber eben auch nicht zu strategischen Alliierten marxistischer Linker, sondern bleiben – jedenfalls aktuell – deren Hauptfeind.

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