des Freiheitskampfes gibt es viele Widersprüche zu bedenken

Hatte ich Albrecht von Lucke/Blätter nicht schon mal als Kanzlerinnenberater vorgeschlagen? Als Kanzlerberater ginge er auch. In “Endspiel um die Demokratie: Von Gorbatschow zu Putin” schreibt er präzise auf, was das aktuelle Weltbild der Mehrheit in der Berliner Hauptstadtblase ist. Dort müssen sie jetzt wahrscheinlich eine Wahl wiederholen, weil sie “es” beim letzten Mal nicht gekonnt haben. In der Ukraine dagegen lässt das Putinregime jetzt Referenden simulieren, die nach dem Minsk-II-Abkommen auch demokratisch und mit internationaler Kontrolle möglich gewesen wären. Kaum jemand kann sich erinnern, wer das nicht wollte.

Luckes Bild verdeckt, wie turbulent es unter der Decke des Krieges in der gesellschaftlichen Wirklichkeit zugeht, hier wie dort. Dort, in der Ukraine droht die klassische Schockstrategie, die aktuell Anna Jikhareva und Kaspar Surber, Mitarbeiter*in bei der Schweizer Weltwoche in Jacobin skizzieren: Die Ukraine darf kein neoliberales Versuchslabor werden – Während die ukrainische Bevölkerung ihr Land gegen die russische Invasion verteidigt, nutzen die Wirtschaftseliten Europas diese Lage, um ihre neoliberale Agenda durchzusetzen.”

Alex Struwe/Jungle World beschreibt eine Quacksalberbranche, die den real existierenden Kapitalismus kenntlicher macht, als es ihm in Zeiten des Krieges recht sein kann: Die Coachingbranche verspricht Selbstermächtigung, predigt aber Unterwerfung: Prediger des Nachvornekommens – Die Coachingbranche boomt. Zahlreiche Anbieter versprechen ihren Kunden beruflichen Erfolg, Reichtum und mehr Selbstbewusstsein. Doch sprechen sie weniger von Freiheit als von der Notwendigkeit zur Anpassung.” Hier wird die Spitze des Selbstoptimierungswahns ideologisch nackt gemacht. Gute Arbeit.

Und das Gegenmittel wird in der gleichen Jungle World präsentiert: Konditorei, Handwerk und Kunst. Jan Marot führte dieses Interview: “Ein Gespräch mit dem Pâtissier Pierre Hermé über Kunst am Backwerk: »Die Pâtisserie ist eine Kunstform« – Vom 8. bis 11. September trafen sich in Paris Künstler und Künstlerinnen auf der internationalen Konferenz »Reboot: Artistic Sustainability – Beyond Green«, um über Nachhaltigkeit in der Kunst und im Handwerk zu diskutieren. Zu den Teilnehmern gehört auch der französische Pâtissier Pierre Hermé, der für seine Macarons berühmt geworden ist. Ein Gespräch über die Kunst der Konditorei, Genussverzicht in Zeiten des Klimawandels und den herausfordernden Geschmack der Zitrone.”

56% würden angeblich in Rente gehen wollen, wenn sie es sich finanziell leisten könnten. Las ich gestern im ARD-Videotext. Ist schon weg, vielleicht zu subversiv. Ich nehme an Umfragen nicht teil. Aber hier wäre ich – schon wieder – bei der Mehrheit. Wie schreibt Albrecht von Lucke so schön: “Diese Dimension des Krieges – als eine historische Auseinandersetzung zwischen Diktatur und Demokratie – ist in der deutschen Bevölkerung bisher noch gar nicht angekommen.” Da dürfte er rechthaben. Also Augen zu, und warten bis der Alptraum aufhört?

Verschwenden Sie nicht ihre Zeit. Tun Sie alles, was Ihnen gut tut. Es duldet keinen Aufschub mehr.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net