Und der kapitalistisch induzierte Vertrauensverlust demokratischer Medien an den Beispielen Iran / spanischer Frauenfussball

Wladimir Putin ist, obwohl deutsche Medienkonsument*inn*en diesem Glauben anhängen könnten, nicht die einzige globale Gefahr. Johannes Varwick erklärt sie Ihnen im Junge-Welt-Interview. Und hier lesen Sie, wie “der Westen” als politische Projektion sich selbst in Gefahr begibt. Diplomatie als Waffe der Politik wird massiv abgerüstet, militärökonomisch dagegen läuft es prima. Warum, steht hier.

Ein besonders “gutes” schlechtes Beispiel dafür sind die Atomverhandlungen mit dem Iran in Wien. Iran liegt ökonomisch am Boden, dank wirkender Sanktionen. Umso verführerischer für sein Mullahregime wären Atomwaffen. Der letzte Ausweg, um nicht mehr erpressbar zu sein. Der normale diplomatische Weg wäre, dem Verhandlungs-Gegenüber ein ökonomisches Angebot zu machen, das er nicht ablehnen kann. Jede*r ist käuflich – alles eine Frage des Preises. Wollen die Grossmächte in Wien also gar kein Abkommen? Hat Israel sie “in der Hand” (z.B. durch Material von Jeffrey Epstein?), das eine militärische “Lösung” bevorzugt (“bevor es zu spät ist”)?

Nun gibt es mal wieder Revolten und Volksaufstände im Iran. Immer wieder. Die Lebensbedingungen einer bemerkenswert gebildeten Bevölkerung verschlechtern sich seit Jahrzehnten. Das Mullahregime hat nun zahlreiche Kommunikationsmittel stillgelegt. Indem es den revoltierenden Menschen kommunikative Autonomie nimmt, schafft es erst die Voraussetzungen für umso effektiveres Wirken und Instrumentalisierung durch “feindliche” Geheimdienste. Die Hardliner beider Seiten wie so oft Hand in Hand.

Die Imagination des “Westens”, sagen wir der Einfachheit halber mal: die USA, setzen augenscheinlich auf Zuspitzung zerstörerischer Konflikte und die mutwillige Vermehrung von “Failed States” – umso sicherer glauben sie ihre Alleinherrschaft. Ein Irrtum einer ebenfalls im Fallen begriffenen imperialistischen Macht.

Das schlimmste Szenario sieht so aus: die Wiener Verhandlungen um das Iran-Atomabkommen scheitern. Der Iran setzt seine Urananreicherung bis zur Atomwaffenfähigkeit fort. Israel wird bemüht sein, dieses Prozess militärisch und geheimdienstlich zu sabotieren. Im Zuge dessen werden Saudi-Arabien und eine Erdogan-Türkei (sofern es nicht gelingt, ihn durch Wahlen zu stürzen) ebenfalls nach Atombewaffnung streben. Unfälle und Aus-Versehen-Eskalationen immer inbegriffen. Nicht näher an Europa als die Ukraine, aber gleich daneben. Wollen wir das? Ich nicht.

Mein Vorschlag: Atomabkommen abschliessen. Sanktionen, die für die Lebensqualität der Iraner*innen relevant sind, lockern. Zivilgesellschaftlche Kräfte mit allen zivilen Mitteln stärken. Offene Arme für alle Flüchtlinge. Eine Migrationsökonomie wäre sogar eine grosse Hilfe für die Daheimbleibenden.

Und jetzt die Medien

Haben Sie darüber in den letzten Tagen und Wochen was gelesen? Ich nicht. Im Iran sind keine Korrespondent*inn*en mehr. Natalie Amiri muss Tag und Nacht durcharbeiten. Navid Kermani ebenfalls. Sie sind schon lange weg, halten aber, ebenso wie z.B. Extradienst-Autor Ali Mahdjoubi, kontinuierlich Kontakt zu Freund*inn*en und Verwandten. Korrespondent*inn*en müssen von Istanbul aus berichten. Alles eine Sache von Glauben und Vertrauen. Journalismus wäre was Anderes.

Das beklagt auch Harald Welzer im Interview mit der Berliner Zeitung. Wie kommt es zur epidemischen Ausbreitung von Bequemlichkeit und Denkfaulheit im Journalismus?

Dazu ein Versuch einer materialistischen Erklärung anhand einer kleinen aber spektakulären Meldung aus dem Frauenfussball Spaniens. Spanien war ein Mitfavorit der letzten EM und schied nur knapp gegen die späteren britischen Sieger*innen aus. Die beste Fussballerin der Welt ist Spanierin und fehlte verletzt. Europäischer Champions-League-Sieger 2021 war der FC Barcelona, der auch den Zuschauer*innen-Weltrekord im Frauenfussball hält.

Nun gab der spanische Fussballverband RFEF bekannt, dass 15 Nationalspielerinnen hingeschmissen hätten, weil sie den Trainer weghaben wollen. Der RFEF ist unter Fachleuten noch weit berüchtigter als der deutsche DFB. Das hindert aber selbst fachkundige Berichterstatter wie Florian Haupt nicht, dessen Weltsicht zu verbreiten, und macht es sich mit der Formulierung bequem: “Die RFEF selbst steckte die Nachricht sowie die Namen der Spielerinnen am späten Abend an die Medien durch, gefolgt von einem gepfefferten Kommuniqué”.

Was läge also näher, als wenigstens eine der 15 Spielerinnen, oder auch nur eine*n Berater*in oder nahe Verwandte anzurufen, und diese tendenziöse Meldung zu verifizieren? Herr Haupt hatte wohl keine Zeit. Die FAZ, die mehrere Mitarbeiter*innen in Spanien hat, bringt eine platte sid-Meldung, in der das Dementi der Spielerinnen zwar pflichtgemäss erwähnt wird, ohne ihnen besonderes Gewicht zuzumessen.

Glückwunsch an die Spin-Doktor*inn*en von Real Madrid: aus Eurer Sicht funktionieren “unsere” Medien 1a!

Ich weiss, dass viele von Ihnen sich “nicht für Fussball interessieren”. Der Fussball ist aber eine gesellschaftliche Sphäre, in der sehr viele politische Manöver und Spins ausprobiert werden, die uns wenig später alle erreichen werden.

An diesem Beispiel wird deutlich: das deutsche Desinteresse am Ausland. Das Desinteresse an handelnden Subjekten, die nicht Politiker*in oder Funktionär*in sind. Das Desinteresse an autonom handelnden Frauen. Je mehr sie alleingelassen werden, umso ungefährlicher. Das Desinteresse an zu viel Arbeit und Recherche. Das Desinteresse real existierende Hierarchien infrage zu stellen oder gar verändern zu wollen.

Diese Erkenntnisse können Sie auf jeden politischen Spin anwenden, der Ihnen noch begegnen wird.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net